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29.06.2001

Aydin Esen: Living

Aydin Esen: Living

Der 1962 in Istanbul geborene Aydin Esen begann schon in jungen Jahren zu komponieren sowie Klavier und Schlagzeug zu spielen. Die ersten Unterrichtsstunden erhielt Aydin von seinem Vater, einem renommierten Trompeter, der in den 60er und 70er Jahren eine eigene Band unterhielt, in der einige der besten türkischen Jazzmusiker und später auch der Filius spielten.

Durch seinen Vater und während seines Besuchs des Belediye-Konservatoriums in Istanbul (wo er vom 5. bis zum 18. Lebensjahr studierte!) lernte Aydin Esen Musikstile der unterschiedlichsten Art kennen und lieben. Schon in seinen frühesten Kompositionen spiegelte sich Aydins Philosophie wider, die Musik nicht streng nach Gattungen zu trennen, sondern Verbindungen zwischen den einzelnen Stilen zu suchen. Mit elektronischer und neuer Musik setzte er sich bereits auseinander, als er noch keine zehn Jahre alt war. Natürlich wurde die Auseinandersetzung, die zuerst mehr spielerischer Natur war, mit zunehmendem Alter ernsthafter.

Als er vom Belediye-Konservatorium abging, konnte Aydin Esen schon eine ganze Reihe seriöser Kompositionen vorweisen, die seine Lehrer in Erstaunen versetzten. 1982 erhielt Aydin ein Stipendium für die norwegische Staatsakademie für Musik in Oslo, wo er Piano, Komposition und Dirigieren studierte. Darüberhinaus unternahm der türkische Pianist in dieser Zeit als Mitglied diverser Ensembles seine ersten Europa-Tourneen und nahm auch an einigen Plattensessions teil.

Als ihm 1983 ein Stipendium für die renommierte Berklee School of Music in Boston angeboten wurde, zögerte Aydin Esen keinen Augenblick und ging in die USA. Innerhalb eines Jahres absolvierte Aydin die Berklee-Kurse, für die eigentlich eine Studienzeit von vier Jahren veranschlagt war. Der Lohn für soviel Fleiß und Talent war ein spezielles Künstlerdiplom. Danach machte der studienbesessene Türke am benachbarten New England Conservatory of Music, der zweiten weltbekannten Bostoner Talentschmiede, noch seinen MA in den Fächern Piano und Komposition (natürlich mit Auszeichnung) und besuchte in New York mit der Julliard School sogar noch eine dritte Elite-Universität.

Ab Mitte der 80er Jahre widmete sich Aydin Esen dann endlich seiner professionellen Laufbahn. Unter anderem machte er Aufnahmen und gab Konzerte mit Miroslav Vitous, Woody Shaw, Vinnie Colaiuta, Pat Metheny, Roy Haynes, Anthony Jackson, Steve Smith, Baron Browne, Frank Gambale, Kai Eckhardt, Peter Herbert, Dave Liebman, Peter Erskine, Tiger Okoshi, Gary Burton, Daniel Humair, George Garzone, Mino Cinelu, Michel Portal, Trilok Gurtu und vielen anderen.

Sein internationales Plattendebüt gab der Pianist 1986 auf "Trio", einem Album des Bassisten Eddie Gomez. Dritter im Bunde dieses Trios, das damals für Furore sorgte, war der Schlagzeuger Marcello Pellitteri. Noch im selben Jahr bildete Aydin mit Tommy Campbell, Baron Browne, Kai Eckhardt, Bob Moses und Sängerin Randy K. die Band Transfusion. Außerdem spielte er 1986 mit Miroslav Vitous, Woody Shaw und Marcello Pellitteri in einem Quartett, das Konzerte in den USA und Europa gab. Gemeinsam mit Tiger Okoshi, Bob Mintzer, Mirolav Vitous und Bob Moses tourte Aydin Esen 1987 einen Monat durch Japan. Danach spielte er eine einige Zeit mit Bassist Jonas Hellborg und Drummer Kenwood Dennard zusammen. Anfang der 90er Jahre arbeitete Aydin Esen erneut mit Miroslav Vitous und ging ein Jahr mit dem Percussionisten Trilok Gurtu auf Tournee.

Seit seiner Studienzeit hat Aydin Esen zahlreiche Preise erhalten: für seine Kompositionen, als Pianist und im Bereich der elektronischen Musik. Besonders stolz ist Aydin auf die Trophäe, die er 1989 für seinen ersten Platz bei einem internationalen Piano-Wettbewerb in Paris verliehen bekam. Letztes Jahr wurde der frühere Preisträger selbst zum Mitglied der Jury ernannt.

Als Studiomusiker und Solokünstler hat Aydin Esen in den letzten 15 Jahren schon Aufnahmen für eine ganze Reihe von Labels gemacht, u.a. für PolyGram, Gramavision, Columbia/Sony Music, Arista und Label Bleu. Unter eigenem Namen veröffentlichte er bisher die Alben "So Many Lifetimes" (1989 mit Saxophonist Francis Bourrec, Sängerin Randy Kartiganer - heute Aydins Frau -, Bassist Peter Herbert und Schlagzeuger Selahattin Can Kozlu), "Pictures" (1989 mit George Garzone, Mick Goodrick, Randy K., Peter Herbert, Selahattin Can Kozlu und Percussionist Mike Ringguist), "Aydin Esen" (1990 mit Peter Herbert und Selahattin Can Kozlu), "Anadolu" (1992 mit Anthony Jackson, Dave Holland, Peter Erskine, Mino Cinelu, Dave Liebman, Jon Faddis, Bob Mintzer, Dave Bargeron u.a.) und zuletzt " Timescape" (1999 mit Randy K., Bassist Baron Browne, Drummer Steve Smith und Aykan Esen).

International große Beachtung fand 1989 auch Wolfgang Muthspiels Album "Timezone", auf dem Aydin Esen und Peter Herbert Seite an Seite mit dem österreichischen Gitarristen sowie Tenorsaxophonist Bob Berg und Schlagzeuger Alex Deutsch zu hören sind. Danach wirkte der Keyboarder an der Einspielung von "This Is Me" mit, dem letzten Album der 1990 verstorbenen Gitarristin Emily Remler, und nahm gemeinsam mit Schlagzeuger Tommy Campbell, Bassist Charnett Moffett und Gitarrist Kevin Eubanks das Album "My Heart" auf. 1991 begleitete er mit Miroslav Vitous und Saxophonist Jerry Bergonzi den Schlagzeuger Daniel Humair auf dessen Album "Edges". Weitere Alben, an denen Aydin Esen als Sideman beteiligt war, waren 1996 "Hellacious Modal Combat Jazz", ein aufregendes Werk des New Yorker Klarinettisten und Komponisten Andrew Anello, und 1997 "Brazilian Landscapes", eine Platte des brasilianischen Gitarristen Sérgio Brandão. Auch bei der Einspielung von Kai Eckhardts Soloalbum "Honor Simplicity, Respect The Flow" (2000) war der Keyboarder neben Saxophonist Courtney Pine, Schlagzeuger Sean Rickman und Tablaspieler Zakir Hussain mit von der Partie.

Außerdem trat der vielseitige Pianist und Keyboarder gelegentlich mit Steve Smiths Fusion-Band Vital Information, im Trio mit Bob Moses und Kai Eckhardt sowie mit dem Michel Portal Nonett auf. 1995/96 war er dann mit Miroslav Vitous, Bob Moses, Bob Mintzer, Chip Jackson, Gary Burton sowie Tiger Okoshi und anderen prominenten japanischen Jazzmusikern mehrmals in Japan auf Tournee. Darüberhinaus verstärkte er in den 90er Jahren seine Tätigkeit als Komponist elektronischer Musik, Produzent und Arrangeur und war in der ganzen Welt unterwegs, um Workshops zu geben oder über zeitgenössische Musik zu dozieren.

In akademischen Zirkeln, die sich mit neuer Musik beschäftigen, ist Aydin Esens Name schon seit geraumer Zeit ein Begriff. Mehrere seiner Kompositionen wurden unter seiner musikalischen Leitung und mit ihm als Solisten schon aufgeführt. Zuletzt veröffentlichte er 1999 mit "Enfas" ein Album mit zeitgenössischer elektronischer Musik. Und auch eines seiner kommenden Projekte wird der vielseitige Künstler wieder der sogenannten Neuen Musik widmen: Dann möchte er einige seiner letzten Kompositionen präsentieren, eingespielt mit einem größeren symphonischen Ensemble und elektronischen Instrumenten.

Eines dieser Stücke, "Signal", fungiert auch als Opener der jetzt erscheinenden CD "Living", die Aydin Esen mit seinem langjährigen Partner Miroslav Vitous und dem Schlagzeuger Vinnie Colaiuta (weltbekannt vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Frank Zappa und Sting) in Istanbul realisiert hat. Während die beiden ersten Titel, "Signal" und "Access Code", deutlich Aydin Esens Auseinandersetzung mit der neuen elektronischen Musik reflektieren, führen Stücke wie "Inversions" und "Open Channel" in die jazzigen Gefilde der freie Improvisation. Impressionistischere Töne werden dann im Titelstück "Living" und in der Komposition "Nefes" angeschlagen. Ganz anders wiederum klingt das formidable Trio in "A & C", einer nervös zwischen Funk, Rock und Jazz schwankenden Nummer, die Erinnerungen an die Fusion-Sounds von Weather Report weckt. Afro-karibische Rhythmen und eine simple repetitive Melodielinie, die immer wieder neu umspielt wird, verleihen schließlich "Stick" einen leicht exotischen Charme, bevor mit den beiden abschließenden Kompositionen, "Response 2.5" und "Kinds", stilistisch wieder an die beiden ersten Titel angeknüpft und das Album so abgerundet wird.

Mit "Living" legt Aydin Esen ein Album vor, das sich vom Gros der heutigen Jazzveröffentlichungen klar und deutlich abhebt. Denn der türkische Künstler spielt weder nostalgische Jazzstandards, noch biedert er sich beim Dancefloor-Publikum mit hippen Grooves an oder surft auf der gegenwärtigen Worldmusic-Welle mit. Und dazu gehört heute schon eine ganze Menge Chuzpe.

Musiker: Aydin Esen - keyboards, live electronics, programming & sound synthesis / Miroslav Vitous - contrabass / Vinnie Colaiuta - drums & percussion

Songs: Signal / Access Code / Inversions / Living / A & C / Nefes / Open Channel / Stick / Response 2.5 / Kinds