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19.12.2012

Unsere Kandidaten für einen Echo Jazz 2013, Teil 2

Various Artists, Unsere Kandidaten für einen Echo Jazz 2013, Teil 2 © Universal Music Krall, Puppini Sisters, Francis, Gardot

Unsere Kandidaten für einen Echo Jazz 2013, Teil 2

In den USA verleiht die Musikindustrie die Grammy Awards, in Großbritannien die Brit Awards, in Frankreich die Grands Prix du Disque, in Holland die Edison Awards und in Deutschland werden von der Deutschen Phono-Akademie seit 1992 jährlich die Echo Awards vergeben. Die Sparte Jazz wurde dabei zunächst nur am Rande mitgeehrt. 2010 aber wurden die Jazzer flügge und richteten erstmals ihre eigene Gala-Veranstaltung aus. Verliehen werden die Echo Jazz Awards seitdem in 31 Kategorien. Letzte Woche stellten wir schon ein paar der Kandidatinnen und Kandidaten vor, die diesmal für einen Echo Jazz nominiert wurden. Diese Woche präsentieren wir weitere Nominierte.

 Alice Francis: Die deutsche Gesangssensation des Jahres

Als Neo-Charleston-Queen feiert die deutsche Musikszene die junge Kölner Sängerin Alice Francis. Denn auf ihrem Debütalbum “St. James Ballroom” ist sie gemeinsam mit ihrem Produzenten Goldielocks tief in die aufwühlende Musik der 1920er Jahre eingetaucht. Doch sie hat es nicht bei einem Retro-Trip belassen, sondern die Basiselemente von Charleston, Swing, frühem Jazz und Blues so mit zeitgenössischen Grooves und Mitteln kombiniert, dass eine zugleich irgendwie vertraut klingende, aber doch auch aufregend neue Musik entstand. Jetzt wurde Alice Francis für den Titel “Nationale Sängerin des Jahres” nominiert.

“Es ist wie eine Zeitreise mit Federschmuck, Zigarrettenrauch und Perlenkette. Alice Francis entführt uns mit ihrem Debütalbum in die zwanziger Jahre, und das mit einer Leichtigkeit, die  beeindruckt”, schrieb Janine Kallenbach in MELODIE & RHYTHMUS. “Doch sie kopiert die Zwanziger nicht. Sie hat ihren eigenen Stil, der weit über Charleston hinausgeht. Sie haucht dem Charleston nicht nur neues Leben ein, sie verändert ihn auch, passt ihn der Gegenwart an, und da gehört auch eine kleine Rap-Einlage dazu. Mit ihrer kraftvollen, klaren Stimme verführt und berauscht sie. Francis debütiert mit einem solch eleganten Sound, der vor Charme und Selbstbewusstsein strotzt, dass einem gar nichts anderes übrigbleibt, als sich mitreißen zu lassen.”

Melody Gardot: Musikalische Globetrotterin 

Gut zwei Jahre lang tourte Melody Gardot  nach der Veröffentlichung ihres letzten Albums “My One and Only Thrill” kreuz und quer durch die Welt, eilte von Kontinent zu Kontinent und von Auftritt zu Auftritt. Eigentlich sollte man denken, dass sie danach vom Reisen erst einmal ein wenig die Nase voll gehabt hätte. Doch nein, Melody blieb rastlos und war auf neue Abenteuer aus. Ganz alleine setzte sie ihre Reisen fort, um neue Leute und neue Kulturen kennen zu lernen. Sie zog durch die Wüsten Marokkos und die Straßen Lissabons, besuchte die Tangobars von Buenos Aires und die Strände Brasiliens, und versuchte etwas von der Essenz all dieser exotischen Orte für ihr neues Album “The Absence” einzufangen, ohne ihre ureigene musikalische Identität aufzugeben. Und das ist ihr so glänzend gelungen, dass sie einfach für den Titel “Internationale Sängerin des Jahres” (den sie 2010 schon einmal mit “My One And Only Thrill” gewann) nominiert werden musste.

“Mehr als ein Jahr lang war sie unterwegs. Auf den Spuren eines musikalischen Urstroms, einer Lingua franca, die Nordafrika, Spanien, Portugal, Argentinien, Brasilien verbindet. Samba, Rumba, Fado, Tango, in einer schier unerschöpflichen Palette von Schattierungen und Zwischentönen”, schwärmte Ralph Geisenhanslüke in der ZEIT. “Melody Gardot erschafft ihr Image wie ihre Musik. Luxuriöse schwerelose Eleganz, Schicht für Schicht in Handarbeit aufgetragen, poliert und veredelt. Vier Studios, zwei Tonmeister, zwei Jahre Arbeit. Bis zu 250 Gesangs- und Instrumentalstimmen haben sie und der brasilianische Gitarrist Heitor Pereira ineinandergewoben. Pereira, früher Gitarrist bei Simply Red, ist ein Virtuose der Klangfarben. Von den Schlümpfen bis Gladiator hat er alles drauf. ‘Wie die Kinder’ haben Pereira und sie experimentiert. Mit Pflanzenblättern getrommelt, mit Papier und Kugelschreiber Gitarre gespielt. All das im Zusammenhang mit perlenden Pianoläufen, besenraschelndem Schlagzeug und einem Himmel voller Geigen, der bisweilen an die Streichersätze erinnert, auf denen Claus Ogerman den brasilianischen Tropicalismo schweben ließ. Eine sanfte Oberfläche, darunter unendlich viele delikate Schichten. ‘The Absence’ ist ein Soundtrack für Abwesenheiten aller Art. Fernweh, Tagträume, Dreiminutenreisen. Der wundersame Weg der Melody Gardot ist damit noch lange nicht zu Ende.”

Diana Krall. In einer neuen Rolle als rauchige, laszive Gesangsgöttin

Verrucht und sexy, rau und ungeschliffen, verschmitzt und burlesk - so klingt Diana Krall auf ihrem neuen Album “Glad Rag Doll”, für das sie sich laut DEUTSCHLANDRADIO “in eine rauchige, laszive Gesangsgöttin der 20er und 30er Jahre” verwandelte. Dabei schlägt die singende Pianistin ein neues musikalisches Kapitel auf. Das Repertoire besteht zwar vor allem aus Songs der 1920er und 1930er Jahre, aber Krall und ihre von Produzent T-Bone Burnett zusammengestellte Band befördern diese mit erstaunlicher Finesse und Frische ins 21. Jahrhundert. Die Musiker kitzelten aus Diana Krall völlig neue Emotionen heraus, die man von ihr so noch nie zuvor auf einem Album gehört hat. Krall geht bei den Nominierungen für einen Echo Jazz 2013 gleich doppelt ins Rennen: einmal für den Titel “Internationale Sängerin des Jahres” und dann auch noch für den Titel “Internationaler Pianist/Keyboarder des Jahres”. 2010 gewann Krall schon einmal zwei Echo Jazz Awards und könnte diesen Erfolg nun wiederholen.

Mit dem Wort “Spaßprojekt” umschrieb Josef Engels Diana Kralls “Glad Rag Doll” in RONDO geradezu perfekt. “Auf ihrem neuen Album präsentiert sich Diana Krall mit Interpretationen obskurer Songs aus den wilden Zwanzigern ungewohnt humorvoll und kauzig”, meint er. “...man hört schwer stampfende Perkussion aus dem Vaudeville-Theater sowie Ukulelen, Mandolinen und verzerrte Westerngitarren, die von Marc Ribot und Elvis Costello gespielt werden. Krall steuert am leicht verstimmten Klavier (Baujahr 1890) Blues- und Boogie-Woogie-Licks bei. Es klingt sympathisch und ungewohnt.” Auch der KULTURSPIEGEL war begeistert: “Erst Jazz, dann Pop und später wieder Jazz - auf diesem für Sängerinnen typischen Weg wähnten viele die Diva Krall. Nun die Überraschung: Wild statt weich, kantig statt kitschig klingt das Album der Kanadierin. Krall klimpert auf einem Uralt-Klavier, singt Melodien aus Zeiten, in denen man nach Jazz tanzte. Dabei fällt die 47-Jährige nie in Nostalgie. Klasse!”

The Puppini Sisters: Glanz und Glamour von Hollywood

Auf ihrem Album“Hollywood” zollen die Puppini Sisters der Musik Tribut, die einst für die große Kinoleinwand geschrieben wurde. In ihrer unnachahmlichen Art haben sich Stephanie O’Brien, Marcella Puppini und Kate Mullins dafür - und letztmals in der Originalbesetzung (für O’Brien kam inzwischen Emma Smith neu an Bord) - über glamouröse Klassiker aus dem goldenen Zeitalter Hollyoods hergemacht. Bei Filmfans werden diese Aufnahmen zahlreiche Erinnerungen wachrufen. Für einen Echo Jazz wurden die Puppini Sisters in der Kategorie “Internationales Ensemble des Jahres” nominiert.
“Wenn schon covern, dann richtig!”, meinte Artur Schulz auf www.laut.de. “Die Puppini Sister schwingen einfach ihren Zauberstab, und schon funkeln frische Klänge im Hörzimmer. Diesmal geht es auf in Richtung ‘Hollywood’ - und die drei Brit-Mädels machen selbstredend auch dort weit mehr als nur eine ordentliche musikalische Figur.” In All My Music schrieb Helmut Blecher: “‘Hollywood’ und seine großen Filmmelodien haben sich The Puppini Sisters vorgenommen, die sie im Stil klassischer Swing-Ensembles, wie die Andrew Sisters, in neuen Arrangements aufgenommen haben, ohne sich zu weit von den Originalen zu entfernen. ‘Hollywood’ [...] strahlt den unwiderstehlich frischen Charme der drei munteren Grazien aus, mit dem sie sich längst auch in die Herzen der deutschen Swing-Fans gesungen haben. Neben ihrer Interpretation von zehn Hollywood-Klassikern, stammt der sich nahtlos an die Evergreens anschmiegende Titelsong aus der Feder der Puppini Sisters, die für das Album-Cover von ‘Mad Men’-Stylistin Janie Bryant stilvoll in Szene gesetzt wurden.”