Daß der Norweger Håkon Kornstad einer der interessantesten, innovativsten und aufregendsten Tenorsaxophonisten Europas ist, weiß man dank seiner Aufnahmen mit Bugge Wesseltofts New Conception Of Jazz, Wibutee, Håvard Wiik und seinem eigenen Trio schon seit ein paar Jahren. Was er aber nun auf seinem ungemein spannenden Soloalbum "Single Engine" bietet, stellt all die bisher gemachten Aufnahmen lässig in den Schatten.
Größtenteils im Alleingang lotet Kornstad alle klanglichen Facetten seines Instruments aus, experimentiert zusätzlich mit Loops, Samples und einem aus Spielzeug selbst gebauten Synthesizer und bereichert das Jazzinstrumentarium nebenbei noch um eine Flutonette, eine Flöte mit Klarinettenmundstück. Lediglich bei ein paar Stücken bat er andere Musiker um Verstärkung: einmal sind es Bugge Wesseltoft und Bassist Ingebrigt Flåten, bei zwei anderen der Gitarrist Knut Reiersrud. In einem Text zu seinem neuen Album meint Håkon Kornstad, daß er den Hörern einige Erklärungen schuldet. Hier sind sie: "Mein Jazz wird immer von dem Versuch geprägt sein, etwas Frisches und Neues aus den Versatzstücken zu kreieren, die andere hinterlassen haben. In meinen ersten zehn Jahren als professioneller Musiker hatte ich die Gelegenheit mich in vielen verschiedenen Kontexten zu präsentieren: Mit Paal Nilssen-Love und Mats Eilertsen im Trio, mit Tri-Dim [einem Trio mit Gitarrist David Stackenäs und Perkussionist Ingar Zach] erforschte ich freie Formen, bei Wibutee sammelte ich Erfahrungen im Programmieren und Produzieren, mit Bugge Wesseltofts New Conception Of Jazz machte ich improvisierte Club-Musik und mit Håvard Wiik spielte ich die Jazzkompositionen, die ich liebe.
Die meisten Melodien (ja, ich nenne sie Melodien) meines ersten Soloalbums entstanden live im Studio. Bei 'Standard Arrival Route', 'Turkey, Texas' und 'Ardal One Alpha' benutzte ich eine Loop-Maschine, um auf die Schnelle orchestrale Arrangements zu schaffen. Auf dieselbe Weise wie ich es bei meinen Solokonzerten tue. Entweder als Hintergrund für ein Solo oder um mit mir selbst eine Kollektivimprovisation zu machen. Bei dem Stück 'Ambergris' verwendete ich außerdem Saxophon-Samples und Klänge von einem aus einem Spielzeug gebastelten Synthesizer.
Bei 'Turkey, Texas' setzte ich ein Instrument ein, das an sich schon recht seltsam ist. Daß man eine Flöte auch mit einem Saxophonmundstück spielen kann, hatte ich schon gesehen. Der dabei entstehende Klang ist rauh und hat eine sehr spezielle - oder vielleicht auch gar nicht vorhandene - Temperierung. Ich habe nun dasselbe mit einem Klarinettenmundstück versucht, in der Hoffnung, einen wärmeren Ton zu erzielen. So wurde die Flutonette geboren, ein wirklicher Instrumentenbastard - obwohl das Saxophon selbst ja auch schon einer ist. Um die Flutonette zu spielen, muß man sehr viel mehr seine Ohren benutzen und weniger seine Finger. Das ist vielleicht auch, was ich an diesem Instrument am meisten liebe.
Dann gibt es aber auch reine Saxophon-Solostücke: 'Bånsull' und 'Sweden'. Schon ganz am Anfang meiner Karriere wollte ich gerne Harmonizer und andere elektronische Klangverfremder verwenden, konnte mir diese Gerätschaften aber nicht leisten. Ich wollte in der Lage sein, etwas im 'Mittelfeld' zu spielen, und nicht nur - wie es bei Saxophonisten so üblich ist - im solistischen Vordergrund. Als ich dannn hörte, wie verschiedene freie Improvisatoren und Musiker, die zeitgenössische Klassik spielen, sogenannte Multiphonics auf dem Saxophon erzeugten, dachte ich mir, daß mir diese Technik nützlich sein könnte, wenn meine Kollegen mich eines Tages im Stich lassen sollten und ich mich selbst begleiten müßte. Bis jetzt habe ich diesbezüglich aber noch immer Glück gehabt. Bugge und Ingebrigt sind zwei meiner absoluten Lieblingsmusiker. Sie stießen bei 'B', einem Stück, das ich in Erinnerung an den Bassisten Bjørnar Andresen geschrieben habe, zu mir.
Der im Oktober 2004 verstorbene Andresen genießt in der Osloer Szene einen legendären Ruf und war der Pate der heutigen Improvisierergeneration. Und als ich 'Turkey, Texas' im Studio zum Leben erweckte, schrie das Stück förmlich nach Knut Reiersrud und seiner Gitarre. Er hat mit mir außerdem 'Kokarde' aufgenommen. Mit Knut zu spielen öffnete mir die Ohren. Ich hoffe, daß ich bald wieder Gelegenheit zu einer erneuten Zusammenarbeit habe."