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16.03.2001

Shirley Horn: You're My Thrill

Shirley Horn: You're My Thrill

Seit Shirley Horn 1991/92 mit ihren brillanten Verve-Alben "You Won't Forget Me" und "Here's To Life" die Jazzwelt auf den Kopf stellte, gilt die singende Pianistin als weibliches Pendant des legendären Nat `King' Cole.

So wie es der 1965 verstorbene Cole verstand, jedem der von ihm interpretierten Songs einen ganz eigenen, geradezu magischen Touch zu verleihen, so gelang dies auch Shirley Horn auf all den Alben, die sie im Laufe der letzten zehn Jahre für Verve aufnahm.

"You're My Thrill", ihre nunmehr elfte Einspielung für das Label, bildet da mit seiner gelungenen Mischung aus Klassikern und ein paar zeitgenössischeren Stücken keine Ausnahme. Wie stets präsentiert sich das glänzend eingespielte Shirley Horn Trio mit einer Reihe von prominenten Gästen: diesmal sind u.a. die Gitarristen Russell Malone und Dorival Caymmi, Pianist Alan Broadbent und Trompeter Carl Saunders mit von der Partie.

Diejenigen, die Shirley Horns Karriere in den 90er Jahren aufmerksam verfolgt haben, werden vor allem begeistert sein, wenn sie erfahren, daß Shirley Horn bei den Aufnahmen für "You're My Thrill" erneut mit dem Arrangeur Johnny Mandel zusammengearbeitet hat. Es sei daran erinnert, daß Mandel 1992 Shirley Horns bislang populärstes und bestverkauftes Album "Here's To Life" produzierte und für sein Arrangement des Titelssongs einen Grammy erhielt.

Bevor er sich 1954 in Los Angeles niederließ, um sich in Hollywood einen Namen als Komponist und Arrangeur von Film- und Fernsehmusiken zu machen, arbeitete Johnny Mandel als Posaunist und Trompeter an der Seite von Stars wie Buddy Rich, Count Basie, Jimmy Dorsey, Stan Getz, Al Cohn, Zoot Sims, Bud Powell, Artie Shaw und Dizzy Gillespie. Seit vier Jahrzehnten reißen sich nun aber schon die Stars der Jazz- und Popszene darum, Johnny Mandel als Produzenten und/oder Arrangeur für eines ihrer Alben zu gewinnen. Die illustre Schar der Künstler, mit der Mandel bereits ins Studio ging, enthält u.a. die Namen von Frank Sinatra, Miles Davis, Barbra Streisand, Michael Jackson, Chet Baker, Natalie Cole, Peggy Lee, Tony Bennett, Anita O'Day und Diana Krall. Daß Shirley Horn jetzt zum zweiten Mal die Ehre zuteil wurde, mit Johnny Mandel zusammenzuarbeiten, macht auch deutlich, welche Wertschätzung der vielbeschäftigte Arrangeur, der 1997 von der ASCAP (American Society of Composers, Authors, and Publishers) mit dem "Henry Mancini Award" ausgezeichnet wurde, der Künstlerin entgegenbringt.

Es wäre vielleicht etwas zu weit hergeholt, Shirley Horn "die Entdeckung der Langsamkeit" (wohlgemerkt: Langsamkeit und nicht Langatmigkeit!!!) in der Musik zuzuschreiben. Auch vor ihr gab es schon Musiker wie etwa Miles Davis oder Chet Baker, die die großartige Kunst beherrschten, mit wenigen ausdrucksvollen Tönen all das zu sagen, was es in der Musik zu sagen gibt. Es ist allerdings nicht zu leugnen, daß Shirley Horn diese in Vergessenheit geratene Kunst der Reduktion auf das Wesentliche in den 90er Jahren, deren Markenzeichen eher hektisch geschnittene MTV-Clips waren, wieder zum Leben erweckte und sogar zu neuen Höhen führte. Shirley Horns Fähigkeit, das Tempo eines Songs zu drosseln, ohne ihn dadurch auch nur eine Sekunde langweilig werden zu lassen, sucht ihresgleichen.

Daß ihre extrem entspannte Art der Interpretation nichts von ihrem Zauber eingebüßt hat, beweisen auf "You're My Thrill" u.a. die atemberaubende Version des Titelsongs und ans Herz gehende Balladen wie "I Got Lost In His Arms", "My Heart Stood Still", "The Very ThoughtOf You" und "All Night Long". Fantastisch auch ihre Interpretation von "Solitary Moon", einer Mandel-Komposition, die nie zuvor mit den Lyrics von Alan und Marilyn Bergman aufgenommen worden war. Johnny Mandels üppige Orchesterierung ergänzt bei diesen Stücken wirklich perfekt Shirley Horns rauchige Stimme.

"You're My Thrill" festigt aber nicht nur Horns Status als einzigartige romantische Chanteuse, sondern rückt in Uptempo- und Blues-Nummern wie "The Best Is Yet To Come", "Sharing The Night With The Blues", "The Rules Of The Road", "You Better Love Me" und "Why Don't You Do Right" endlich auch einmal verstärkt ihre oft übersehenen Talente als kraftvoll-geradlinige Swingerin ins rechte Licht. Die Kombination aus diesen reinen Trio- und Quartett-Stücken und den Titeln mit großem Orchester macht "You're My Thrill" zu einem wunderbar abwechslungsreichen Album.

Seit zwei Jahrzehnten wird die Künstlerin nun schon regulär von Bassist/Gitarrist Charles Ables und Drummer/Percussionist Steve Williams begleitet. "Wir sind nun schon rund 20 Jahre zusammen", erzählt Horn. "Wenn wir einen Zug machen, dann machen wir ihn zusammen. Die beiden wissen bestens, in welche Richtung ich mich dann bewegen möchte. Wenn die Atmosphäre stimmt und wir uns von ihr anstecken lassen, dann können wir die Gedanken der jeweils anderen geradezu riechen. Ich erinnere mich an das Konzert, das wir 1992 im Théâtre du Châtelet gaben und aus dem das Album `I Love You, Paris' hervorging", setzt sie fort. "Die Musik war so überwältigend und wir standen uns an diesem Abend so nahe, daß es uns allen eine Gänsehaut bereitete. Nach dem Konzert gingen wir in den Umkleideraum und ich war noch immer einfach nur erfüllt von dieser Musik, ich fand keine Worte und wir umarmten uns alle nur. Dasselbe passierte jetzt auch, als wir im Studio an diesem Album arbeiteten. Nachdem wir das Grundgerüst für die Songs fertiggestellt hatten, übergab ich diese einfach an Johnny, damit der sie noch ein bißchen versüßen konnte. Obwohl wir uns vor der Zusammenarbeit an `Here's To Life' persönlich eigentlich nur vom Hörensagen kannten, war ich mit seiner Musik natürlich seit Ewigkeiten bestens vertraut und wußte, daß ich ihm blindlings vertrauen konnte. Er wird mich nie im Stich lassen, ich habe ein Feeling für ihn und er hat eines für mich."

"Mit den meisten Stücken dieses Albums bin ich aufgewachsen", verrät Shirley Horn, die immer noch in ihrer Geburtstadt Washington lebt. "Meine Familie liebte Musik und so war ich immer von der Musik der großartigsten Sänger und Bands umgeben. Viele dieser Lieder lernte ich durch meine Mutter kennen. Ich fragte sie unablässig `Wie heißt dieses Stück und wie heißt jenes?' und summte ihr dann die Melodie, die ich im Kopf hatte, vor. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich das erste Mal Peggy Lee `Why Don't You Do Right?' singen hörte. Um ehrlich zu sein: Annähernd 75 Prozent der Stücke, die ich spiele, habe ich damals im Haus meiner Eltern das erste Mal gehört."

Trotzdem legte es Shirley Horn nicht darauf an, Sängerin zu werden. "Das ergab sich eher zufällig", erläutert sie. "Ich habe von klein auf Piano gespielt. Schon mit vier Jahren. Ich verbrachte damals viel Zeit im Haus meiner Großmutter, die in ihrem Salon einen richtigen großen Flügel stehen hatte. Der Salon wurde nur bei gesellschaftlichen Anlässen benutzt und hatte Flügeltüren aus Glas, durch die man in den Garten gelangte. Es war stets lausig kalt in dem Salon. Aber wenn ich meine Großmutter besuchte, wollte ich schlicht nichts anderes tun, als in diesem kalten Salon auf dem Stuhl vor dem Piano zu sitzen. Mit den anderen Kindern draußen zu spielen, kam mir nie in den Sinn. Nachdem ich so einige Jahre lang unzählige Nachmittage dilettantisch herumklimpernd bei meiner Großmutter verbracht hatte, überzeugte diese meine Mutter davon, daß ich Klavierunterricht nehmen müßte."

Den Reiz des Singens entdeckte Shirley Horn erst als sie, siebzehnjährig, in einem lokalen Restaurant auftrat. "Eines Nachts, kurz vor Weihnachten, kam ein älterer Herr, der dort regelmäßig zu Abend aß, mit einem Teddy-Bären an, der so groß war wie ich. Als ich ihn sah, hatte ich schon so eine leise Ahnung, daß der für mich bestimmt war", erinnert sie sich. Tatsächlich kam wenig später der Besitzer des Restaurant an und gab ihr einen Zettel, auf dem stand: "Wenn du `Melancholy Baby' singst, gehört der Teddy dir." "Ich war furchtbar schüchtern und es kostete mich irrsinnige Überwindung zu singen", amüsiert sich Horn rückblickend, "aber ich wollte diesen Teddy-Bären haben."

Damit hatte Shirley Horn einen Stein ins Rollen gebracht. Das Publikum verlangte nach mehr Gesangsnummern und schon bald begann sich Horn mit ihrer neuen Job als singende Pianistin anzufreunden. "Ich war damals wirklich keine großartige Sängerin, aber ich bemerkte schnell, wieviel Spaß es mir machte zu singen." Eine der meistgefragten Nummern war "You're My Thrill". Das Stück ist seitdem fester Bestandteil ihres Repertoires. "Die Leute in den Clubs haben mich oft gebeten, diesen Song doch endlich einmal aufzunehmen", sagt sie, "und ich erwiderte immer, daß ich es tun würde, wenn die Zeit dafür reif wäre. Ich glaube, ich habe all die Jahre auf die Gelegenheit gewartet, daß Johnny das Stück für mich veredelt."

Daß sich das lange Warten für Shirley Horn und ihre Fans gelohnt hat, wird niemand, der diese Version von "You're My Thrill" zu Gehör bekommt, bestreiten wollen. Shirley Horn, die vor kurzem den "New York Jazz Critics Award" als beste weibliche Jazzsängerin erhielt und auch in der "Down Beat Critics' Poll" zu besten Vokalistin gekürt wurde, wird uns mit ihrer Magie und den Songs aus ihrer Jugend sicher noch lange pure Freude bereiten. Denn zum Singen muß man sie heute nicht mehr mit lebensgroßen Teddy-Bären überreden.