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24.04.2019
JazzEcho-Plattenteller

Unsichtbares Licht am Ende des Tunnels - T Bone Burnett leuchtet auf LP

Wie und wann aus Joseph Henry "T Bone" wurde, weiß Burnett nicht mehr. Wer mit über 70 ein Album wie "Acoustic Space" aufnimmt, hat aber auch definitiv andere Themen. Die LP-Version ist ein besonderes Juwel.

Various Artists, Unsichtbares Licht am Ende des Tunnels - T Bone Burnett leuchtet auf LP T-Bone Burnett - The Invisible Light: Acoustic Space

Dunkel. Düster. Dräuend. Anders lässt sich das durch und durch morbide Neu-Werk des alten weisen Mannes kaum beschreiben. Was auch immer den im Vergleich zu seinen professionellen Erfolgen relativ Unbekannten angetrieben hat - eine temporäre Schwarz-Phase, Todesnähe, sonstige Lebenskrisen: Wichtig ist allein, dass dem Autoren selten ein Musikschaffender untergekommen ist, der so wenig Interesse daran zeigt, sich auf seinen wohlverdienten Lorbeeren auszuruhen.

 

Bezogen auf die klangliche Experimentierfreude und offenen Feldversuche steht T Bone Burnetts "The Invisible Light: Acoustic Space" in einer Reihe mit Nine Inch Nails' "The Downward Spiral" und Tom Waits' "Bone Machine". Ganze drei Songs, mehr als 25 Minuten - und in der Vinyl-Variante ganze zweieinhalb Schallplattenseiten - dauert es, bis mit "Anti Cyclone" der erste Song erklingt, dessen Aufbau klassischen Songstrukturen zwar genauso trotzt wie die vorangegangenen Kompositionen, der aber immerhin ein erkennbares melodisch-harmonisches Gefüge aufweist. "High John", "A Man Without a Country (All Data Are Compromised)" und "To Beat The Devil" hingegen gerieren sich als rhythmisch aufgeladene Beschwörungsrituale mit Überlänge, die weder im Berghain noch beim Burning Man Festival fehl am Platze wären.

 

Unterstützung bei dieser Schwarzmalerei hat Burnett von zwei seiner Lieblingskollaborateure erhalten. Multi-Instrumentalist Keefus Ciancia und Schlagwerker Jay Bellerose dürften sich in Sachen geistiger Unabhängigkeit nicht viel nehmen. Es ist davon auszugehen, dass sie dem Klanglaboristen Burnett einen entscheidenden Stoß in die richtige experimentelle Richtung gegeben haben: mehr, krasser, kompromissloser. Dabei sind die sieben Songs auf "The Invisible Light: Acoustic Space" ja selbst nur ein Anfang. Es ist der erste Teil einer Musik-Trilogie, mit der sich Burnett, Ciancia und Bellerose am gesellschaftlichen Status quo abarbeiten und dabei natürlich auch eine Botschaft im Gepäck haben: Verfallt nicht dem Datenwahnsinn und Irrglauben an programmierbares Lebensglück; besinnt Euch auf eure natürlichen Fähigkeiten und werdet nie so bequem, Eure Selbstbestimmung und euer Recht auf Privatsphäre für den Zugang zu Selbstoptimierungs- und Angeber-Portalen aka Social Media einzutauschen.

 

Auf den ersten Blick klingt das alles kaum nach "News". Burnett ist längst nicht der erste, der einen kritischen Blick auf die Welt nach Facebook wagt. Und dennoch ist da etwas an dem Appell eines über 70-jährigen, das aufrüttelt, ja geradezu verstört. Das opulente Artwork der Vinyl-Version – Doppel-LP in kolossalem Gatefold, gefütterte Hüllen, schweres Vinyl sowie ein zig-seitiges Begleitbuch mit Texten, Illustrationen und Fotos im 12""-Format – unterstreicht die Dringlichkeit seines Anliegens. Wie auch Burnetts eigenhändige Linernotes auf dem Backcover. Von Freud und Pawlow über Welles und McLuhan bis zu TS Elliot und Bernay werden dort alle Register gezogen. Das sich einschleichende Gefühl der Überfrachtung ist aller Wahrscheinlichkeit nach Mittel zum Zweck. Passt aber perfekt zum Kopfkino, das die Musik ins Hirn projiziert. Bewundernswertes Teil!