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16.05.2019
JazzEcho-Plattenteller

Cherry on Top – Kult-LP wiederaufgelegt

Es gibt sie auch in der Musik: Die unerschrockenen Pioniere, deren Heldentaten vielen verborgen bleiben. Don Cherrys "Brown Rice" entgeht diesem Schicksal.

JazzEcho-Plattenteller, Cherry on Top – Kult-LP wiederaufgelegt Don Cherry - Brown Rice

Das Vinyl-Reissue dieses markigen Meisterwerks - das es im Laufe der letzten vier Jahrzehnte verwirrenderweise auch mit einem alternativen Cover gab - war lange fällig. Halbwegs hörbare Originale können 'ne Tankladung kosten, bei vielen früheren Ausgaben geht das Cover aus dem Leim und überhaupt: "Brown Rice" ist ein musikhistorisches Ereignis. Und ragt heraus. Nicht nur der Klänge wegen; die grafische Gestaltung des wunderschönen Gatefolds bildet trotz ihres informativen Charakters und auch merkwürdig indirekt eine stimmige Einheit mit dem Soundgeschehen. Bild und Ton leben von den Gegensätzen, die sich in ihnen vereinen. Es paaren sich hier spirituelle Ambitionen mit Planquadrat-Diagrammen für die Positionierung einzelner Spuren im virtuellen Hörraum. Fantasievolle Farbenfreude trifft auf strenge Linienführung, Info-Text auf emotionale Fotos. Ein Konzeptalbum, aber irgendwie über Bande; ein Freud'scher sozusagen.

 

"Brown Rice" ist kein Free Jazz und auch kein Ethno-Kram oder sonst irgendwas in der Art. "Brown Rice" ist wahrscheinlich einer der ersten wenigen wirklich gelungenen Versuche, die klischeebeladene Leier vom Westen trifft Osten (oder umgekehrt) so zu erzählen, dass man gerne zuhört. Schließt man vom Trompetenspiel auf seinen Charakter, muss Cherry ein integrativer Typ gewesen sein. Und genau das wird es gewesen sein, was die Fusion der Klangkulturen hat gelingen lassen. Cherry und seine kongenialen Mitstreiter haben "ihre" Tradition nicht hinter sich lassen oder aufgeben wollen. Sondern vielmehr erweitern, bereichern, neu erfahren. Und dafür haben sie es manchmal sogar auf sich genommen, Musik mehr oder weniger von vorne zu lernen.

 

So nämlich, wie sie zum Beispiel bei den Amadinda, auf Java, von den Sufis oder auch in China gelehrt und gehört wird. Für Musikologen mag es hilfreich sein, die genauen Einflüsse möglichst spurengetreu nachzuverfolgen, um festzustellen, aus welcher tibetanischen oder malaysischen Region das vermeintlich von Cherry zitierte Volkslied stammt. Für Hörerinnen und Hörer langt es, sich dem Sog der Musik hinzugeben. Der Autor kann dies aus eigener Erfahrung bestätigen. Der manchmal fordernde aber immer faszinierende Mix aus Chants, schwebenden Rhythmen, Charlie Hadens Bass und Cherrys souveränem Ton ist ein Erlebnis im immer wieder neuen Hier und Jetzt. Da sind keine Hooks oder Breaks oder "schöne Stellen". Das ganze Album ist eine einzige "schöne Stelle". Und sollte so auch gehört werden, wenn ich mir den Rat an dieser schönen Stelle erlauben darf.

 

Stanley Crouchs Linernotes machen allerdings einen weniger überzeugenden Eindruck. Bemüht, würde die Human Resources Abteilung wahrscheinlich formulieren. Gut möglich, dass 1975 aber auch nicht die Zeit war, um sich mit LP-Promo-Texten für den Pulitzer zu bewerben. Würde ich heutzutage genauso wenig machen wollen... Außerdem geht es ja um Don Cherry. Und deswegen abschließend mit den Worten von Helge Schneider: Es gibt "Brown-Rice", Baby - hau Dir den Bauch ordentlich voll. Aber so richtig.