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22.03.2002

Claus Ogerman & Others: The Man Behind The Music

Claus Ogerman & Others: The Man Behind The Music

Als vor einigen Monaten bekannt wurde, daß Claus Ogerman die Arrangements für Diana Kralls Album "The Look Of Love" schreiben und mit dem London Symphony Orchestra aufnehmen würde, reagierten Branchenkenner mit Überraschung. Genau 22 Jahren zuvor hatte Ogerman nämlich entschieden, den Arrangeursjob an den Nagel zu hängen und nur noch seiner Tätigkeit als klassischer Komponist nachzugehen.

In den Jahren seit dieser Entscheidung wurde Ogerman mit Anfragen von so gewichtigen Künstlern wie Prince, Ella Fitzgerald, Dee Dee Bridgewater, Wynton Marsalis und Tony Bennett überhäuft, blieb aber standhaft, obwohl er diese Erfahrung selbst als "schmerzlich" empfand. Auch als Produzent Tommy LiPuma ihn 1991 bat, das spätere Bestseller-Album "Unforgettable" für die Sängerin Natalie Cole zu orchestrieren, antwortete Ogerman ihm: "Ich habe das Arrangieren 1979 wirklich voll und ganz aufgegeben. Es würde mir schwerfallen, einen Schritt zurückzugehen."

Zum Jahreswechsel 2001/2002 ging der Komponist und Arrangeur hingegen gleich drei Schritte nach vorne, mit drei Veröffentlichungen, die ein lang verdientes Schlaglicht auf einen Musiker werfen, der die meiste Zeit seines Lebens bescheiden im Hintergrund gearbeitet hat: Zunächst arrangierte und orchestrierte Ogerman die Songs für Diana Kralls aktuelle CD "The Look Of Love", was ihm seine insgesamt 16. Grammy-Nominierung einbrachte, dann erschien sein klassisches Werk "Two Concertos" (Universal Classics 013 949-2) und nun kommt endlich eine luxuriös ausgestattete 4-CD-Box mit seinen wichtigsten Jazz-, Pop- und Klassikarbeiten auf den Markt.

Claus Ogerman wurde am 29. April 1930 im südschlesischen Ratibor (heute Racibórz/Polen) geboren und ging 1959 nach New York, um dort eine beispiellose musikalische Karriere zu machen. In den 20 Jahren zwischen seiner Ankunft im "Big Apple" und seiner Entscheidung, das Arrangieren dranzugeben, orchestrierte er für eine beeindruckende Zahl namhafter Künstler (für die er zum Teil auch komponierte und produzierte): darunter Sänger wie Frank Sinatra, Barbra Streisand, Sammy Davis Jr., Dinah Washington und Mel Tormé, Jazzmusiker wie George Benson, Michael Brecker, Stan Getz, Jimmy Smith, Oscar Peterson und Bill Evans sowie die brasilianischen Legenden Antônio Carlos Jobim und João Gilberto. Besonders mit Jobim, der allgemein als einer der Urväter der Bossa Nova bekannt ist, verband Ogerman eine kreative und persönliche Freundschaft.

Sechzehn Mal wurde Ogerman selbst für einen Grammy nominiert, doch nur einmal gewann er die begehrte Trophäe tatsächlich: für sein Arrangement des George-Benson-Tracks "Soulful Strut". Allerdings sollte nicht unerwähnt bleiben, daß insgesamt 37 Alben, an denen Ogerman als Arrangeur beteiligt war, für Grammys nominiert wurden, ganze neun davon alleine im Jahre 1976, drei Jahre vor Ogermans Rückzug.

Als die bekannte Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender 1988 für ein Album neben Werken von Gustav Mahler und Alban Berg auch eine Reihe von Ogermann-Kompositionen einsang, konsultierten Klassikkritiker ihre Musiklexika, um mehr über den Urheber zu erfahren - ohne großen Erfolg. Ein Schreiber des renommierten englischen Magazins "Gramophone" merkte damals an: "Der Komponist wurde 1930 geboren und schrieb seine "Tagore-Lieder" 1975, mehr wird uns nicht verraten. Auch telefonische Nachforschungen und das "Grove Dictionary" haben nicht mehr hervorgebracht."

Der Grund dafür ist schnell gefunden: Die Kritiker schauten sich auf der Suche nach mehr Informationen nur in der hermetisch abgeriegelten Welt der Klassik um. Ein Blick in das im selben Jahr erschienene "Grove Dictionary of Jazz" hätte einen ganzen Absatz über Claus Ogerman erbracht, der unter seinem Geburtsnamen Ogermann (das zweite "n" am Ende seines Namens hatte er bei seiner Übersiedlung in die USA abgegeben) eben auch seit längerem in der klassischen Musik tätig war. Die Unkenntnis der Kritiker illustriert bestens die Abschottung der klassischen Musik gegenüber anderen Genres und reflektiert eine Geisteshaltung, die Ogerman seit jeher abgelehnt hat.

Schon früh hatte der klassisch geschulte Pianist seine Liebe zum Jazz entdeckt. "In der Zeit zwischen 1933 und 1945 passierten viele Dinge im deutschen Untergrund, ich lese viel darüber", sinniert er rückblickend. "Ich selbst habe in dieser Zeit nur Jazz gehört, oder zumindest vom Jazz beeinflußte Schallplatten, die aus Holland oder Belgien kamen. Wenige wissen, daß die deutschen Plattenfirmen weiter amerikanischen Jazz für den Export preßten. Manche dieser Platten wurden gestohlen oder gelangten auf anderen Wegen in die Öffentlichkeit. Ich hatte Glück und konnte eine ganze Menge dieser Platten ergattern, denn mein Vater besaß zeitweise einen kleinen Plattenladen."

Nach einem intensiven klassischen Musikstudium in seiner Heimatstadt und später in Nürnberg begann Ogerman seine musikalische Karriere als Pianist verschiedener Radio-Bigbands, für die er auch erste Arrangements schrieb. Von einem dreiwöchigen Urlaub in New York kehrte er Ende März 1959 mit dem Entschluß nach Deutschland zurück, dort sein Glück zu versuchen. Kaum ein halbes Jahr später setzte er den Vorsatz in die Tat um und siedelte nach New York über.

Dank der Hilfe des Arrangeurs Don Costa traf Ogerman schon bald auf Quincy Jones, damals A&R-Chef von Mercury Records, der den Deutschen gleich mit einer Reihe von Arrangements beauftragte, darunter Lesley Gores erste Single "It's My Party". Der Song schnellte auf Platz 1 der Charts und Ogermans Karriere als Arrangeur nahm ihren Verlauf.

Zur selben Zeit kam in Brasilien ein neuer musikalischer Stil auf: die Bossa Nova. Die führenden Vertreter waren der Gitarrist und Sänger João Gilberto sowie ein Komponist und Pianist namens Antônio Carlos "Tom" Jobim. Obwohl damals Rock'n'Roll und Beat den Ton angaben, mauserte sich eine von Jobims intelligenten Kompositionen, "Desafinado" in einer Aufnahme von Stan Getz und Charlie Byrd, zu einem enormen Hit. Creed Taylor, der Chef des Verve-Labels, wollte deshalb umgehend ein Soloalbum des Erfolgskomponisten herausbringen: sein umständlicher Titel lautete "Antônio Carlos Jobim - The Composer Of 'Desafinado' Plays". Für die Orchesterarrangements engagierte man Claus Ogerman. Das Album gilt heute als absoluter Klassiker und bildete die Basis für eine jahrzehntelange und äußerst fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Ogerman und Jobim. Ogerman wurde als Arrangeur dermaßen mit Jobim identifiziert, daß er auch dessen legendäres Duo-Album mit Frank Sinatra, "Francis Albert Sinatra & Antônio Carlos Jobim" (1967), arrangieren durfte. Ein einzigartig elegantes, gediegen swingendes Meisterwerk.

"Ich habe für Verve Tonnen von LPs arrangiert", meint Ogerman heute fast beiläufig. Seine Arrangements für Wes Montgomery, Jimmy Smith und Stan Getz gelten allerdings noch heute als Juwelen und Meilensteine. Genauso wie das Album "Bill Evans With Symphony Orchestra", aufgenommen im September 1965. Pianist Bill Evans und Claus Ogerman wählten das Repertoire des eindringlichen Albums aus Werken verschiedener klassischer Komponisten aus. Der Sänger Tony Bennett gestand kürzlich in einem Interview mit der Zeitung "Jazz Times", daß diese LP sein absolutes Lieblingsalbum ist: "Ich könnte es den ganzen Tag lang hören."

Mit vielen seiner in den 70er Jahren entstandenen Arrangements setzte sich Claus Ogerman schon bald von der Masse seiner Kollegen ab, indem er mehr und mehr Elemente der klassischen Musik in seine Arbeiten einfließen ließ. So arrangierte er aufsehenerregende Alben mit klassischem Repertoire für die Sängerin Barbra Streisand und den Jazzgitarristen Jan Akkerman. Aber auch als Komponist zwischen Klassik und Jazz angelegter Werke gewann Ogerman immer stärker Profil. 1974 nahm er ein eigenes symphonisches Opus namens "Symbiosis" auf - wiederum zusammen mit dem Jazzpianisten Bill Evans. Der kanadische Meisterpianist Glenn Gould, der u.a. für seine herausragenden Bach-Interpretation bekannt war, schrieb Ogerman daraufhin begeistert: "Ich muß Ihnen einfach mitteilen, was für eine fantastische Konstruktion das Stück ist, und was für einen immensen Eindruck es auf mich gemacht hat. Ich finde Ihre harmonische Einfallskraft ganz außergewöhnlich und muß zugeben, daß ich das Stück in letzter Zeit fast obsessiv höre."

Für all diejenigen, die meinen, Musik in Schubladen wie "Klassik", "Jazz" oder "Pop" stecken zu müssen, bergen Claus Ogermans Kompositionen allerdings Gefahren, denn er bedient sich überall. Obwohl anspruchsvoll und modern, sind Ogermans Kompositionen immer der Tonalität verpflichtet. "Ich versuche vordringlich, die Emotionen des Hörers zu erreichen", meint er. "Darum ist die technische Kompositionsmethode für mich zweitrangig. Ich glaube, daß die Avantgarde, die Zwölftonmusik, an einem toten Punkt angelangt ist. Wir befinden uns in der Ära des Postmodernismus: Es tauchen neue Künstler auf, die sich darum bemühen, wieder eine verständlichere musikalische Sprache zu benutzen. Ich habe kürzlich eine Äußerung einer führenden Figur der Avantgarde-Bewegung gelesen, die ich interessant fand: "Scheinbar hat das Publikum heute nicht mehr ganz so viel Angst vor moderner Musik." Ich frage mich, warum sollte irgendeine Form von Musik überhaupt Angst auslösen? Bemerkt dieser Herr eigentlich, was er dort zugibt?"