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26.08.2005

Johnny Liebling - Goldene Zeiten

Johnny Liebling - Goldene Zeiten

Als sich Johnny Liebling im November 2003 mit der EP "Dope Jazz" das erste Mal zu Wort meldete, wurde in überschwenglichen Rezensionen nur eines kritisiert: Daß die Scheibe mit ihren sieben Titeln und einer Laufzeit von 25 Minuten viel zu kurz war, um das Prädikat "perfekt" zu erhalten. Nun legt die fünfköpfige Hamburger Band mit "Goldene Zeiten" endlich ein ordentliches Debütalbum vor, daß mit seinen 13 Tracks und einem Bonus-Videoclip wirklich nichts mehr zu wünschen übrig läßt... außer vielleicht möglichst viele weitere Alben solcher Qualität.

Denn wenn Johnny Liebling wirklich ernst macht, fängt der Spaß erst an. Auf dem mit Chris von Rautenkranz im Soundgarden-Studio produzierten Debütalbum "Goldene Zeiten" setzt sich die sicherlich beste und wahrscheinlich älteste Newcomerband des Landes stilsicher in Szene. Und selbstsicher zwischen alle Stühle. Mit klaren Worten und einer einzigartigen und erdigen Mixtur aus Schicksals-Schlager, Polka-Jazz und Bukowski-Beat.

Man merkt dieser fünfköpfigen Naturgewalt, die als Johnny Liebling nun schon seit geraumer Zeit in Hamburg Schule macht, in allen Texten und Tönen das pralle Leben an. Man spürt förmlich, daß diese Herren wissen, wovon sie singen. Vor allem hört man, daß es ihnen Anliegen, Erlösung und Erleichterung ist, diese Musik so und nicht anders zu spielen. Was Johnny Liebling auch macht, es ist immer Lieblingsmusik.

"Goldene Zeiten" zu hören ist ein Erlebnis. Etwa so, als würde man eine Kneipentür öffnen und dahinter ein Universum entdecken. Einen ungeschminkten Kleinstkosmos voller Vampire, Vagabunden und Feiglinge. In dem sich verzweifelte Typen für eine Hure die Ohren abschneiden oder verletzte Seelen ihre zuhause gezüchteten Krallen ausfahren. Lieben und leben lassen, bei der unsentimentalen Rückschau oder im verbalen Nahkampf. Tiefschürfende Texte und schwere Klänge regieren dieses Sinnenreich der Authentizität so überzeugend wie überwältigend. Auch klanglich sehr direkt und unverfälscht, weil Johnny Liebling alles live und gemeinsam im Studio eingespielt haben.

"Wir sind zusammen gekommen, um endlich wieder miteinander Musik zu machen", erzählt Sänger Kris Kiel. "Ursprünglich nur für uns. Aber wir haben schnell gemerkt, daß es eigentlich nur auf die eine Art geht: Die ganze." Nach ein paar Monaten im Übungsraum hatten Kiel und Ralph Beulshausen (voc, tp, etc), Rüdiger Hensel (dr), Kim Kiesling (b) und sein Wohlklang- Studio-Partner Martin Fekl (g) ein erstes Repertoire und die günstige Gelegenheit, es live zu spielen. "Die Resonanz auf unsere nur per Mundpropaganda angekündigten Bar-Gigs war ungeahnt", erzählt Kim Kiesling. "Vielleicht auch", wirft Martin Fekl ein, "weil wir eben nicht danach geschielt haben, ob das jemand so hören will oder nicht."

Das klingt nach Erfahrung. Nicht unbedingt guter. Schließlich hatte man ihnen schon Mitte der 90er, als große Teile der Band noch Lovekrauts waren, einen Stern in den rockigeren Regionen des Popfirmaments prophezeit. Kris Kiel, einer der Sänger, verschwendete einige Jahre und jede Menge Liebesmüh an eine Major-Produktion, die am Ende nicht mal veröffentlicht wurde. Verbittert sind die Mannen von Johnny Liebling deshalb nicht. Auch wenn der Bandname aus dem Film "Angel Heart" stammt. "Die Geschichte des Sängers, der seine Seele an den Teufel verkauft, um Erfolg zu haben, gefällt mir ganz gut", raunt Kris Kiel. "Mal ganz abgesehen davon, daß das 'Liebling' zieht." Ralph Beulshausen legt mit diabolisch breitem Grinsen noch einen drauf: "Die Geschichte sagt aber auch, daß es der Boss nicht immer gut mit uns meint."

Im Alleingang, also frei von Bossen, Vorgaben oder sogar Zwängen, erarbeiteten sich Johnny Liebling ihren Sound. Gemeinsam und Stück für Stück, weshalb die eigenen Songs natürlich alle "geschrieben und produziert von Johnny Liebling" sind. Der einzige Text, der nicht von einem der Sänger kommt, stammt von einem Freund: Tobias Gruben von Die Erde schrieb "Heroin". Dazu Referenzen und Reminiszenzen an Kinski, Hemingway und Bukowski. Sogar Gäste gibt es: Eine säuselnde Französin spricht "Vampire", die zauberhafte Lalah duettiert sich mit Kris bei "Quelle" und der Jamaikaner Running Water bereichert "Prinzen" mit seinem godfatherlichen Patois.

"Bei diesen Songs scheint immer eine positive Grundeinstellung durch, egal wie weit oben oder unten man gerade ist", weiß Kris Kiel. "Wir machen Musik aus Leidenschaft. Das ist unser Weg. Und das merkt man auch, denke ich." Johnny Liebling geht diesen nicht immer geraden Weg genüßlich und konsequent. Wer mit will, muß sich nur ein wenig in "Goldene Zeiten" vertiefen. Oder vertiefen lassen, schon durch die ersten, süchtig und sehnsüchtig machenden Tönen dieser gnadenlosen und unschlagbar guten Musik. Die Echtheit liegt in den Songs, die Wahrheit in den Texten. Eben auch diese: "Es ist niemals zu spät, wenn man mal weiß wie's geht." Wenn Johnny Liebling zu spaßen anfängt, wird es ernst.


Johnny Liebling Live:
20.09.05 Aschaffenbur, Colossaal
22.09.05 Karlsruhe, Substage
23.09.05 Köln, Studio 672
26.09.05 Hamburg, Knust
27.09.05 Berlin, Roter Salon
14.10.05 Osnabrück, Blue Note
15.10.05 Bremen, Lila Eule - tbc
18.10.05 Mainz, Frankfurter Hof
19.10.05 Stuttgart, Romeos Kiste