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15.10.2008

Arild Andersen, Paolo Vinaccia & Tommy Smith - Live At Belleville

Arild Andersen Quartet, Arild Andersen, Paolo Vinaccia & Tommy Smith - Live At Belleville

Der norwegische Bassist Arild Andersen hat ein neues Trio mit dem Tenorsaxophonisten Tommy Smith und Schlagzeuger Paolo Vinaccia aus der Taufe gehoben. Und vorgestellt wird dieses Trio der Jazzwelt nun mit einem Album, das live bei zwei Auftritten im Osloer Belleville Club und im Drammen-Theater aufgenommen wurde. "Live At Belleville" ist zweifellos eines der aufregendsten Alben in Andersens langer und von großer Kreativität geprägter Karriere. Nie zuvor kombinierte der Bassist auf einem seiner Alben in so bestechender Weise kompositorische Intelligenz und erstklassige Improvisationen miteinander.

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht das vierteilige Stück "Independency", das Andersen 2005 zur Hundertjahresfeier von Norwegens Ausscheren aus der erzwungenen Union mit Schweden schrieb. Mit seinen annähernd 45 Minuten geriet das Stück zu einer wahren epischen Klangreise, bei der sich der musikalische Schwerpunkt ständig verlagert: mal spielt das Trio absolut frei, dann interagiert es wie eine Post-Bop-Band, ergeht sich in balladesker Schwelgerei oder phantasievoller Klangmalerei.

Die kleine Besetzung mit Saxophon, Baß und Schlagzeug wird Musikfans, die Andersens Schaffen über die Jahrzehnte hinweg verfolgt haben, natürlich an die historische Zusammenarbeit des Bassisten mit Jan Garbarek und Edward Vesala (Album: "Triptykon", ECM) oder jene mit Sam Rivers und Barry Altschul ( "Hues", Impulse!) erinnern. "Live At Belleville" steht in dieser Tradition. Eine besonders eindrucksvolle Darbietung gibt dabei der schottische Tenorsaxophonist Tommy Smith. In der Birmingham Post schrieb der Kritiker Peter Bacon, nachdem er einer Aufführung von "Independency" beigewohnt hatte: "Smiths Auftritt glich einer Meisterklasse. Er demonstrierte, was man aus einem Saxophon alles herausholen kann. Es war schlichtweg atemberaubend zu hören, wie er Tonhöhen meisterte, die seinem Instrument eigentlich fremd sind, und wie er dann in dieser Stratosphäre die lieblichsten Töne erzeugte." Smiths Vielseitigkeit zeigt sich vor allem in der sehnsuchtsvollen und expressiven Version von Duke Ellingtons "Prelude To A Kiss". Das Zusammenspiel des Trios ist auf diesem Album geradezu beispielhaft. Anderson treibt das kleine Ensemble nicht nur mit muskulösen Baßlinien an, sondern erweitert die Klangpalette auch diskret mit elektronischen Hilfsmitteln und digitalen Loops. Exzellent ist auch sein blindes Verständnis mit dem feinnervig spielenden Schlagzeuger Paolo Vinaccia.

Arild Andersen ist bekanntlich ein ECM-Musiker der ersten Stunde gewesen. 1945 in Oslo geboren, stieß er 1967 zur Jan Garbarek Group und nahm als Mitglied dieser Band (die damals von Terje Rypdal und Jon Christensen komplettiert wurde) 1970 "Afric Pepperbird" auf. Noch heute werden die Mitglieder jener Besetzung im hohen Norden Europas ehrfürchtig die "großen Vier" genannt. Zur gleichen Zeit arbeitete der Bassist mit damals in Skandinavien residierenden Amerikanern wie Don Cherry oder George Russell und begleitete durchreisende US-Stars (von Sonny Rollins bis Chick Corea). In den frühen 70er Jahren hielt sich Andersen eine zeitlang in New York auf, wo er mit Sam Rivers, Paul Bley, Steve Kuhn und Sheila Jordan arbeitete. Dann kehrte er nach Norwegen zurück und begann seine Karriere als Bandleader. Achtzehn Alben hat er seitdem als Leader oder Co-Leader für ECM gemacht und dabei junge Talente wie Jon Balke, Tore Brunborg, Nils Petter Molvær und Vasillis Tsabropoulos ins internationale Rampenlicht befördert. Immer wieder hat Andersen in den letzten zwanzig Jahren norwegische Volksmusik und improvisierte Musik einander nahegebracht - mal indem er traditionelles Liedgut als Ausgangspunkt für seine jazzigen Improvisationen verwendete, mal indem er direkt mit Volksmusikern wie der Sängerin Kirsten Bråten Berg zusammenarbeitete. Seine stilistische Vielseitigkeit und Aufgeschlossenheit konnte er auch immer wieder unter Beweis stellen, wenn er Auftragskompositionen erhielt: so entstanden 1996 das Album "Hyperborean" mit dem Cikada String Quartet und Saxophonist Bendik Hofseth und 2004 "Electra", ein vertontes Sophokles-Drama, das bei den Olympischen Sommerspielen in Athen uraufgeführt wurde und 2005 auf CD erschien. Momentan ist Andersen außerdem Mitglied des neuen Andy Sheppard Sextet, das gerade eine Aufnahme für ECM vorbereitet.

Saxophonist Tommy Smith, 1967 in Edinburgh geboren, sorgte 1983 mit seinem ersten Soloalbum "Giant Strides" gleich für ziemlichen Wirbel in der schottischen Jazzszene. Nicht nur, weil er zum Zeitpunkt der Aufnahmen erst sechzehn Jahre alt war. Im selben Jahr erhielt er ein Stipendium für das Berklee College of Music in Boston. Dort gründete er die Band Forward Motion und wurde von dem Vibraphonisten Gary Burton gleich in dessen Band geholt. Dokumentiert ist diese Zusammenarbeit auf Burtons 1986 erschienenem ECM-Album "Whiz Kids". Seither hat Smith über zwanzig Soloalben für Hep Records, GFM, Blue Note, Linn Records und sein eigenes Spartacus-Label aufgenommen. Darüber hinaus begleitete er Jazzgrößen wie Joe Lovano, David Liebman, Benny Golson, Joe Locke, Gary Burton, Chick Corea, Tommy Flanagan, John Scofield, John Patitucci, Miroslav Vitous, Jack DeJohnette, Jon Christensen und Kenny Wheeler bei Studioaufnahmen oder Konzerten. Smith komponierte zudem Stücke für klassische Orchester und Ensembles wie das Orchestra of St. John's Square, das Scottish Ensemble, das Edinburgh Youth Orchestra sowie das Paragon Ensemble und wirkte an den Aufführungen seiner Werke als Solist mit. Im Studio und auf der Bühne arbeitete er außerdem mit dem klassischen Pianisten Murray McLachlan und traditionellen schottischen Musikern wie der gälischen Sängerin Karen Matheson und dem Akkordeonisten/Keyboarder Donald Shaw von der Band Capercaillie zusammen. Auch mit dem Scottish National Jazz Orchestra (SNJO) hat Tommy Smith bereits kooperiert und unter anderem Stücke von Oliver Nelson, Count Basie, Duke Ellington, Charles Mingus, Benny Goodman, Gil Evans, Stan Kenton und Thelonious Monk gespielt. Das SNJO führte darüber hinaus auch Kompositionen von Smith auf, darunter zwei Stücke, die dieser als Hommage an zwei seiner Vorbilder geschrieben hatte: das David Liebman gewidmete "Beauty And The Beast" und das Joe Lovano zugeeignete "Torah".

Paolo Vinaccia kam 1954 in Italien zur Welt, lebt aber schon seit 1979 in Norwegen. Dort wirkte der Schlagzeuger, Perkussionist und Komponist schon an über einhundert Jazzaufnahmen von unter anderem Terje Rypdal, Ketil Bjørnstad, Bendik Hofseth, Bugge Wesseltoft und Mike Mainieri mit. Zu hören ist er beispielsweise auf ECM-Alben von Terje Rypdal ("Skywards" und "Vossabrygg") und Arild Andersen ("Hyperborean" und "Electra"). 2004 komponierte Vinaccia den Soundtrack für den Film "The Beautiful Country" des Regisseurs Hans Petter Moland.

Im November und Dezember wird das Arild Andersen Trio zwei Konzerte in Deutschland geben: am 29. November tritt es in der Marktkirche in Neuwied auf und am 10. Dezember im Kleist-Haus in Berlin.