Wenn man Musikfans rund um den Globus befragt, wer der weltbeste Banjospieler ist, fällt als Antwort meist der Name Béla Fleck. Der gebürtige New Yorker, der von seinen Eltern nach dem klassischen Komponisten Béla Bartok benannt wurde (seine beiden anderen Vornamen verdankt er Anton Webern und Leo Janácek), nahm erstmals mit 15 Jahren ein Banjo in die Hand. Angestiftet hatte ihn dazu die Musik von Lester Flatt und Earl Scruggs, zwei Pionieren des Bluegrass und Banjo. Noch während seiner Highschool-Zeit begann Béla Fleck damit, Bebop auf dem Banjo zu spielen.
Mit gerade einmal 21 Jahren nahm er 1979 sein erstes eigenes Album "Crossing The Tracks" auf, das seinem Namen alle Ehre machte, weil der junge Debütant darauf neben eigenen Stücken und traditionellen Bluegrass-Nummern auch Chick Coreas "Spain" und Fats Wallers "How Can You Face Me Now" interpretierte. 1982 wurde Fleck Mitglied der progressiven Bluegrass-Band New Grass Revival, mit der er bis Ende der 80er Jahre zusammenarbeitete. Parallel nahm er allerdings auch weiterhin Soloalben auf, die seinen Ruf als Virtuose festigten.
Seine Band The Flecktones gründete Béla Fleck 1989 mit Musikern, die ebenso talentiert und abenteuerlustig sind wie er selbst. In der Originalbesetzung spielten neben dem Harmonicaspieler und Pianisten Howard Levy auch schon Victor Wooten und dessen Bruder Roy "Future Man" Wooten mit. Auf ihrem Debütalbum von 1990, das vom Publikum und der Kritik mit einhelliger Begeisterung aufgenommen wurde, spielte die Gruppe einen sogenannten "Blu-Bop-Mix" aus Jazz und Bluegrass. Seitdem nahmen Béla Fleck & The Flecktones weitere neun Alben auf (darunter das aus drei CDs bestehende Konzeptalbum "Little Words") und heimsten dafür 18 Grammys ein. Béla selbst gilt heute als der Musiker, der - in den unterschiedlichsten musikalischen Sparten - die meisten Grammy-Nominierungen eingefahren hat.
Die Flecktones - heute besetzt mit Bassist Victor Wooten, Saxophonist Jeff Coffin und Perkussionist Future Man - sind weit mehr als nur eine Begleitband. Jedes Bandmitglied erhält die Chance, den Stücken seinen eigenen Stempel aufzudrücken, und wie in den besten Jazzensembles übernehmen die Musiker nicht nur eine Rolle als Begleiter, sondern treten auch ständig selbst als hochkarätige Solisten in Erscheinung.
Seit ihrem Debütalbum von 1990 begeistern Béla Fleck & The Flecktones Hörer in aller Welt mit ihrer einzigartigen Kombination von musikalischer Kreativität, technischem Können und gelegentlicher Verrücktheit. All diese Facetten kommen nun auch wieder auf der neuesten CD "Jingle All The Way" zum Zuge. Das mit einem reichlich kitschigen Cover versehene Album wartet mit einem Repertoire auf, das so ziemlich jedes bekannte klassische Weihnachtslied enthält. Allerdings hat man diese Lieder noch nie zuvor in solcher Weise gehört. Die Melodien mögen einem vertraut sein, werden aber durch die nicht alltägliche Instrumentierung (mit Banjo, einem funky E-Baß, Perkussion und einer Klezmer-Klarinette), exotische tonale Strukturen (der tuvinische Kehlgesang des Alash Ensemble) und die rhythmischen Interaktionen der Band völlig umgekrempelt.
Zum Auftakt präsentiert die Band "Jingle Bells", aber - wie die Komiker von Monty Python nun wohl sagen würden - nicht das "Jingle Bells". Das Arrangement der Flecktones beginnt mit dem kauzigen Kehlgesang des Alash Ensemble, einem chromatischen Riff von Banjo und Baß sowie einer etwas gestutzten Flötenmelodie - erst dann wird der Refrain in fast schon traditioneller Weise gespielt. Danach geht es mit einem im 5/4-Takt gespielten "Silent Night" weiter, bei dem Wootens Griffbrettläufe an Jaco Pastorius und Stanley Clarke erinnern. "Sleigh Ride" beginnt mit einem jazzigen Beatnik-Groove von Schlagzeug und Baß, dem sich ein halsbrecherisches Duett von Banjo und Sopransaxophon anschließt.
Dann tritt Victor Wooten mit einem lyrischen Soloarrangement von Mel Tormés "The Christmas Song" ins Rampenlicht und vollbringt eine technische Meisterleistung, der zuzuhören eine reine Freude ist. Auf das in gewitzter Call-And-Response-Manier eingespielte "Twelve Days Of Christmas" folgt eine fast schon klassisch zu nennende Interpretation von Bachs Weihnachtsoratorium. Bei dieser Gelegenheit gesellt sich als Gast Edgar Meyer mit Kontrabaß und Bogen zu den Flecktones. Als nächstes gibt es dann mit den beiden Stücken "Christmas Time Is Here" und "Linus And Lucy" eine Hommage an den "Peanuts"-Komponisten Vince Guaraldi.
Nach einer Reprise von "Jingle Bells" (diesmal von Alash-Sänger Ayan-ool Sam und Béla im Duett vorgetragen) machen die Flecktones einen Abstecher nach Osteuropa: zu diesem Zwecke verpaßten sie zunächst dem "Hanukkah Waltz" ein Klezmer-Arrangement. Die Klarinette spielt in dieser Nummer ein ausgewiesener Kenner der Materie: der Klezmer-Klarinettist (und Bluegrass-Mandolinenspieler) Andy Statman. Weiter geht es dann mit dem "Tanz der Zuckerfee" aus Tschaikowskis bekannter "Nußknacker-Suite", wobei Béla Fleck mit seinem Banjo ein ganzes Streichorchester ersetzt.
Andy Statman (diesmal an der Mandoline) und Edgar Meyer (am gestrichenen Kontrabaß) bleibt es vorbehalten eine wunderbare Rubato-Version von "O Come All Ye Faithful" vorzutragen. Dann folgt ein ebenso traumhafter Weihnachtsmedley, der darin kulminiert, daß fünf der Stücke des Medleys zum Schluß simultan gespielt werden. Herrlich schräg geriet dann wieder "Have Yourself A Merry Little Christmas" mit Statmans Mandolinen-Tremoli und dem knarzigen Baritonsax von Coffin. Das Album endet mit Béla Flecks elegischer Solointerpretation von Joni Mitchells "River". Fleck spielt hier gleichzeitig Piano und Banjo!
Keine Frage: Béla Fleck & The Flecktones ist mit "Jingle All The Way" eines der originellsten und witzigsten Weihnachtsalben aller Zeiten gelungen. Eines, das man sich gerne das ganze Jahr über anhören wird... und alle Jahre wieder!