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30.11.2001

No Businessman As Usual -

No Businessman As Usual -

Am 22. November 2001 erlag der Impresario, Produzent und Verve-Gründer Norman Granz in seiner Wahlheimat Genf, wo er seit seinem fast vollständigen Rückzug aus dem Jazzbusiness im Jahre 1959 lebte, seinem Krebsleiden.

Der aus Los Angeles stammende Granz erregte 1944 das erste Mal in der Jazzwelt Aufsehen, als er die legendäre Konzert-Reihe "Jazz At The Philharmonic" (JATP) ins Leben rief. Ziel der JATP- Konzerte war es, den Jazz aus den verrauchten, lärmigen Bars und Dance-Halls herauszuholen und ihm den Zugang zu ehrwürdigen Konzertsälen zu ermöglichen. Deshalb wies der stets etwas barsche Impresario bei seinen Anmoderationen auch immer darauf hin, daß er niemanden tanzen sehen wolle und es auch nicht dulden würde, wenn das Publikum sich nicht gesittet benähme. Er wollte, daß die Leute sich vollkommen auf die Musik konzentrieren, so als besuchten sie ein Konzert mit klassischer Musik.

Nicht immer leistete das Publikum den Wünschen von Granz Folge. Viel zu oft war die Musik der von Granz präsentierten Künstler/innen schlicht zu mitreißend, um am Sessel kleben zu bleiben. Mitunter kam es sogar zu regelrecht turbulenten Szenen, die natürlich Wasser auf die Mühlen der Kritiker von Granz waren, die ohnehin sämtliche JATP-Musiker und -Fans pauschal als "Swing-Enthusiasten der unteren Schichten" schmähten.

Nicht immer leistete das Publikum den Wünschen von Granz Folge. Viel zu oft war die Musik der von Granz präsentierten Künstler/innen schlicht zu mitreißend, um am Sessel kleben zu bleiben. Mitunter kam es sogar zu regelrecht turbulenten Szenen, die natürlich Wasser auf die Mühlen der Kritiker von Granz waren, die ohnehin sämtliche JATP-Musiker und -Fans pauschal als "Swing-Enthusiasten der unteren Schichten" schmähten.

Der Bassist Ray Brown, der regelmäßig mit Oscar Peterson und anderen JATP-Zugpferden zusammenspielte, erinnerte sich einst: "Die ganze Truppe war wie eine große Familie. Bis Norman Granz die Szene betrat, wurden schwarze Musiker stets in billigen Absteigen einquartiert. Leider scheinen viele Leute schon vergessen zu haben, was Granz für uns tat." Allerdings nicht Oscar Peterson, der einem seiner Söhne sogar den Vornamen Norman gab. Peterson erzählt oft, wie Ella Fitzgerald in Houston einst die Mitnahme in einem nur für Weiße bestimmten Taxi verweigert wurde. Woraufhin Granz sich den örtlichen Polizeichef vorknöpfte, was wiederum zur Folge hatte, daß man Granz später beschuldigte, im Backstage-Bereich illegale Würfelspiele zu betreiben. Die Story endete mit der vorübergehenden Inhaftierung von Granz, Ella Fitzgerald, Dizzy Gillespie und Illinois Jacquet.

Trotzdem spielte Granz seine Rolle als "Widerstandskämpfer gegen die Rassentrennung" immer herunter: "Ich wollte niemals irgendetwas beweisen", meinte er 1952 in einem Down Beat-Interview, "außer daß Jazz, wenn er vernünftig präsentiert wird, kommerziell profitabel sein kann." Ohnehin sah Granz sich eher als cleverer Geschäftsmann. "Wenn ich pro Jahr nicht wenigstens 100.000 Dollar Nettogewinn machen würde, gäbe ich den Job dran", tönte er 1953.

Granz' Nüchternheit und Kurzangebundenheit, aber auch sein bissiger Spott sind legendär. Der Jazzkritiker Nat Henthoff nannte ihn deshalb einmal den "störrischsten und schroffsten Mann, den ich je getroffen habe". Als ihm die National Academy of Recording Arts and Sciences 1994 einen Preis für sein Lebenswerk verleihen wollte, lehnte Granz die Auszeichnung mit den folgenden Worten ab: "Ich glaube, ihr Jungs seid ein bißchen spät dran." Ein ganz anderes Bild von Granz gewannen freilich die Künstler, die über viele Jahre oder gar Jahrzehnte mit Granz arbeiteten, allen voran Ella Fitzgerald und Oscar Peterson.

Die letzten JATP-Konzerte fanden 1957 statt, zwei Jahre vor Granz' Umzug in die Schweiz. In den rund 13 Jahren, in denen Granz mit seiner Veranstaltung Erfolge in den USA und Übersee feierte, präsentierte er nahezu alles, was im Jazz der 40er und 50er Jahre Rang und Namen hatte: Nat King Cole, J. J. Johnson, Benny Carter, Illinois Jacquet, Duke Ellington, Count Basie, Ella Fitzgerald, Oscar Peterson, Sarah Vaughan, Coleman Hawkins, Charlie Parker, Lester Young, Dizzy Gillespie, Billie Holiday, Buddy Rich, Roy Eldridge, Stan Getz, Flip Phillips, Zoot Sims und viele andere. Eines der besten Jahre war sicher 1950, als Granz seine JATP-Stars in 57 verschiedenen Städte auftreten ließ.

Obwohl er auch vorher schon Platten für eigene Labels produziert hatte, gründete Granz das Verve- Label erst 1955 und bot natürlich vielen der von ihm protegierten JATP-Künstler Plattenverträge an. Doch schon 1960 verkaufte der mittlerweile in Genf lebende Produzent Verve an MGM. MGM wurde dann von der PolyGram übernommen, die wiederum später in den Besitz von Universal Music überging. 1974 kehrte Granz dann doch noch einmal - wenn auch nicht mehr vom selben Feuereifer beflügelt, der ihm in den 40er und 50er Jahren zueigen war - ins Jazzbusiness zurück: Er gründete das Label Pablo, benannt nach dem Maler Pablo Picasso, mit dem er befreundet war und dessen Werke er sammelte.

Die großen Plattenfirmen waren Norman Granz zeitlebens nicht geheuer. Verächtlich meinte er, daß die Verantwortlichen der Majors es nie schaffen würden, Aufnahmen von der Qualität seiner eigener Verve-Produktionen herzustellen. "Die großen Labels haben nie diese Studio-Mentalität abgeschüttelt, mit der sie alles unter Kontrolle halten wollen", sagte er einmal. "Sie machen ein ýLive'-Album in der Carnegie Hall und pflanzen einen ganzen Wald von Mikrophonen auf die Bühne. Danach gehen sie hin, fummeln hier und da an der Balance rum, schneiden und filtern dies und das weg, doktorn am ganzen Tape herum. Und schließlich kommt dabei eine ý Live'-Aufnahme heraus, die wie eine Studioeinspielung klingt, der als Placebo-Beilage ein bißchen Publikumsgeräusche untergejubelt wurden. Es ist kompletter Schwindel."

Als PolyGram/Verve 1994 in der ausverkauften New Yorker Carnegie Hall - unter dem etwas erschwindelten Titel "50 Jahre Verve" - eine Gala veranstaltete, um zum einen den 50. Geburtstag der JATP-Konzerte zu feiern und zum anderen das exzeptionelle Schaffen von Norman Granz zu würdigen, blieb den geladene Ehrengast der Veranstaltung fern. Mit dem bissigen Charme eines Pitbulls ließ er ausrichten: "Sie kommen 20 Jahre zu spät. Ich bin an solchen Dingen nicht mehr interessiert."

Die letzte Produktion, die Granz nach langen Jahren in der Versenkung machte, war 1998 ein Video mit Aufnahmen von Charlie Parker und Coleman Hawkins aus den 50er Jahren. Als Norman Granz 1999 vom Lincoln Center ein Preis für sein Lebenswerk verliehen wurde, zeigte sich dieser ausnahmsweise einmal milde gestimmt, konnte die Auszeichnung aber wegen seines schlechten Gesundheitszustandes nicht persönlich entgegennehmen. Als Stellvertreter nahm deshalb sein langjähriger Freund Oscar Peterson die Trophäe in Empfang.

Wer noch mehr über Norman Granz, die JATP-Reihe und die Geschichte des Verve-Labels erfahren möchte, sollte unser ausführliches Label-Feature lesen.