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25.01.2019
ECM Sounds

Yonathan Avishai - von überflüssigen Schnörkeln befreite Trio-Musik

Als zweites ECM-Debüt in dieser Woche stellt sich der in Frankreich lebende israelische Pianist Yonathan Avishai mit seinem Trio-Album "Joys And Solitudes" vor.

ECM Sounds, Yonathan Avishai - von überflüssigen Schnörkeln befreite Trio-Musik Caterina di Perri / ECM Records Donal Kontomanou, Yoni Zelnik, Yonathan Avishai

Yonathan Avishai kennen ECM-Fans schon durch die beiden Alben, die er als Mitglied von Trompeter Avishai Cohens "Dream Team" für das Label eingespielt hat: "Into The Silence" und "Cross My Palm With Silver". Parallel entwickelte er in den letzten fünf Jahren mit dem ebenfalls aus Israel stammenden Bassisten Yoni Zelnik und Schlagzeuger Donald Kontomanou, einem Sohn der französischen Jazzsängerin Elisabeth Kontomanou, ein eigenes Projekt namens Modern Times, das sich in seiner Arbeit mit der sich stetig ändernden Bedeutung von Modernität auseinandersetzt. Exemplarisch ist dafür, wie das Trio auf "Joys And Solitudes" an Duke Ellingtons Klassiker "Mood Indigo" herangeht. "Ellington ist ein durch und durch moderner Pianist und Komponist", sinniert Avishai. "Seine Art, eine Geschichte durch sein Spiel zu erzählen, hat mich beeinflusst, und 'Mood Indigo' ist ein Lied, das ich schon lange liebe." In den sieben folgenden Eigenkompositionen reflektiert der Pianist, der 2017 vom Jazz Magazine als die "französische Entdeckung des Jahres" gefeiert wurde, ein breites Spektrum an Musiken und Erfahrungen. In seinem Spiel und seinen Kompositionen sucht Yonathan nach dem Essenziellen und vereint die unterschiedlichsten Einflüsse. Verzierungen werden rigoros kurzgehalten, keine Note wird verschwendet. Obwohl er ein zukunftsweisendes Konzept verfolgt, ist in seiner Musik auch stets Platz für die traditionellen Werte des Swing und Blues. Seine Musik tanzt immerzu in den Räumen zwischen den Phrasen.

"Ich fühle mich sehr in der Tradition verwurzelt", sagt Yonathan Avishai. "Zuerst einmal liebe ich die Geschichte und die Perspektiven, die einem das Studium der Geschichte eröffnet. Und ich interessiere mich für die gesamte Jazzgeschichte, von Louis Armstrong bis Cecil Taylor und darüber hinaus." Auf die Frage, den Moment zu definieren, in dem er die Charakteristiken seines eigenen Stils erkannte, antwortet er: "Ich denke, das war der Moment, als ich erkannte, dass es Dinge gibt, die man nicht tun kann. Dabei geht es nicht nur um Fähigkeiten, sondern auch darum zu verstehen, in welchen Kontexten die eigene Stimme am ausdrucksvollsten ist. Irgendwann wurde mir klar, dass ich mit weniger Noten mehr ausdrücken konnte. Und wenn man Lester Young oder Louis Armstrong zuhört und sieht, wie sie einen in acht Takten zu Tränen rühren können..." Das, meint er, ist eine Ökonomie, die man anstreben sollte.

Der in Tel Aviv geborene Yonathan Avishai verbrachte die ersten Jahre seiner Kindheit in Japan, wo sein Vater studierte. "Meine Eltern waren Menschen, die sich mit Kunst und Kultur beschäftigten und mich in Japan mit vielem davon bekannt machten. Ich habe zum Beispiel viele Kabuki-Aufführungen gesehen und wurde ein echter Fan. Ich spüre noch heute den nachhaltigen Einfluss dieser Zeit, ich verdanke ihr ein Faible für eine bestimmte Art von Ästhetik und Energie - und in meiner Musik spielt eine gewisse Vorliebe für 'Minimalismus' eine Rolle, obwohl mir das Wort nicht besonders gefällt. Vielleicht lässt sich diese auch auf Kabuki zurückführen." 

Nach seiner Rückkehr nach Israel wuchs Yonathan, wie er es ausdrückt, "im Grunde genommen an der Seite von Avishai Cohen" auf. Der Pianist und der Trompeter begannen miteinander zu spielen, als sie dreizehn Jahre alt waren, und haben seitdem fast kontinuierlich zusammengearbeitet. "Wir gingen auf die gleiche Schule, lebten im gleichen Stadtviertel und machten sehr ähnliche Erfahrungen bei der Entdeckung des Jazz." In Yonathans Fall war der Prozess eine Art Rückwärtsreise - sie begann bei Hip-Hop und führte ihn dann über Funk und Fusion zum Kern der Tradition. Sein wachsendes Interesse am Jazz wurde von Verwandten in Frankreich unterstützt, die ihm Musikkassetten nach Israel schickten: "Thelonious Monk, das Duke Ellington Trio, Count Basie, Bill Evans... Das waren die ersten, die ich hörte und liebte."  Ermutigung gab es auch von der israelischen Jazzgemeinde. "Die Jazzszene in Israel ist großartig. Es ist ein winziges Land, so weit von den Vereinigten Staaten entfernt, aber musikalisch passiert dort eine Menge. Wir hatten großartige Lehrer, leidenschaftliche und sachkundige Menschen."

2000 zog Yonathan nach Frankreich um. Mehr als einem Jahrzehnt lang war er in der südwestlichen Region Dordogne ansässig, bevor er vor einigen Jahren näher an Paris heranzog, wo er schon bald mit Yoni Zelnik und Donald Kontanomanou zusammentraf. "Mir war sehr schnell klar, dass ich in ihnen die Leute gefunden hatte, die ich brauchte, um mit der Musik und diesem Projekt voranzukommen." Wie Avishai haben die beiden einen weltoffenen kreativen Ansatz. Schlagzeuger Kontomanou spielte zuletzt in Laurent de Wildes New Monk Trio. Bassist Zelnik arbeitete u.a. mit den Gruppen von Pianist Florian Pellissier und Schlagzeuger Fred Pasqua. Als Mitglied des Triveni-Trios tourte er auch mit Avishai Cohen und Nasheet Waits.

Die Stücke auf "Joy And Solitudes" verdanken ihren Ursprung vielen verschiedenen Orten. "Les pianos de Brazzaville" erinnert beispielsweise an zwei Reisen, die Yonathan Avishai in die zentralafrikanische Republik Kongo unternahm. "Tango" ist wiederum eine kreative Antwort auf das Album "Ojos Negros" von Dino Saluzzi und Anja Lechner. "Ich habe mir diese Aufnahme einen Monat lang nonstop angehört. Mein Stück war kein Versuch, einen Tango zu schreiben. Ich wollte nur etwas von der Farbe und dem Flair ihres Spiels einfangen."

Zu "When Things Fall Apart", dessen Titel einem Buch der amerikanischen Buddhistin und Schriftstellerin Pema Chödrön entlehnt ist, wurde Yonathan durch die Musik von Avishai Cohen inspiriert. "Es ist eigentlich eine direkte Antwort auf Avishais Komposition 'Into The Silence'. Obwohl ich seiner Band angehöre und an der Gestaltung der Musik mitgewirkt habe, ist die Art und Weise, wie sich dieses Stück entwickelt, ein wenig mysteriös, und ich mag das emotionale Ergebnis. Viele der Dinge, die ich schreibe, sind melodisch einfach und oft im 4/4-Takt, aber bei 'When Things Fall Apart' wollte ich mit einer längeren Form experimentieren, mit Räumen zum Improvisieren, so wie es Avishai oft tut."

Bei einem Auftritt in der Galerie im Theater von Ingolstadt, wo derzeit noch die ECM-Cover-Ausstellung "Der Wind, das Licht: ECM und das Bild" zu besichtigen ist, wird das Yonathan Avishai Trio am 27. Januar im Rahmen einer Finissage sein Album "Joys And Solitudes" live vorstellen.