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14.03.2003

Cristina Branco - Sensus

Cristina Branco, Cristina Branco - Sensus

Genußvoll leiden ist eine Spezialität Portugals. Dafür hat man den Fado erschaffen, eine ureigene, rund 200 Jahre alte Musiktradition. Populär wurde er 1820 durch die Sängerin Maria Severa. Er ist weder Volksmusik noch Folklore, sondern eine mündlich überlieferte, lebendig gebliebene Stadtmusik, die in Coimbra und den alten Vierteln Lissabons und Portos gesungen wird. Seine Ursprünge liegen im Dunkeln, gewiß aber in Gassen, Bordellen, Bohème- und Studentenpinten. Der moderne Schauplatz des Fado ist kaum ruhmvoller: In Touristenfallen ringt er, je nach Können der Sänger, leidvoll um Fassung.

Doch es gibt auch ernstzunehmende Fadistas. Sie singen nicht einfach - sie entblößen ihre Seele. Im 20. Jahrhundert war es Amália Rodrigues, die den Fado international bekannt machte und prägte wie keine andere Persönlichkeit. Bis sie am 6. Oktober 1999 79jährig starb. Nun sehen viele in Cristina Branco ihre Erbin. Doch Cristina mag sich gar nicht Fadista nennen, lieber Fado-Interpretin, denn bei ihr blitzt zwischen all dem wunderschönen Jammer auch Frohsinn auf. Und aus dem Grund hat der Fado auch im neuen Jahrtausend eine Chance.

Cristina kommt aus Almeirim und hatte als Mädchen vom Lande mit Fado zunächst einmal nichts am Hut. Sie hörte - wie die meisten der nach der Salazar-Diktatur Geborenen - Rock, Pop, Blues, Jazz, Bossa Nova, Tango, Flamenco, Chanson. Bis sie an ihrem 18. Geburtstag von ihrem Großvater die Amália Rodrigues-LP "Rara E Inédita" geschenkt bekam, die schlagartig ihr Leben umkrempelte: "Es war Magie. Ich verliebte mich auf Anhieb in die Musik und wußte, daß ich irgendetwas in der Richtung tun mußte. Diese Musik war tiefer und stärker als ich." Während sie Kommunikationswissenschaften studierte, begann sie nebenbei, die Gesangstechnik des Fado zu adaptieren und fortzuentwickeln. Gesungen hatte sie schon als Kind, aus purer Lust, vor der Familie, für sich selbst... "Jetzt singe ich ständig, weil ich... tja, einfach nicht anders kann. Fado singe ich erst seit fünf Jahren. Nein, eigentlich singe ich ihn nicht, ich weine und lache ihn, es ist eine Art, mich auszudrücken. Der Fado ist vor allem eines: das Leben." So ist die Kraft des Fado. Er wird viel mehr gefühlt als gehört.

Als Cristina 1997 zum ersten Mal vor größerem Publikum auftrat, war auch das Fernsehen anwesend. Die Übertragung bescherte ihr prompt eine Einladung nach Holland, wo die erste Aufnahme entstand: "Cristina Branco in Holland" erreichte zunächst nur einen Kreis von Liebhabern, wurde aber nach und nach zum großen Erfolg. Ein Jahr später folgte "Murmúrios", dann 2000 "Post-Scriptum" - beide Alben wurden in Frankreich mit dem Preis "Choc du Monde de la Musique" ausgezeichnet - sowie "O Descobridor", ein Album, das ausschließlich Gedichte des holländischen Lyrikers Jan Jacob Slauerhoff interpretiert (Slauerhoff hatte sich als Schiffskoch in eine Chinesin verliebt und lenkte all sein Schmachten auf Land, in dem er sich in sie verliebt hatte: Portugal). Mit "Corpo Iluminado", ihrem ersten Album für Universal, erlangte Cristina Branco 2001 weltweite Anerkennung und etablierte sich als Fado-Sängerin ersten Ranges mit einem unverwechselbaren Stil.

Drei Dinge machen den Fado aus: die Poesie, die Musik und vor allem eine Stimme, die einen in Bann zieht. Cristina Branco besitzt solch eine Stimme; und dennoch singt Branco eigentlich Fado-untypisch: nicht elegisch, sondern wandelnd zwischen sinnlich und expressiv. Ihre Texte sind gesungene Geschichten von Leid und Sehnsucht, Dramolette der portugiesischen Seele. Begleitet von zwei bis vier Gitarren, vor allem der Guitarra Portuguesa - dickbauchig, 12saitig und mit der deutschen Zither verwandt - und der Viola, der sanften klassischen/spanischen Gitarre, geben sich Fadistas weltentrückt und genießerisch ihrer Klage hin: "o gosto de ser triste" - dem Genuß, traurig zu sein. Wie eine Flagge im Wind zeugt der Fado von "Saudade" - der Tristesse von unerfüllter Liebe, Schicksal, Vergänglichkeit. So wurde er während der 50jährigen Diktatur für die Lisboetas (die Einwohner Lissabons) zur zeitweise verbotenen Zuflucht.

Cristina Branco bricht nicht mit dieser traditionellen Form, aber sie hat sie mit allem Respekt neu belebt. Dem neuen Bild Portugals entsprechend mischen sich Momente der Unbeschwertheit und subtile Leichtigkeit in die Atmosphäre ihrer Musik. Sie nutzt den Fado, um auch Freude und Heiterkeit auszudrücken - ehedem undenkbar. "Es kann nicht sein, daß alle Welt Portugal liebt, während wir Portugiesen bei strahlender Sonne nur Lieder der Verzweiflung schreiben." Außerdem ist nicht zu leugnen, daß Cristina Brancos musikalischer Horizont weit über den Fado hianusreicht. Jazz, Blues, Chanson, Bossa Nova und Fado-Verwandte wie der griechische Rembetiko oder die kapverdische Morna klingen an und statten die klassischen, minimalistischen Interpretationen mit der Weltläufigkeit aus, die das moderne Portugal und seine junge Generation längst pflegen. Schließlich hat die 29jährige dem Fado auch etwas gegeben, was traditionell als unmöglich galt: Jugend.

Die Kunst Cristina Brancos ist untrennbar von der ihres Ehemanns Custódio Castelo. Er komponiert die Musik zu der Lyrik, die Cristina aussucht, und begleitet sie an der portugiesischen Gitarre. "Für mich sind Wörter die Grundlage. Wenn ich ein Gedicht nicht mag, kann ich es niemals singen, selbst wenn ich die Musik liebe. Wenn die Worte meinem Herzen nichts sagen - dann laß' ich es! Ich muß Lieder singen, die von meinem Leben handeln."

In wenigen Jahren entwickelte Cristina Branco ihren eigenen Arbeitsstil. "Wenn ich ein Gedicht entdecke, das mir gefällt, frage ich Custódio, ob er glaubt, daß es Musik habe. Wenn ja, komponiert er entweder ein Stück oder wir versuchen das Gedicht in einen traditionellen Fado zu fassen und neu zu arrangieren. Wenn er zuerst die Musik schreibt, suche ich hinterher nach einem dazu passenden Gedicht. So arbeiten wir."

Das neue Album "Sensus", ihr fünftes (und das zweite für Universal), knüpft an den Vorgänger "Corpo Iluminado" an. Ging es damals noch um die Zelebrierung des Körpers, beschwört "Sensus" die Sinne und schwelgt äußerst reizvoll in Sanftmut. Jedes der vierzehn ausgewählten Gedichte stammt von einem anderen Autoren. "Wie 'Corpo Iluminado' wurde mein neues Album von einem Gedicht des portugiesischen Dichters David Mourão-Ferreira inspiriert. Manche werden die erotischen Themen dieses Albums kühn finden. In dieser Art über körperliche Liebe zu singen, ist in der Tat etwas unüblich. Aber das Album hat mehr zu bieten als nur einen waghalsigen Ansatz. 'Sensus' bietet dem Zuhörer eine wahre Zusammenfassung von Ansichten über Sexualität und Liebe, vom 16. Jahrhundert bis heute. Während der Vorbereitungen entdeckten wir, daß alle Sonette William Shakespeares ins Portugiesische übersetzt worden waren und 2002 veröffentlicht wurden. Sie sind verblüffend und paßten perfekt zu meinem Vorhaben. Ich hoffe, daß 'Senus' jeden berührt, der die Echtheit körperlichen Denkens sucht, befreit von gesellschaftlichen Normen, die die Menschen seit jeher einschränken."

Aufgenommen wurde "Sensus" wie die bisherigen Studioalben im ländlichen Pé de Vento. Begleitet wird Cristina Branco wieder von Produzent, Komponist und Ehemann Custódio Castelo an der portugiesischen Gitarre, Alexandre Silva an der akustischen Gitarre, Fernando Maia an der akustischen Baßgitarre und - auf zwei Titeln - von Miguel Carvalhinho an der klassischen Gitarre. In "O meu amor", einem Stück aus Chico Buarques brasilianischer Adaption der "Dreigroschenoper" von Brecht und Weill, läßt Branco gar zwei Jazzmusiker aufspielen: den brasilianischen Pianisten André Dequech und Diana Kralls Kontrabassisten Ben Wolf.

Daß Cristina Brancos Karriere mit einem Live-Auftritt (und einer Live-CD) begann, liegt an ihrer unbeschreiblichen Ausstrahlungskraft auf der Bühne. Inzwischen hat sie in vielen wichtigen Sälen der Welt gesungen, Konzerte in Hallen mit bis zu 1.500 Plätzen, wie zum Beispiel das prächtige Concertgebouw in Amsterdam, sind Monate im Voraus ausverkauft. Auch eine Tour durch Kanada und die USA hat ihr großen Beifall beschert. Dabei nimmt sie nicht mit, was sie kriegen kann. Die Einladung der südkoreanischen Regierung, vor dem Fußball-WM-Spiel Portugal-Südkorea die portugiesische Nationalhymne zu singen, lehnte sie ab - lieber nahm sie an Angolas Nationalfeier zu Ehren des Dichters Luís Vaz de Camões teil. Und vor drei Jahren verzichtetet sie auf einen Auftritt im grandiosen L'Olympia in Paris; sie fühlte sich noch nicht reif genug. Nun wird sie dort am 23. Mai 2003 singen. Und Eintrittskarten sind kaum noch zu bekommen.