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21.12.2011

Jahresrückblick 2011 - Teil 3: Von Branford Marsalis bis Bugge Wesseltoft

Céline Rudolph, Jahresrückblick 2011 - Teil 3 Jahresrückblick 2011 JazzEcho Collage

Im ersten Teil unseres Jahresüberblicks haben wir die ersten drei Monate des Jazzjahres 2011 beleuchtet, im zweiten Teil die Monate April-Juni. Teil drei nimmt nun den Herbst unter die Lupe:

Juli:

Branford Marsalis & Joey Calderazzo: Zeitlosigkeit als Ziel

Seit er vor etwas mehr als zehn Jahren als Ersatz für den kurz vorher verstorbenen Kenny Kirkland zum Quartett von Branford Marsalis stieß, ist Pianist Joey Calderazzo aus dieser Formation kaum noch wegzudenken.

Nach sechs Alben mit dem Quartett haben die beiden dieses Jahr mit “Songs Of Mirth And Melancholy” endlich auch ein Duo-Album eingespielt.

Als Inspiration dienten ihnen nicht zuletzt romantische Klassiker des 19. Jahrhunderts.

“Marsalis und Calderazzo sind brillante Techniker und Melodiker in einem und verdichten ihre Fähigkeiten zu einem kammermusikalischen Kleinod, in das sich zwei Fremdkompositionen von Wayne Shorter und Johannes Brahms (‘Die Trauernde’) nahtlos einfügen”, berichtete Peter Füssl in der österreichischen Zeitschrift Kultur.

“Und sowohl ihre musikalischen Auslassungen zur Fröhlichkeit als auch jene zur Melancholie haben gute Chancen unsere kurzlebigen Zeiten zu überdauern. Stilistische Offenheit (man erinnere sich an Buckshot LeFonque) oder große Experimente darf man sich aber offenbar keine erwarten, wenn Zeitlosigkeit das Ziel ist.”

Bugge Wesseltoft & Henrik Schwarz: Dramaturgisch wohldurchdachte Entwicklungen

Gegensätze ziehen sich an, sagt man. Und auf den ersten Blick scheinen Bugge Wesseltoft und Henrik Schwarz die alte Binsenweisheit zu bestätigen.

Wer die beiden Protagonisten des schlicht “Duo” betitelten Albums aber besser kennt, weiß natürlich, dass sie so gegensätzlich gar nicht sind.

Jazzpianist Wesseltoft hat im Laufe seiner Karriere mehrfach mit elektronischer Musik und Dancefloor-kompatiblen Beats experimentiert.

DJ Schwarz wandte sich in den letzten Jahren dem Jazz zu und erwarb sich besondere Wertschätzung bei den Mitgliedern von Jazzanova und dem britischen Acid-Jazz-Papst Gilles Peterson.

“Übervater der norwegischen Elektroakustik trifft auf Berliner Spezialisten für Techno und Deep House”, meinte Klaus von Seckendorff im Rolling Stone. “Beide setzen auf spontanen Ideenfluss, aber auch auf Raum für weite Spannungsbögen und andere dramaturgisch wohldurchdachte Entwicklungen.

Da wird pianiert, gesampelt, vor allem aber gegroovt, ohne dass bei so viel Tanz-Trance der Wesseltoft’sche Hang zur Romantik unter die Räder geriete. Schwarz dürfte auch als Improvisator sogar Bugges Jazzfans glücklich machen, für die ‘Duo’ zu argen Ambient-Charakter hat. Es gibt viel zu entdecken, wenn man bei dieser raffinierten Tapete genau hinschaut.”

August:

Céline Rudolph: Betörende Melange aus Chanson, Bossa und Jazz

In Frankreich ist der 2008 verstorbene Sänger, Gitarrist und Songwriter Henri Salvador seit langem eine Legende.

In Brasilien verlieh man ihm für seine Verdienste um die Bossa Nova 2005 einen Ehrenorden. In Deutschland aber war er nur Insidern wirklich bekannt.

Bis die deutsch-französische Sängerin Céline Rudolph an diesem Missstand etwas änderte: Mit “Salvador”, ihrer einzigartigen Hommage an den großen Chansonnier, ist Rudolph eines der poetischsten deutschsprachigen Alben aller Zeiten geglückt.

Und mit den sanften Klängen wickelte sie flott auch die deutschen Kritiker um den Finger.

“Es gab Zeiten, Ende der 90er Jahre, da war Céline Rudolph experimenteller”, erinnert sich Berthold Klostermann in seiner Rezension für Stereo, “aber hier entfalten ihre Interpretationen von Klassikern wie ‘Syracuse (Syrakus)’, ‘Maladie d’amour (Liebeskrank)’, ‘Dans mon île (Meine Insel)’ oder ‘Une chanson douce (Eine kleine Weise)’ eine Farbenpracht und einen atmosphärischen Zauber, von denen man sich ebenso gern gefangen nehmen lässt wie von dieser sanft flüsternden Stimme. Eine betörende Melange aus Chanson, Bossa und Jazz.”

Impulse 2-on-1-Serie: Keimzelle des Neuen

Ein ganzes Jahr lang hat das historische Jazzlabel Impulse Records sein 50-jähriges Jubiläum gefeiert.

Und zur Freude aller Fans veröffentlichte man aus diesem Anlass in einer von der internationalen Kritik vielgelobten “2-on-1”-Reissue-Serie 30 CDs, die die musikalische Vielfalt des Labels widerspiegeln.

Durch die editorische Meisterleistung wurden so insgesamt 60 Originalalben aus dem etwas mehr als 300 Alben umfassenden Katalog wieder verfügbar gemacht.

“In den nur anderthalb Jahrzehnten seiner Existenz hat Impulse einen Einfluss auf die Jazzszene aufgebaut, der bis heute unverändert gültig ist”, stellte Volker Doberstein im Tonart-Magazin fest. “Der junge Keith Jarrett, Charles Mingus oder Archie Shepp, sie alle prägten den Ruf des Labels als Keimzelle des Neuen. Und wie ein Mantra der Zeitlosigkeit schwebt über allem eine der einflussreichsten Jazzplatten überhaupt: John Coltranes Meisterwerk ‘A Love Supreme’.

Zum Jubiläum legt Universal nun zahlreiche Schätze aus den Archiven, liebevoll graphisch editiert, neu auf. Der zweite Schwung mit fünfzehn digital remasterten CDs (jeweils zwei Original-Alben auf eioner CD) ist gerade erschienen. Darunter rare Perlen von Chico Hamilton, Sonny Stitt, Oliver Nelson, Alice Coltrane oder dem legendären, im letzten Jahr verstorbenen Saxophonisten Marion Brown.”

September:

The Jayhawks : Lennon/McCartney-Gespann des zeitgemäßen Folkrock

Nach achtjähriger Aufnahmepause meldete sich eine der besten Alternative-Country-Rock-Bands aller Zeiten mit ihrem neuen Album “Mockingbird Time” zurück:

die Jayhawks samt Gründungsmitglied Mark Olsen. Und laut dem deutschen Rolling Stone fand die Band auf ihrem Comeback-Album, das von der Redaktion zur CD des Monats September ernannt wurde, zu perfekter Harmonie und alter Magie.

“Mit Abstand bestes Angebot im Country-Rock-Paket 2011 ist das neue Werk der Jayhawks”, hieß es in der Augsburger Allgemeinen. “In der fünfköpfigen Originalbesetzung von 1995 legt die Band aus Minnesota mit ‘Mockingbird Time’ einen weiteren Meilenstein ihrer verwinkelten Geschichte vor. Wichtigste Nachricht für Fans: Neben Gary Louris, der lange als alleiniger Jayhawks-Boss unterwegs war, ist sein kongenialer Kompagnon Marc Olson endlich wieder mit an Bord.

Zusammen mit Marc Perlman (Bass), Tim O’Reagan (Drums) und Karen Grotberg (Keyboards/Background-Gesang) zelebrieren Louris/Olson - eine Art Lennon/McCartney-Gespann des zeitgemäßen Folkrocks - zwölf wunderbare Lieder zwischen himmelhochjauchzender Euphorie und grüblerischer Wehmut. Das klingt mal mehr, mal weniger nach The Byrds, Buffalo Springfield, Crosby Stills & Nash, Jackson Browne, The Beatles oder Neil Young. Und natürlich immer nach den Jayhawks...”

Rebekka Bakken: Album mit wohltuenden Tiefgang

Auf ihrem fünften Album “September” setzt die singende Songschreiberin Rebekka Bakken fort, was sie 2009 auf “Morning Hours” begonnen hatte: die Zusammenarbeit mit hochkarätigen nordamerikanischen Partnern.

“Zugegeben: ‘September’, Rebekka Bakkens fünftes Solo-Album, bringt nichts wirklich Neues, sie hat das Rad nicht nochmals neu erfunden und sie hatte sich die Latte mit ihrer letzten CD ohnehin schon relativ hoch gelegt”, räumt Peter Füssl in der Zeitschrift Kultur ein. “Aber die mittlerweile auf einer schwedischen Pferdefarm lebende Norwegerin geht ihren auf ‘Morning Hours’ eingeschlagenen Weg in Richtung Singersongwriter-Folkpop konsequent weiter und legt ein makelloses Album mit zehn Eigenkompositionen und drei Covers (den 80er-Jahre-Hit ‘Forever Young’ der deutschen Synthpop-Band Alphaville, Bruce Springsteens Filmsong ‘The Wrestler’ und ‘Love Is Everything’ der kanadischen Songwriterin Jane Siberry) vor, die sich allesamt nahtlos ins perfekte Gesamtbild fügen.

Wundervolle Balladen und leicht ins Ohr gehende Midtempo-Songs rücken Bakkens kristallklare, ausdrucksstarke Drei-Oktaven-Stimme ins beste Licht. Dazu hat sicher auch der Bob Dylan-, Daniel Lanois- und Emmylou Harris-erprobte Produzent Malcom Burn sein Schärflein beigetragen, und die aus erfahrenen amerikanischen Vollprofis bestehende Band spielt sich nie in den Vordergrund, sondern ‘begnügt’ sich damit, der Sängerin einen wirklich perfekten Background zu liefern.

Rebekka Bakken hat mit einem Teil der Songs den Tod ihres Vaters verarbeitet, was dem ganzen Album einen wohltuenden Tiefgang verleiht, es hat aber nichts Trübsinniges, sondern vermittelt die stimmungsvollen Seiten der herbstlichen Melancholie. Ein ‘September’ von zeitloser Schönheit.”