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11.02.2005

Chiara Civello - Last Quarter Moon

Chiara Civello - Last Quarter Moon

Mit ihrem Debütalbum "Last Quarter Moon" stellt sich die in New York lebende italienische Sängerin, Songschreiberin und Pianistin Chiara Civello als neues hoffnungsvolles Talent des Jazz vor. Obwohl dies ihr erstes Album unter eigenem Namen ist, kann die 29jährige schon auf eine bewegte musikalische Vergangenheit zurückblicken. "Ja, es ist gewissermaßen der erste Schritt in diese Welt", räumt die sympathische Künstlerin ein, fügt dann jedoch hinzu: "Aber es ist der erste Schritt einer Person, die bereits einen langen Weg zurückgelegt hat."

Vor allem Chiara Civellos italienische Fans wissen, was sie damit sagen möchte: Ihren ersten Besuch eines Tonstudios absolvierte sie schon als 17jährige mit der Mario Raja Big Band. Später stieß sie zur Band The Noisemakers des auch international bekannten italienischen Schlagzeugers Roberto Gatto, mit der sie 1997 das Album "#7" aufnahm. In ihrer Heimat arbeitete sie außerdem auch schon mit Paolo Fresu, Stefano Di Battista, Maurizio Giammarco, Petro Tonolo, Marco Tamburini, Bruno Tommaso, Paolo Damiani, Danilo Rea, Fabio Zeppetella, Fabrizio Sferra, Dario Deidda, Ramberto Ciammarughi, Pietro Lussu, Pietro Ciancaglini und Lorenzo Tucci. Nach ihrem Studium am Berklee College of Music in Boston partizipierte sie darüber hinaus in den USA an Projekten mit Phil Woods, George Garzone, Jerry Bergonzi, Mick Goodrick, Mike Stern, Bob Moses, Jimmy Haslip, Hiram Bullock, Mark Whitfield, David Gilmore, Cyro Baptista und anderen.

Chiara Civello kam am 15. Juni 1975 in Rom zur Welt und fand über ihre Großmutter zum Klavierspielen; noch heute scherzt sie gerne, daß das völlig verstimmte Klavier ihrer Oma ihr das beste Gehörtraining geboten habe. Eine Zeit lang versuchte sie sich auch an der akustischen Gitarre, aber dieses Abenteuer endete auf geradezu komische Weise durch einen "Autounfall" auf dem Weg zu einer Eisdiele. "Unser kleines Auto hatte nur zwei Türen", erinnert sie sich. "Als ich an jenem Tag einstieg, setzte ich mich ausgerechnet auf meine Gitarre und brach ihr dabei den Hals. Meine Mutter sagte: 'Ich weiß nicht, ob ich dir eine andere kaufen werde. Du solltest besser singen, Mädchen!"

Civello hatte bereits in einigen klassischen Chören gesungen, war aber auf der Suche nach einer Musikrichtung, die ihr mehr Freiheit gewähren würde, als dies die traditionellen Opern ihres Heimatlandes taten. Ein Freund gab ihr damals den Ratschlag, sie solle sich mit Jazz befassen; von dieser Musik hatte sie bis dahin noch so gut wie gar nichts gehört. Sie sah sich einer geeigneten Ausbildungsstätte um und stieß auf die St. Louis Music Academy in Rom, eine private Musikschule, die sie vier Jahre lang besuchte. Mit sechzehn Jahren begann Civello professionell zu singen. 1993 erhielt ein Stipendium für die renommierte Berklee School of Music, wo sie von 1994 bis 1998 studierte.
Was Civello damals nicht ahnen konnte, war, daß ihre Zimmernachbarin in Boston die Enkelin des großen Crooners Tony Bennett sein würde. Durch sie öffneten sich Chiara Civello später einige Türen (so wird sie z.B. auf dem kommenden Album Bennetts mit diesem im Duett zu hören sein). Civello studierte in Boston bei bekannten Jazzdozenten wie dem Posaunisten Harold Krug sowie den Tenorsaxophonisten Ed Tomasi und Jerry Bergonzi. "Ich ging auf eine sehr instrumentale Weise an das Singen heran", erzählt sie. "Ich studierte Bebop und transkribierte wie verrückt die Soli von Charlie Parker, Miles Davis, John Coltrane und sogar Avantgarde-Jazzern." Als sie ihren Abschluß machte, war Civello in der Bostoner Szene schon längst keine Unbekannte mehr. Mit ihrer Band trat sie damals regelmäßig in Jazzclubs wie der Regattabar (im Charles Hotel), Scullers und Ryles auf.

Aber ihr Weg endete weder in Boston noch beim Jazz. Wie Generationen von Berklee-Absolventen vor ihr, zog es auch Civello unweigerlich nach New York City. Auf der Suche nach einer Musik, die ihren mediterranen Wurzeln etwas verwandter war, tauchte sie ein in die Welt der lateinamerikanischen und brasilianischen Klänge und lernte dabei auch Spanisch und Portugiesisch. Ihren ersten eigenen Song "Parole incerte" ("Unsichere Worte") schrieb sie über die Mißverständnisse, die aus der Distanz zwischen jemandem und seiner geliebten Familie resultieren können.

Derweil hatten zwei von Civellos Bandkollegen - der Pianist Alain Mallet und Schlagzeuger Jamey Hadad - einen Job in der Band von Paul Simon angenommen und luden sie zu einer Probe ein. Bei dieser Gelegenheit lernte sie Russ Titelman kennen und drückte ihm einfach ein Demo-Tape mit "Parole incerte" in die Hand. Er rief sie schon am nächsten Tag an und meinte: "Du bist eine Songschreiberin. Vergiß alles andere, was du tust. Du mußt schreiben." Civello begann Stücke mit englischen Texten zu komponieren. Sie studierte die Werke von Bob Dylan, Joni Mitchell, James Taylor sowie anderen und wirkte 2002 als Background-Sängerin auf Taylors Album "October Road" mit.

"Last Quarter Moon", das Titelstück ihres Debütalbums, handelt von den Scheidewegen in ihrem Leben, von Orten des Übergangs und der Wiedergeburt. "Die Leute schenken dem letzten Viertel des Monds kaum Beachtung", führt Civello aus. "Es ruft immer eine Bewußtseinskrise hervor; es gibt einen Kampf zwischen dem Verlangen nach Erneuerung und den Dingen aus der Vergangenheit, die der Erneuerung im Wege stehen."

Das Album enthält u.a. den melancholischen "Nature Song", der sich (Stevie Wonders "Summer Soft" nicht unähnlich) mit dem Wechsel der Jahreszeiten befaßt. Das temperamentvolle "Ora" ("Jetzt") erzählt davon, daß man den Moment leben soll. "Ich hatte beinahe alle Songs des Albums fertiggestellt", erinnert sich Civello, "als Russ mich anrief, um mir mitzuteilen, daß Burt Bacharach daran interessiert war, etwas mit mir zusammen zu schreiben." Das Stück "Trouble" entstand während einer dreitägigen Session in Bacharachs Haus in Los Angeles. Civello reiste schon mit einer Idee für die Melodie im Kopf an; gemeinsam mit Bacharach gab sie der Idee dann die richtige Form und den letzten Schliff. Abgerundet wird das Album, das zehn Eigenkompositionen von Chiara Civello vorstellt, durch wunderbare Coverversionen von zwei Stücken, die aus den Federn zweier anderer Künstlerinnen stammen: "Outono" ("Herbst") wurde von von Rosa Passos geschrieben, einer brasilianischen Sängerin, Gitarristin und Songschreiberin, die das Erbe der Bossa Nova verwaltet, und "Caramel" stammt von Suzanne Vegas 1996er Album "Nine Objects Of Desire".

Der Zirkel der exzellenten Sessionmusiker, die Civello auf ihrem Debütalbum begleiten, ist repräsentativ für ihre musikalische Reise. Titelman rekrutierte für diese Sessions den legendären Schlagzeuger Steve Gadd, den Organisten und Pianisten Larry Goldings, den Cellisten Mark Stewart und den Sänger Daniel Jobim, den Enkel des weltbekannten Songwriters Antônio Carlos Jobim. Civello entschied sich außerdem für den Gitarristen Adam Rogers, der zur Zeit auch mit Michael Brecker spielt, und den Schlagzeuger Paulo Braga. "Ich könnte keine brasilianischen Lieder singen, wenn ich dabei nicht den Schlagzeuger zur Seite hätte, der schon Elis Regina und Milton Nascimento begleitete", erläutert Civello die Wahl des letztgenannten. Auf "Last Quarter Moon" sind mit den Saxophonisten Jimmy Greene und Miguel Zenón (Charlie Haden & David Sánchez) sowie dem Bassisten Ben Street (Kurt Rosenwinkel & Danilo Pérez) noch weitere aufstrebende Talente zu hören. Mallet, Haddad, Gitarrist Guilherme Monteiro (Eliane Elias & Lila Downs), Schlagzeuger Dan Reiser (Norah Jones, Seamus Blake & Peter Wolf) und Bassist Alex Alvear (der Koautor von "Ora" spielte schon mit Paquito D'Rivera) kennen Civello schon seit ihrer Zeit in Boston.

"Der Jazz bietet einem einfach die unglaublichsten Mittel, wenn es darum geht, wirklich tief in die Musik einzutauchen", meint Civello. "Aber mir war schon gleich bewußt, daß ich nicht die neue Ella Fitzgerald werden würde; und auch nicht die neue Shirley Horn. Ich hatte die verschiedensten Arten von Musik studiert und sagte mir irgendwann: 'Ich muß meine eigene Stimme finden. Es ist nun Zeit, zu verlernen, Zeit, sich freizumachen.' Es ist wie bei einem Heißluftballon: Um fliegen zu können, muß man Ballast abwerfen. Ich möchte so leicht wie möglich sein - so leicht wie eine Feder."