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14.06.2017
ECM Sounds

Roscoe Mitchell - Musikalisches Selbstporträt eines Komponisten und Improvisierers

Auf dem Live-Doppelalbum "Bells for the South Side" präsentiert sich der Multiinstrumentalist Roscoe Mitchell mit einer Reihe unterschiedlicher Ensembles und Trios.

ECM Sounds, Roscoe Mitchell - Musikalisches Selbstporträt eines Komponisten und Improvisierers © Susanna Ronner / ECM Records Roscoe Mitchell

Seit mehr als 50 Jahren ist Roscoe Mitchell eine der Schlüsselfiguren der US-amerikanischen Avantgarde-Jazzszene. Der Multiinstrumentalist, Komponist und Improvisierer gehörte 1965 zu den Mitbegründern der Musikervereinigeung Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) in der South Side von Chicago. Aus seinem Roscoe Mitchell Art Ensemble ging 1969 außerdem das Art Ensemble of Chicago hervor, das sich schnell zu einem der Flagschiffe des AACM mauserte. 2015 eröffnete das Museum of Contemporary Art in Chicago die Ausstellung "The Freedom Principle", die dem lebendigen Erbe der afro-amerikanischen Kunst und Kultur der Stadt gewidmet war. Im Fokus stand dabei natürlich auch die Geschichte der AACM, die in diesem Jahr gerade ihren 50. Geburtstag feierte. Roscoe Mitchell wurde damals von dem Museum eingeladen, parallel zur Ausstellung neue Musik zu präsentieren. Bei Konzerten im Theater des Museums und im eigentlichen Ausstellungsraum, in dem Kunstwerke von AACM-Mitgliedern die Wände zierten und das umfangsreiche Perkussionsarsenal des Art Ensemble of Chicago zur Schau stand, präsentierte sich Mitchell mit einigen seiner Bands (darunter vier unterschiedliche Trios), deren Klänge und markante Figuren er dabei nicht nur einander gegenüberstellte, sondern auch erstmals miteinander kombinierte. Aufgezeichnet wurden diese Konzerte von ECM Records für das jetzt erscheinende Doppelalbum "Bells for the South Side".

Die Aufnahmen fügen sich zu einem Komponistenselbstporträt zusammen, dessen Farben und Texturen sich kontinuierlich ändern und dabei Roscoe Mitchells bewegte Geschichte widerspiegeln, während sie gleichzeitig einen Blick in die Zukunft werfen.  Bei den beiden Kompositionen, die im Ausstellungsraum des Museums aufgenommen wurden - "EP7849" und das Titelstück des Albums - schöpfte Mitchell die Bandbreite des perkussiven Instrumentariums des Art Ensemble of Chicago aus, ein Panorama aus Gongs, Glocken, Rasseln, Sirenen, Handtrommeln und mehr.  In "EP7849" wird die Dramaturgie zudem von Craig Taborns Elektronik und Jaribu Shahids Bassgitarre bestimmt, während in "Bells of the South Side" James Fei mit unterirdischen Tönen auf der Kontraaltklarinette und Hugh Ragin (der schon seit den 1970ern mit Mitchell arbeitet und gegenwärtig auch Mitglied des neuformierten Art Ensemble of Chicago ist) mit einem Solo auf der Piccolotrompete ungewöhnliche Akzente setzen.

Das Doppelalbum beginnt mit dem Stück "Spatial Aspects of the Sound", das Mitchells kompositorischen  Einfallsreichtum gleich eindrucksvoll unter Beweis stellt. Am Klavier kann man hier sowohl Craig Taborn als auch Tyshawn Sorey hören (Letzterer beweist auf dem Album auch noch seine Talente als Schlagzeuger und Posaunist!), während William Winant auf Röhrenglocken spielt. Der asketische Charakter der Musik wird von Kikanju Bakus geisterhaftem Auftritt mit Fuß- und Schlittenschellen ausbalanciert. Mitchell krönt das Stück mit einer Melodie für Piccoloflöte. Danach folgt ein Highlight nach dem anderen, bis sich schließlich alle neun Musiker zusammen mit einer atemberaubenden Interpretation von "Odwalla", der bekannten Erkennungsmelodie, die Mitchell einst für das Art Ensemble of Chicago geschrieben hatte, vom Pulikum verabschieden. 

Im reinen Trio-Format präsentiert sich Mitchell mit Trompeter Hugh Ragin und Tyshawn Sorey in "Prelude to a Rose", mit Craig Taborn und Kikanju Baku im frei improvisierten "Dancing In the Canyon", mit Bassist Jaribu Shahid und Schlagzeuger Tani Tabbal in "Prelude to the Card Game", "Card Game" und "The Final Hand" sowie schließlich mit James Fei und William Winant in "Six Gongs and Two Woodblocks" und "R509A Twenty B".