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19.09.2019
Mette Henriette

Endlich auf Vinyl erhältlich - Mette Henriettes ECM-Debüt

Von etlichen Kritikern wurde Mette Henriette 2015 als die Entdeckung des Jahres auf der europäischen Jazzszene gefeiert. Jetzt erscheinen Aufnahmen ihres ersten Albums auf Vinyl.

Mette Henriette, Endlich auf Vinyl erhältlich - Mette Henriettes ECM-Debüt © Anton Corbijn/ECM Records Mette Henriette

Die junge norwegische Saxophonistin Mette Henriette, bis dahin ein fast unbeschriebenes Blatt, überraschte auf ihrem von Manfred Eicher produzierten Debüt-Doppelalbum "Mette Henriette" sowohl als stilsichere Komponistin wie auch als einfallsreiche Improvisationskünstlerin. "Es scheint, als habe Eicher hier einen ungeschliffenen Rohdiamanten entdeckt", jubelte Reiner H. Nitschke damals in Fono Forum. "Und er verkneift sich jede glatte Politur. Unterliegt auch nicht der Versuchung, Mette zu einem neuen weiblichen Jan Garbarek zu modellieren. Zwar spannt sie immer wieder langsam atmende, elegische Spannungsbögen, die zweifelsfrei den nordischen Kontext spiegeln. Bricht diese aber mit blubbernden und heiseren Anblasgeräuschen, die bisweilen an den Sound eines Didgeridoos und an die Heroen des schwarzen Freejazz erinnern. […] Die Begegnung der klassisch geprägten Streicher mit der anarchischen Energie der jungen Norwegerin macht einen wesentlichen Reiz dieser außergewöhnlichen Produktion aus." In Eclipsed schrieb Wolf Kampamann: "Die kurzen Stücke auf ihrer Doppel-CD sind auf wundervoll poetische Weise unvollkommen. Da geht es weder um Virtuosität noch um ein ausgeklügeltes Formbewusstsein, sondern einzig darum, einen Anfang zu finden. Oder einen Mittelpunkt in sich selbst. Diese Haltung ist so selten im Jazz und doch so wunderschön, dass viele der Stücke in ihrer verträumten Klarheit überwältigen."

Die jetzt erscheinende Vinyl-Ausgabe von "Mette Henriette" enthält die dreizehn besten Stücke der insgesamt 35 Nummern, die 2015 auf der Doppel-CD herausgekommen waren. Auf der ersten Seite der LP präsentiert sich Mette Henriette im Trio mit dem Pianisten Johan Lindvall (der zum Repertoire auch eigene Kompositionen beitrug) und der Cellistin Katrine Schiøtt. Beide sind mit den Musikern des Cikada String Quartet, dem Bandoneón-Spieler Andreas Rokseth, Bassist Per Zanussi und Schlagzeuger Per Oddvar Johansen auch Bestandteil des dreizehnköpfigen Ensembles, das auf der zweiten Seite zu Zuge kommt.

 

Ein Interview von Steve Lake mit Mette Henriette

(Das im Folgenden wiedergegebene Gespräch wurde bereits 2015 vor der Veröffentlichung der Doppel-CD "Mette Henriette" geführt.)

Steve Lake: Du wurdest in Trondheim geboren und bist dort aufgewachsen?

Mette Henriette: Ja, Trondheim war wirklich vorausblickend, kreativ und stark. Ich wuchs mit dieser Energie auf.

SL: Wann hast du damit begonnen, Saxophon zu spielen?

MH: Mit elf oder zwölf Jahren. Davor hatte ich in einer Marching Band Trompete gespielt. Aber als ich mit dem Saxophon begann, wusste ich sofort, dass dieses Instrument für mich bestimmt war. Ich habe sehr schnell eine starke Verbindung zu ihm entwickelt. Musik war für mich eine Erfahrung, die nicht nur aus auf Papier festgehaltenen Noten bestand. Es war für mich mehr als nur Partituren und Theorie und Praxis. Ich muss meine Geschichten erzählen, und ich hatte schon früh ein Gespür dafür, wie ich das machen würde. Musik war ein Ventil, aber ich wusste, dass ich zum Spielen auch handwerkliches Können brauchte. Schon bald machte es mir auch Spaß, mich in die theoretischen Aspekte der Musik zu vertiefen, aber am Anfang war es etwas Primitiveres, eine Antwort auf einen inneren Drang.

In welchen Konstellationen hast du zuerst gespielt? Welche Art von Musik hast du anfangs gemacht?

In Trondheim trafen wir uns damals nicht, um über Standards zu jammen. Wir spielten durchweg frei improvisierte Musik und eigene Kompositionen. Ich hörte auch eine Menge Flamenco, den ich wirklich mochte. In dieser Musik gab es etwas, das ich auch in John Coltranes Musik hörte... für mich war es dasselbe. Die Leute in der Free-Jazz-Szene sagten: 'Oh, du klingst wie...' - und dann nannten sie den Namen eines Jazzsaxophonisten - etwa Albert Ayler oder Evan Parker. Aber damals hatte ich keine Ahnung, wer diese Saxophonisten waren. Als ich mir später Aufnahmen von ihnen anhörte, leuchtete es mir ein, aber meine Einflüsse kamen woanders her, und Saxophonisten habe ich nie als Vorbilder gehabt.

Für deine Ensembles schreibst du Musik in ungewöhnlichen Formen. Manchmal scheint es, als ob das Saxophon eine Struktur betritt, um diese zu illuminieren - sich seinen Weg in die Struktur hineinbahnt, um in ihr ein Licht anzuknipsen.

Ich habe über Jahre hinweg improvisierte Musik gespielt und die Leute dachten, das sei alles, was ich tat. Aber wenn ich abends zu Hause war, komponierte ich Musik. Ich stellte mir dabei vor: Wie würde es sein, wenn ich ein Framework festlegen würde, in dem ich improvisieren könnte? Oder: Wie könnte ich etwas gestalten, das die freie Improvisation in eine andere Richtung bewegen würde? Ich habe nie Komposition studiert, aber es fiel mir leicht, die akustischen Klanglandschaften, die ich im Kopf hatte, auszuprobieren und umzusetzen. Es war ein langer Trial-and-Error-Prozess, der sich über einen Zeitraum von rund acht Jahren hinzog. Ich begann ihn mit dreizehn Jahren. Vor etwa drei Jahren entschied ich dann: Okay, ich muss diese Musik jetzt herausbringen, denn sie ist ein großer Teil von mir. Ich kam zum Schluss, dass ich nichts anderes machen könnte, solange ich dieses Repertoire nicht komplettiert hatte.

Deutet das Album also auf eine Abkehr von deiner improvisierenden Vergangenheit hin? Oder wirst du dich weiterhin an Projekten mit freier Improvisation beteiligen?

Ich bin offen für alles, was mir die Zukunft bringt, aber das Improvisieren gehört einfach dazu. Ich gehe das Leben im Allgemeinen frei improvisierend an.

Wie kam die Verbindung zu ECM zustande?

Ich mag es, manchmal einfach vor die Tür zu gehen und zu sehen, was passiert. Eines Samstagabends in Oslo sah ich ein Plakat für ein Konzert von Dino Saluzzi im Cosmopolite. Ich dachte mir: Das sollte ich mir anhören, zumal ich in meinem Ensemble selbst auch für Bandoneón schreibe. Wann ist der Auftritt? Oh, schon heute. Wann geht es los? In zwanzig Minuten! Okay! Also nix wie hin zum Cosmopolite. Es war rappelvoll, aber ich fand einen Platz auf der Treppe, und wie es der Zufall wollte, saß Manfred Eicher direkt neben mir. In der Pause haben wir uns unterhalten und ich erzählte ihm von meinem Projekt. Er hatte in den Rainbow Studios gearbeitet und einige meiner Aufnahmen gehört...

Was letztendlich zu den Ensemble- und Trio-Aufnahmen führte... Gibt es bei der Gestaltung deiner Kompositionen grundlegende konzeptionelle Unterschiede, je nachdem, ob sie für das Trio oder das größere Ensemble bestimmt sind?

Nein, die Sachen schreibe ich alle zur gleichen Zeit. Einige Ensemble-Stücke wurden zu Trio-Versionen reduziert oder inspirierten das Trio - und umgekehrt. Für mich dreht sich dabei alles um Streckung oder Miniaturisierung. So sehe ich meine gesamte Arbeitssituation. Ich bin in viele verschiedene Projekte involviert, beschäftige mich dabei auch mit anderen Kunstformen und habe das Gefühl, dass alles Teil desselben Prozesses ist.

Deine Trio-Partner Johan Lindvall und Katrine Schiøtt sind auch Teil des größeren Ensembles…

Im Trio fühle ich mich sehr wohl, weil der Fokus dort so pur ist. Wir hatten schon immer einen eigenen Sound. Selbst die allerersten Sachen, die wir gespielt haben, würden durchaus auch auf dieses Album passen. Ich denke, das hat damit zu tun, dass wir drei in der Musik alle einen starken Charakter haben. Wir kommen zusammen und spielen und dabei entsteht etwas. Am Anfang haben wir improvisiert und jede Woche miteinander gespielt. Dann habe ich einige Stücke für uns komponiert und Johan steuerte ein paar eigene Sachen bei und wir haben festgestellt, dass es genau das war, was wir tun sollten...

Zu deinem Ensemble gehört auch das ganze Cikada Quartet

Ich brauchte jemanden, den ich fragen konnte, wie man für Streicher schreibt. Ich lernte die [Komponistin] Maja Ratkje kennen - sie stammt ebenfalls aus Trondheim. Sie hat mir Dinge beigebracht. Wir trafen uns nicht regelmäßig, aber es reichte, um mir einen Stoß in eine Richtung zu geben. Ich habe eine klare Vorstellung davon, wen ich zu einem Projekt heranziehe. Unterschiedliche Persönlichkeiten bringen so unterschiedliche Dinge ein. Es war mir wichtig, die richtigen Streicher für diese Musik auszuwählen. Die Jazzmusiker des Ensembles auszuwählen, fiel mir leichter, weil ich diese Szene kannte. Für die klassischen Musiker konsultierte ich Maja, die wusste, welche Richtung ich einschlagen wollte. Sie sagte: "Ich glaube, du solltest mit Cikada reden." Also tat ich es.

Wenn man sich das Saxophon auf dem Album anhört, scheint es, als ob du genauso sehr - oder manchmal sogar mehr - an der Struktur des Klangs wie an der Melodielinie interessiert bist ...

Eine melodische Linie kann, je nachdem, wie man sie spielt und was man in sie hineinpackt, sehr unterschiedliche Bedeutungen haben: die Qualität des Klangs, die Textur, ihre Tiefe. Alles ist interessant. Ich wollte der Musik ein bisschen Integrität geben und beim Spielen etwas vermitteln, das tiefer geht als "dies ist ein Dominantakkord".

Am Anfang der Aufnahme hören wir dich in einem kammermusikalischen Rahmen leise spielen, und die Atemgeräusche und das Knistern der Feuchtigkeit im Mundstück des Saxophons unterstreichen die taktile Qualität der Musik. Ich musste dabei an abstrakte Malerei denken, bei der der Pinselstrich selbst im Vordergrund steht.

Ich verbinde tatsächlich viele Dinge mit Musik - inklusive Farben. Wenn ich mit Musik arbeite, denke ich an eine Menge andere Dinge als Musik. Ich stelle mir Szenen vor oder Düfte. Es ist interessant, solche Dinge musikalisch darzustellen. Es ist interessanter als das Offensichtliche zu tun, etwa sich auf Skalen zu konzentrieren.

Videomaterial von den Aufnahmen zeigt, dass du beim Führen deiner Ensembles und auch bei der Ermunterung deiner Mitspieler sehr lebhaft bist.

Nun, ich glaube nicht, dass man Musikern nur über Notenpapier Ideen vermitteln kann. Manchmal ist es einfacher, etwas mit den Händen oder der Stimme oder durch die Erzählung einer Geschichte zu beschreiben. Musiker haben auch Stimmen und Körper, die sie bewegen können. Warum sollten wir also dasitzen und uns nur an einem Blatt Papier orientieren?

Ist dein samischer Familienhintergrund von Bedeutung für deine musikalische Identität?

Die samische Kultur ist ein Teil von mir, und sie ist eine Inspiration, in musikalischer Hinsicht und auch sonst. In letzter Zeit habe ich mit der Designerin Emilie Stovik zusammengearbeitet, die ebenfalls von der samischen Kultur inspiriert ist. Und ich hatte Kontakt zu [der traditionellen Sängerin] Inga Juuso (1945-2014). Wir planten kurz vor ihrem Tod ein gemeinsames Projekt. Sie war so authentisch und kraftvoll...