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21.10.2010
Charlie Haden

Flüstern in höchster Vollendung - Charlie Haden Quartet West

Nomen est omen! Für die Aufnahme seines neuen Albums “Sophisticated Ladies” lud Charlie Hadens Quartet West illustre Gastvokalistinnen ein: Melody Gardot, Cassandra Wilson, Diana Krall, Norah Jones, Ruth Cameron und Renée Fleming.

Charlie Haden, Flüstern in höchster Vollendung - Charlie Haden Quartet West © by Steven Perilloux Haden Quartet West Sophisticated Ladies © by Steven Perilloux

Vom Cover des Albums “Sophisticated Ladies” schaut mit verhangenem Blick eine geheimnisvolle, elegante Schönheit, die einem Film noir der 1940er oder 1950er Jahre entstiegen sein könnte. Die Illustration weckt entfernt auch Erinnerungen an die Coverzeichnungen, die David Stone Martin in dieser Epoche für unzählige Jazzklassiker schuf. Mit “Sophisticated Ladies” markiert das Quartet West sein 25-jähriges Bestehen, und die mysteriöse Lady auf dem Cover steht stellvertretend für die sechs Vokalistinnen, die das Quartet West zu seiner Jubiläumsfeier einlud: Melody Gardot, Cassandra Wilson, Diana Krall, Norah Jones, Ruth Cameron und Renée Fleming. Sie alle tragen - eine jede auf ihre Art - dazu bei, etwas von diesem Flair des Geheimnisvollen auch in die Musik einzubringen.

Den Auftakt macht Melody Gardot, die mit großer Verletzlichkeit und gestalterischer Schönheit die alte Ballade “If I’m Lucky” hinhaucht. Mit sehr viel Gefühl schmiegen sich auch Norah Jones (“Ill Wind”), Diana Krall (“Goodbye”) und Cassandra Wilson (“My Love And I”) in die verzauberte Klangwelt des Quartet West. So verinnerlicht und minimalistisch hat man die Damen selten gehört. Überraschen mag in dem Line-Up vor allem die klassische Sopranistin Renée Fleming, die aus ihre Jazzaffinität allerdings nie einen Hehl gemacht hat. So nahm sie vor fünf Jahren mit dem Pianisten Brad Mehldau das Duo-Album “Love Sublime” auf. Und sublim ist hier auch ihre Interpretation von Victor Young und Ned Washingtons “A Love Like This”. Hadens Ehefrau Ruth Cameron ist hier mit “Let’s Call It A Day” zu hören.

Das Material besteht größtenteils aus Jazzballaden, von denen die bekannteste natürlich die Ellington-Komposition ist, die dem Album zu seinem Titel verhalf. Gemischt wurden die Gesangsnummern mit ausgesuchten Instrumentalstücken wie dem Thema der TV-Krimiserie “Markham” von 1959/60. “Angel Face”, aus der Feder von Hank Jones, ist eine Hommage an den am 16. Mai 2010 verstorbenen Pianisten, mit dem Haden 1996 das Duo-Album “Steal Away” aufgenommen hatte und kurz vor dessen Tod noch einen Nachfolger einspielte (der soll nächstes Jahr unter dem Titel “Come Sunday” erscheinen). Expressivere Klangfarben bringen zwei Up-Tempo-Bebop-Nummern ins Spiel: “Today I Am A Man” von Pianist Steve Kuhn und “Wahoo” von Trompeter Benny Harris.

Elf Jahre lang hatte einen das Quartet West auf dieses neue, sechste Album warten lassen. Live war es die ganzen Jahren über aber stets präsent. Zur Besetzung zählen neben Haden nach wie vor die Gründungsmitglieder Alan Broadbent - der Pianist schrieb auch die Streicherarrangements für “Sophisticated Ladies” - und Tenorsaxophonist Ernie Weatts. Nach Billy Higgins und Larance Marable schwingt seit 2006 der junge Rodney Green den Jazzbesen und die Trommelstöcke. Und Charlie Haden führt sein Quartet West immer noch mit dem vollen, warmen Ton und den klaren, singenden Sololinien seines Kontrabasses.

“Charlie Hadens Tanz der Freiheit klingt heute wie ein Flüstern und nicht wie ein Schrei”, bemerkte ein amerikanischer Jazzkritiker, auf Hadens Free-Jazz-Vergangenheit anspielend, einmal in einer Rezension eines Quartet-West-Albums. Auf “Sophisticated Ladies” erreicht dieses Flüstern nun höchste Vollendung.