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27.02.2019
Dominic Miller

Dominic Miller - impressionistische Instrumentalmusik

Inspiriert von französischem Impressionismus und indigener argentinischer Musik zeigt sich Gitarrist Dominic Miller auf seinem neuen Album "Absinthe", dessen Genuss garantiert keinen Kater zur Folge hat!

Dominic Miller, Dominic Miller - impressionistische Instrumentalmusik Christoph Bombart / ECM Records Dominic Miller

Mit "Absinthe" hat der Gitarrist Dominic Miller ein Album geschaffen, das von einer wirklich besonderen Atmosphäre geprägt ist. "Den Titel hatte ich schon im Kopf, bevor ich überhaupt damit anfing, irgendwelche Stücke zu schreiben", verrät Miller in seinen Linernotes. "Ich lebe in Südfrankreich und finde den Impressionismus faszinierend. Scharfes Licht und hexenhafte Mistralwinde in Kombination mit starkem Alkohol und heftigen Katern müssen einige dieser Künstler in den Wahnsinn getrieben haben. Der Himmel ist grün, Gesichter blau, die Perspektive verzerrt." Während Millers erstes ECM-Album "Silent Light" ganz im Zeichen intimer Solo- und Duo-Einspielungen stand, präsentiert "Absinthe" den Gitarristen mit einem Quintett, das seinen stets lyrischen Kompositionen eine robustere Struktur gibt. Ein wesentliches harmonisch-melodisches Gegenstück findet Miller, der abwechselnd an mit Nylon- und Stahlsaiten bespannten Akustikgitarren zu hören ist, hier im Bandoneón des Dino-Saluzzi-Schülers Santiago Arias. Sehr viel Lebendigkeit erhält die Musik durch das Schlagzeug von Manu Katché, der über Jahre hinweg Millers Kollege in der Band von Sting war. Mike Lindups Keyboard-Töne verleihen Highlights wie dem Titelstück eine geisterhafte Note, während der Bassist Nicolas Fiszman dem Sound Bodenhaftung gibt. Miller selbst beschrieb die JazzTimes einmal als einen Gitarristen, der "jede Note und die Pausen zwischen ihnen auskostet und seine Finger flüsternd über die Saiten gleiten lässt".

"Absinthe" wurde nicht nur in Südfrankreich konzipiert, sondern dort auch von Miller mit der Band und Produzent Manfred Eicher im Studio La Buissonne in Pernes-les-Fontaines aufgenommen. Das Ambiente war ideal, sagt Miller: "Es ist eine wirklich tolle Atmosphäre, um zu arbeiten. Und ich liebe die Kooperation mit Manfred - er ist ein echter Produzent. Ich muss immer wieder an die inspirierende Authentizität der Platten denken, die er mit Egberto Gismonti gemacht hat. Sie waren für mich immens wichtig..."

"Die ursprüngliche Idee bei meinen beiden ECM-Alben, und vor allem bei diesem neuen, war, dass ein Song wie ein einfaches Selfie sein kann", erläutert Miller. "Aber sobald wir gemeinsam daran gearbeitet haben, wird das Stück zu diesem üppigen fotografischen Stillleben, das all die Licht- und Schattenseiten des Lebens reflektiert. Manfred hilft, die Essenz der Musik zum Vorschein zu bringen und lockt uns dabei oft aus unseren Komfortzonen heraus. Aber damit habe ich überhaupt kein Problem - wir haben jeden Song im Studio neu überdacht, neugestaltet und neu interpretiert. Ich habe im Laufe der Jahre etwa 250 Pop- und Rock-Platten gemacht, und dabei geht es oft darum, sogenannte Perfektion zu erreichen. Aber Manfred strebt diese Art von Perfektion nicht an."

Als Sohn eines US-Amerikaners und einer Irin kam Dominic Miller in Argentinien zur Welt, wuchs ab seinem zehnten Lebensjahr aber in den Staaten auf und studierte dann an der renommierten Guildhall School of Music in London. Durch die Welttourneen, die er seit den 1980er Jahren mit Größen wie Paul Simon, Phil Collins, Level 42, The Chieftains, Plácido Domingo und vor allem Sting unternahm, vertiefte sich seine internationale Denkweise nur noch mehr. Sting dient Miller seit langem als rechte Hand und Koautor bei Stücken wie "Shape Of My Heart". "Stings umfassender Sinn für Harmonien und die Art, wie er Lieder formt, hat mich beeinflusst", sagt der Gitarrist. "Ich versuche das Gleiche zu tun, indem ich eine Narrative mit Instrumentalmusik erzeuge, die ich wie Lieder behandle und arrangiere, mit Versen, Refrains, Bridges. Ich habe von ihm viel über Konzepte und Arrangements gelernt, und auch, wie man eine Geschichte mit Präzision erzählt."

Manu Katchés koloristisches Schlagzeuspiel kennt und liebt Miller schon seit Jahrzehnten, während der Bassist Nicolas Fiszman Mitglied seiner gegenwärtigen Live-Band ist. Wie sehr die beiden auf einer Wellennlänge liegen, wird hier durch ihren Abtausch in "Ombu" unterstrichen, einem Stück, das nach einem Baum der argentinischen Pampa benannt wurde, der für seine ausgreifenden Wurzeln bekannt ist. Arias entdeckte Miller erst vor kurzem in Buenos Aires. "Ich war dort auf Tour und nutzte einen freien Abend, um mir eine Jamsession von einigen lokalen Spitzenmusikern anzuschauen. Sie machten mich allesamt auf diesen jungen Bandoneónspieler aufmerksam. Santiago diese akustische, nicht im Tango wurzelnde, indigene argentinische, mit europäischen Einflüssen vermischte Musik spielen zu sehen, entzündete in mir einen Funken. Die Musik für 'Absinthe' schrieb ich mit dem Timbre seines Instruments und seinem Gespür für Raum im Kopf." 

Arias' Bandoneón spielt auf dem gesamten Album eine wichtige Rolle, sei es atmosphärisch in Stücken wie dem geheimnisvollen "Ténèbres" oder als solistische Stimme wie in "Saint Vincent". Der Titel des letztgenannten Songs bezieht sich nicht etwa auf den Post-Impressionisten Vincent van Gogh, sondern auf den 2017 verstorbenen kamerunischen Gitarristen Vincent Nguini, der über viele Jahre hinweg mit Paul Simon arbeitete und für Miller eine Art Mentor war. "Vincent hatte ein so besonderes Gespür für 'time', wie Schlagzeuger es gerne nennen", sagt er. "An der Art, wie er mit 'time' umging, konnte man ihn immer schon nach wenigen Noten erkennen."

Das Titelstück von "Absinthe" beginnt damit, dass Millers Hände die Nylonsaiten einer Gitarre mit kleinem Korpus mit der für ihn charakteristischen "handwerklichen Präzision" (wie die Irish Times es einmal ausdrückte) befingern. Nachdem Gitarre und Bandoneón die Melodie entwickelt haben, setzt Katché mit einem markanten Beat ein, der von Fiszmans tiefem Bass verstärkt wird. Das Stück erhält sofort die Dramaturgie einer Geschichte, wobei Lindups Synthesizer-Klänge subtil wie ein Gespenst durch das Arrangement schwirren und der Narrative etwas Außerweltliches hinzufügen. "Ich wollte, dass der Synthie ein störendes Element beisteuert, wie z.B. eine durch Absinth hervorgerufene Benommenheit", erklärt Miller. "Ich kenne Mike seit Jahren und weiß blind, was er in meine Musik einbringen kann. Mal sind es solche unkonventionellen Synthie-Klänge, dann wieder - wie in 'Étude' oder 'Verveine' - fließende Klavierlinien. Letzteres Stück ist übrigens nach einer Art Kräutertee benannt, den es in Frankreich gibt und den ich mag. Er soll hilfreich sein, wenn man einen Kater hat. Also schätze ich, dass die alten Maler ihn nach den Visionen des Absinthes als beruhigendes Gegenmittel benutzt haben könnten."