Anläßlich des 25. Jubiläums seines Vienna Art Orchestra ließ sich Mathias Rüegg, Spiritus rector, Bandleader, Komponist und Arrangeur in Personalunion, etwas ganz Besonderes einfallen: Ein Doppelalbum, das in ebenso kunstvoller wie spielerischer Weise das musikalische Schaffen des Orchesters während des letzten Vierteljahrhunderts Revue passieren läßt.
"Art & Fun", meint er, "ist ein Spiel, in dem mit mehr als 80 Kompositionen herumjongliert wird... und der Jongleur bin ich." Dies ist allerdings nur die halbe Wahrheit: Denn während dieses akustische Zitaten-Puzzle auf der ersten CD live vom aktuellen Orchester unter Rüeggs Leitung zusammengesetzt wird, bietet die zweite CD nicht minder aufregende Remix-Varianten, geschaffen von dem Gitarristen Martin Koller.
All denen, die bis zum 31.12.2002 in der Lage sind, die verwendeten musikalischen Zitate in der richtigen Reihenfolge zu benennen, verspricht Mathias Rüegg im Booklet der CD eine Überraschung. Ob es jemandem gelingt, diese Aufgabe zu bewältigen, darf bezweifelt werden. Sicher ist indes, daß man bei dem Versuch nicht nur eines der originellsten Jazzorchester aller Zeiten intimer kennenlernen wird, sondern auch jede Menge Spaß haben wird.
Zum 25. Jubiläum des Vienna Art Orchestra Ein Essay von Andreas Felber
Kann man heutzutage einen Geburtstag als solchen begehen, ohne sich dem Vorwurf der Phantasielosigkeit auszusetzen? Muß eine Zahl nicht immer dann als Aufhänger herhalten, wenn die Inspiration dem sinnenden Geist keine andere, bessere Idee in den Schoß legt? Tja, mit Jubiläen ist das so eine Sache. Zumal Anniversariumsfeiern jeglicher Art im Jazz gerade seit den 90er Jahren einen bis dato ungekannten Boom erleben. Zur an sich schon inflationären Flut an Hommagen und Tributes an Miles, Monk & Co. gesellen sich nun die (afro)amerikanischen Jahresregenten, die - gespusht von einer immer nach großen Namen schielenden Musikindustrie - mit musikalischen Reverenzen bedacht werden wollen. 1998: Gershwin; 1999: Duke Ellington; 2000/01: Louis Armstrong. Fortsetzung folgt.
Ja, der Jazz hat mächtig Geschichtsspeck angesetzt im Laufe seiner stürmischen, nun rund ein Jahrhundert währenden Entwicklung, in der er von der Varianten-Heterophonie der New-Orleans-Bands über die freitonale Expressivität des Free Jazz bis zum neokonservativen Bebop-Revival wie im Zeitraffer rund 400 Jahre europäischer Musikgeschichte zwischen Renaissance-Polyphonie und freier Atonalität bzw. Neoklassizismus nachvollzogen hat. Sich an diesem historischen Material-Berg abzuarbeiten, bietet immer öfter jenen beziehungsreichen, Aufmerksamkeit und Sinn stiftenden Stoff, den zu finden in Anbetracht der pluralistischen Unübersichtlichkeit heutigen Musikschaffens sukzessive schwieriger wird. Während die Einen angehörs einer Musik, die zunehmend im eigenen Saft zu schmoren scheint, jenen berühmten seltsamen Geruch beklagen, arbeitet man woanders bereits daran, die neue Selbstreferenzialität im Dienste einer ?klassischen? Kanonisierung - sprich: Musealisierung - der afroamerikanischen Musiktradition zu instrumentalisieren. Jazz - eine Musik mit viel Vergangenheit, aber wenig Zukunft?
Auch das Vienna Art Orchestra hat in den letzten Jahren kaum eines der genannten Jubiläen ausgelassen. Zweifellos, die postmodernen jungen Wilden, die einst gegen die Diktate von Tradition wie Avantgarde mit dadaistischen Happenings zu Felde zogen, haben längst selbst Jazzgeschichte geschrieben und sind ihrerseits - als erfolgreiches Flaggschiff des europäischen Jazz - zur historischen Instanz mutiert, die jene Entwicklungslinie fortführt. Und trotzdem, wiewohl Mathias Rüeggs Orchester den beschriebenen Historisierungsprozess des Jazz geradezu exemplarisch repräsentiert, stand und steht es doch stets einen nicht unbedeutenden Schritt abseits dessen, was man Mainstream nennt. Ein etwas eigenwilliger, eigenbrötlerischer Touch ist dem VAO geblieben. Als Institution, der Amtlichkeit nach wie vor fremd ist. Die sich - mit wenigen Ausnahmen - noch immer der Zusammenarbeit mit großen Namen verweigert und stattdessen auf einen relativ beständigen, sich langsam verjüngenden Musiker-Pool zurückgreift, in dem der Team-Gedanke Priorität hat. Für den Mathias Rüegg längst eine unverwechselbare, nicht selten kopierte orchestrale Klangsprache entwickelt hat, die es ihm per se erlaubt, jede Idee aufzugreifen und seinem Klangkörper einzuverleiben, ohne dessen Identität in Frage zu stellen.
Auch und gerade im aktuellen "art&fun.25"-Programm. Nicht daß sich das VAO nach einem erstaunlichen Vierteljahrhundert des Bestehens selbst feiert, ist bemerkenswert. Schon eher das "wie". Ja, natürlich, art&fun, seriöser künstlerischer Anspruch und der Faktor emotionaler Direktheit, geistreicher Unterhaltung sind schon lange gleichberechtigte Partner im Erfolgsrezept des Orchesters. Der eigentliche Clou ist in tieferen Schichten zu orten: Verbirgt sich hinter dem Jubiläumsmotto doch nicht das übliche Best-of-Programm, sondern ein wesentlich eleganterer methodischer Zugang zur eigenen Geschichte, mit dem Mathias Rüegg - und das bleibt wesentlich - zugleich weit darüber hinaus weist. An die 100 Zitate aus den seit 1977 erklungenen Kompositionen und Arrangements finden sich in die Textur eingewoben, zuweilen unüberhörbar im Vordergrund prangend, oft quasi subkutan verlaufend, wo sie sich selbst vor dem Kenner verbergen. 25 Jahre Orchesterhistorie im auskomponierten, akustischen Remix (den elektronischen von Martin Koller hat man ebenfalls im CD-Gepäck!), der in non-chronologischen Flashbacks Erinnerungen weckt, in assoziativen Schlaglichtern die unterschiedlichsten Kapitel aus der wechselvollen VAO-Entwicklung wieder ins Bewußtsein ruft.
"Jessas na" wird da irgendwann gerufen, an den Titel der ersten Single-Schallplatte vom November 1977 gemahnend, aufgenommen mit dem längst verstorbenen "Arbeiterdichter" Otto Kobalek: Dokument der anarchistischen Frühzeit des Ensembles, dessen zufällige, chaotische Gründung im Mai desselben Jahres zunächst an alles andere als an eine Erfolgsstory denken ließ. Wenig später blitzt irgendwo der "Tango from Obango" auf, bis heute eine Art Evergreen des VAO: Musikalischer Repräsentant des raschen Aufstiegs der jungen, energievollen Orchestertruppe, die mit den ersten, enthusiastisch akklamierten Auslandsengagements 1980 dem europäischen Jazz frischen, frechen Wind um die Ohren blies. Das Aufgreifen der "Reflections on Gnossienne No. 1" verweist hingegen auf die Mitte der 80er Jahre, als das VAO auch dank seines bis heute erfolgreichsten Programms "The Minimalism of Erik Satie" zur wohl bedeutendsten und originellsten europäischen Bigband avanciert war. Mit der USA-Tournee 1984 und den Siegen in der Talente-Kategorie des "Down Beat"-Polls stand die Formation im Zenit ihres Erfolgs. Von der zweiten Hälfte der 80er spricht Mathias Rüegg, der selbstkritische Perfektionist, indessen nur ungern: Irgendwie sei der Faden gerissen. Die "Ouverture étrange" des 1989er-Programms "Innocence of Clichés", mit deren ersten Takten die art&fun-Reise durch die VAO-Geschichte anhebt, erinnert unter anderem daran. Wiederholte Zitate etwa aus "Artistry in Rhythm" stehen für die 90er Jahre, in denen das VAO - nach dem mit "Chapter II" vollzogenen personellen Relaunch - mehr und mehr zum "Klassiker" des europäischen Jazz mutierte. Allusionen und Fragmente, anhand derer sich jeder selbst seine subjektive VAO-Historie zusammendenken kann, seine persönlichen Déjà-vus erlebt und so mitunter auf die eigene Geschichte zurückgeworfen wird.
Und doch ist dies keine nostalgische Schwelgerei. Blitzschnell wird man immer wieder von der Gegenwart eingeholt, ins Hier und Jetzt zurückgebeamt. Nicht das Zitate-Patchwork steht im Vordergrund, sondern die sie tragende Komposition, die in den Solisten Improvisationsenergien wecken will. Wuchtige, muskulöse und doch geschmeidige Bläsersätze, bei aller rhythmischer und harmonischer Komplexität bestechend präzise gezeichnet, prägnante, bestens integrierte Soli, die die Spannung in keinem Moment abfallen lassen, von sexy Grooves angetrieben, für die alternierend eine akustische und elektrifizierte Rhythmusgruppe (ein in der Jazzgeschichte bislang beispielloser Kunstgriff!) vor den Orchester-Karren gespannt wird - das verfehlt seine Wirkung nicht. Wie nur wenige andere Bigband-Leader versteht sich Mathias Rüegg auf die Kunst der kompositorischen Gratwanderung, "mannschaftsdienlich" solistische Freiräume zu öffnen und dennoch nicht den "großen Bogen" aus Aug und Ohr zu verlieren, echte individuelle Statements wie auch eine kohärente Gesamtaussage zu ermöglichen. In seinen Resultaten ist das VAO bei aller retrospektiver Programmatik nach wie vor in bestem Sinne "jetztzeitig": als Ensemble, das in seiner Musik die Intensität des Augenblicks sucht und - nach wie vor - findet. Das Vienna Art Orchestra ist mit seinem Chef Mathias Rüegg zweifellos älter, reifer, gesetzter, auch konservativer geworden - zum alten Eisen zählt es noch lange nicht. Trotz des vordergründigen Jubiläumsanlasses gilt: Man höre und genieße. Und staune. Noch immer.