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10.01.2013

Unsere Kandidaten für einen Echo Jazz 2013, Teil 4

Various Artists, Unsere Kandidaten für einen Echo Jazz 2013, Teil 4 © Universal Music Ritenour, Belmondo, Marsalis, Scott

Bereits zum vierten Mal werden dieses Jahr die Echo Jazz Awards bei einer eigenständigen Gala-Veranstaltung verliehen werden. Und stattfinden wird das für die Szene so wichtige Ereignis am 23. Mai 2013 in der geschichtsträchtigen Fischauktionshalle in Hamburg. In den vergangen Wochen stellten wir schon einige der Kandidatinnen und Kandidaten vor, die für einen Echo Jazz 2013 nominiert wurden. Und in Branford Marsalis, Christian Scott, Stéphane Belmondo und Lee Ritenour präsentieren wir diese Woche ein paar ganz besonders heiße Preisanwärter.

Branford Marsalis: Direkter und intensiver denn je zuvor

“Intensität, Intensität, Intensität”, antwortete Art Blakey einmal in einem Interview, als er gebeten wurde, den Jazz in einem (!) Wort zu beschreiben. Branford Marsalis ging bei der Legende bekanntlich Anfang der 1980er Jahre in die Schule. Mit seinem eigenem Quartett bemüht er sich nun schon seit 1996 selber, jedem Konzert und jeder Studioaufnahme höchste Intensität zu verleihen, selbst wenn er dabei Balladen spielt. Und mehr denn je gilt dies für das letzte Album des Quartetts, das den wunderbar schnörkellosen Titel “Four MFs Playin’ Tunes” trägt und für das Branford Marsalis nun für einen Echo Jazz Award in der Kategorie “Internationaler Saxophonist des Jahres” nominiert wurde.

“Branford Marsalis hat eine neue Platte aufgenommen”, schrieb Ralf Dombrowski in der Jazzzeitung. “Sie heißt ‘Four MFs Playin’ Tunes’ und ist die erste mit Justin Faulkner (‘He‘s the guy!’) aus Philadelphia am Schlagzeug, der seit drei Jahren den Job von Jeff ‘Tain’ Watts im Quartett des Saxofonisten übernommen hat. Mehr noch als sein Vorgänger gehört er zu den Kommentatoren am Instrument, der in ständigem Austausch mit den anderen Beteiligten zum Puls der Musik beiträgt und melodisch, strukturell, motivgebend arbeitet. Faulkner fordert Joey Calderazzo heraus, der in dieser Konstellation seine romantischen Passagen hinter sich lässt, um sich dem Dialog, dem Gruppengespräch, manchmal auch Duellen zu widmen. Für Eric Revis am Bass ist das die Gelegenheit, selbst noch freier zu agieren, ohne zugleich die Form verlassen zu müssen. Der Bandleader wiederum pendelt zwischen Abstraktion und melodischer Rückbesinnung, Emphase und Kontrolle. Ein Stück von Monk, ein früher Standard aus den 30ern, ansonsten Eigenes von einer schelmisch nostalgischen Ballade bis zum elegischen Expressionismus in der Ornette-Coleman-Nachfolge und jeder Menge Postbop - ‘Four MFs Playin’ Tunes’ ist wieder sehr grundlegend im Einsatz der musikalischen Mittel, sehr nachdrücklich im Formulieren der eigenen Tonsprache.”

Christian Scott: Der Miles Davis des 21. Jahrhunderts

Dass Christian Scott für einen Echo Jazz Award in der Sparte “Internationaler Blechbläser/Brass des Jahres” nominiert ist, wird niemanden überraschen, der den Aufstieg dieses Trompeters in den letzten Jahren verfolgt hat. Der junge Musiker gilt als eines der größten Ausnahmetalente, die der Jazz im 21. Jahrhundert hervorgebracht hat. Und seine kühnen künstlerischen Visionen werden immer wieder mit denen von Miles Davis verglichen. Auch mit seinem neuen Doppelalbum “Christian aTunde Adjuah”, für das er in den Niederlanden gerade seinen zweiten Edison Jazz Award erhielt, setzt er wieder musikalische Maßstäbe.

“Für den heißen Sud seiner von ihm selbst als ‘Stretch Music’ bezeichneten Fusion-Variante kann Christian Scott aus einer gut gefüllten Vorratskammer schöpfen”, schrieb Werner Stiefele in Rondo. “Der Gestaltungsspielraum des 29-jährigen Trompeters reicht von rauen, angefressenen Tönen, wie sie Freddy Hubbard früher beherrschte, zu den kühlen, ansatz- und vibratofreien, die Miles Davis berühmt machten, oder den mit Strömungsgeräuschen vibrierenden à la Don Cherry - und diese immense Spannweite wirkt keinesfalls manieriert oder angelernt, sondern organisch gewachsen. Damit dehnt er die Grenzen der gängigen Jazzstile so weit aus, dass neue, ungewöhnliche Kombinationen entstehen. Minimalistisches findet sich hier ebenso wie übersteuert Verzerrtes, Psychedelisches, HipHop, groovende Swinganklänge, Free-Jazz-Elemente, Afrikanisches, Rockendes, Punk und Funk, Trash, Noise, Soul, Balladen und schnelle Tempi. Mal scheinen sich Klangwolken im Stil von John McLaughlins in den 1970ern bedeutendem Mahavishnu Orchestra in die Grunge-Garage zu begeben, mal schimmert die Trance der Bitches-Brew-Sessions von Miles Davis durch. [...] Diese Vielfalt passt zu einer Generation, die auf allen Kanälen Informationen in sich aufsaugen kann. Dabei unterscheidet sich Christian Scott von vielen: Er begnügte sich in seinen Studien nicht mit einem oberflächlichen Klang-Wikipedia, sondern er ging in die Tiefe der einzelnen historischen Stile, um deren Kernelemente - getragen von Wissen, Erfahrung und Können - umzuformen und neu zu kombinieren.”

Stéphane Belmondo: Jazztraditionalist ohne stilistische Scheuklappen

In Frankreich gibt es nur wenige Musiker, die innerhalb der zeitgenössischen Jazzszene einen so hohen Status genießen wie Stéphane Belmondo. Der Rest der Jazzwelt lernte den Trompeter spätestens 1995 als Begleiter der großartigen Dee Dee Bridgewater kennen. Seitdem pflegt Belmondo - ähnlich wie sein US-amerikanischer Kollege Roy Hargrove - die Jazztradition, lugt aber auch gerne über ihren Tellerrand hinaus. Für sein letztes Soloalbum “The Same As It Never Was Before” stellte er ein überwiegend balladeskes Programm zusammen, das aber durch geschickt eingestreute Elemente aus Hard-Bop, ethnischer Musik, Motown-Soul und sogar Free Jazz aufgelockert und bereichert wird. Nominiert ist Stéphane Belmondo für einen Echo Jazz Award in der Kategorie “Internationaler Blechbläser/Brass des Jahres”.

“Mit ‘The Same As It Never Was Before’ veröffentlicht der sensible Kraftprotz Stéphane Belmondo ein Album, das vom Gestus her durchaus an die Blue-Note-Geniestreiche der Roaring Sixties erinnert, aber dennoch erstaunlich frisch, zeitgemäß und persönlich klingt”, meinte Jazzthing. “Dies sei vor allem das Verdienst von Kirk Lightsey (Piano) und Billy Hart (Drums), schwärmt Belmondo. Zwei mit allen Wassern der Jazzgeschichte gewaschene Ikonen, die mit dem Bassisten Sylvain Romano seinen musikalischen Fantasien Gestalt verleihen. ‘Unglaublich! Sie spielten exakt das, was mir durch den Kopf ging, als ich es komponierte!’ So wandeln die beiden jüngeren Franzosen mit zwei erfahrenen US-Haudegen durch eine geheimnisvolle, blühende Klangwelt, in der Balladen mit Hard-Bop-Trieben, ethnischen Knospen, Motown-Soul-Blüten und Free-Disteln gen Himmel ranken. Dass Belmondo neben Trompete und Flügelhorn auch noch auf Muscheln bläst, verstärkt die Wirkung des genetischen Fingerabdrucks in seinem kleinen Meisterwerk obendrein. Dabei macht er doch exakt dasselbe wie immer. Mit dem Unterschied, dass es niemals zuvor derart grandios gelang wie hier.”

Lee Ritenour: Ein hochmusikalisches und rundum unterhaltsames Fusion-Album

Auf “6 String Theory” hat Lee Ritenour 2010 vorgemacht, wie ein Gitarren-All-Star-Album zu klingen hat. Für dessen Nachfolger “Rhythm Sessions” trommelte er erneut ein hochkarätiges Team aus Musikern zusammen, die zur Crème de la crème der Keyboarder, Bassisten und Drummer gehören. In der Besetzungsliste tauchen etliche illustre Größen auf, aber auch junge Talente. Das Resultat ist ein Album, das einem eine Vielfalt verschiedener Sounds und Grooves bietet, die zwar alle ihre Wurzeln im Jazz haben, aber mit Elementen aus Funk, Rhythm’n’Blues, Latin, Weltmusik und anderem verfeinert wurden. Damit hat sich Ritenour einen Nominierung für den Echo Jazz Award in der Sparte “Internationaler Gitarrist des Jahres” mehr als verdient.

“Für Lee Ritenour ist es nach seinen eigenen Worten ‘cool’, wenn man auf einer Platte sehr bekannte Musiker mit Newcomern zusammenbringt”, berichtet Olaf Maikopf in Jazzthing. “Und so machte er diese Idee zum Konzept seines neuen Albums, auf dem etablierte Hochkaräter wie George Duke, Chick Corea, Stanley Clarke, Christian McBride, Peter Erskine und Sänger Kurt Elling mit jungen Talenten aus Holland, der Türkei und den USA, allesamt Gewinner der von dem Gitarristen ausgeschriebenen ‘Rhythm Section Competition’, vielfältigstes Songmaterial spielen. Die neuen Stücke komponierte Ritenour selbst, bei den Coverversionen zeigte er seinen Spaß als Interpret der Klassiker von Herbie Hancock oder Chick Corea, aber auch Aktuellerem der Rockband Stereophonics oder e.s.t. Zwar wird die CD unter dem Namen Lee Ritenour angeboten, doch möchte der Kalifornier ‘Rhythm Sessions’ als wirkliches Gemeinschaftswerk aller Involvierten verstanden wissen. Denn hier stehen hinter dem Frontmann verschiedene, speziell für das jeweilige Stück zusammengestellte Rhythmusgruppen, deren gemeinsamer musikalischer Nenner zwar immer der Jazz ist, die darüber hinaus aber auch ihre eigenen individuellen Wurzeln, sei es Funk, R&B, Latin oder Rock, in dieses ambitionierte Projekt einbrachten. So gelang a1len Mitwirkenden ein kollektives und im besten Sinne hochmusikalisches, rundum unterhaltsames Fusion-Album.”