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01.11.2018

Florian Weber - Balanceakt zwischen Transparenz und Mysterium

Nach einer gefeierten Duo-Einspielung mit dem Trompeter Markus Stockhausen, präsentiert Pianist Florian Weber mit "Lucent Waters" sein erstes ECM-Album unter eigenem Namen.

Florian Weber, Florian Weber - Balanceakt zwischen Transparenz und Mysterium Gildas Bolcé / ECM Records Ralph Alessi, Nasheet Waits, Linda May Han Oh, Florian Weber

Auf "Lucent Waters" führt der gebürtige Detmolder ein neu formiertes Quartett durch ein Programm mit Eigenkompositionen. Offenheit ist hier der Schlüssel: sei es, wenn er seinem Mentor Lee Konitz in "Honestlee" Tribut zollt, im glitzernden "Melody Of A Waterfall" impressionistische Töne anschlägt oder in "Butterfly Effect" aus Klangfragmenten ein effektvolles dramatisches Stück erschafft, stets ist es Webers Intention, seinen musikalischen Mitstreitern erfrischende Reaktionen zu entlocken.

"Ich betrachte dieses Album als Dokument einer Zusammenkunft von sehr unabhängig denkenden Musikern", sagt Florian Weber. "Es ist das erste Mal, dass ich eine Band habe, bei der mich vor allem die Unterschiede zwischen den Musikern und ihren Improvisationsansätzen interessieren." Als Beispiel führt er den Kontrast zwischen dem beseelten, geerdeten Bassspiel von Linda May Han Oh und Nasheet Waits' flinken, flüssigen Schlagzeug-Rhythmen an. "Linda und Nasheet sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, aber beim Austausch ihrer Energien finden zu einer Balance." Mit Waits arbeitete Weber auf "Lucent Waters" das erste Mal zusammen. Der Vorschlag dazu kam von Produzent Manfred Eicher. "Mir hat es sehr gefallen, wie Nasheet auf Ralph Alessis ECM-Alben 'Baida' und 'Quiver' spielte. Das sind tolle Aufnahmen. Deshalb begeisterte mich die Idee auch sofort."

Linda May Han Oh und Florian Weber arbeiteten vor rund zehn Jahren erstmals im Trio mit Lee Konitz zusammen. "Das war der Beginn eines lebhaften Gedankenaustauschs, der sich in anderen Kontexten fortgesetzt hat. Nacht für Nacht mit Lee zu spielen, lehrte mich, was es bedeutet, in der Musik spontan zu sein." Es gibt einen Unterschied, so Weber, zwischen der zeitgenössischen Fokussierung auf "Selbstdarstellung" und "dem Erforschen dessen, was tatsächlich vorhanden ist, im Material und in der Interaktion der Spieler angedeutet wird".

Weber und Ralph Alessi spielen schon seit mehr als fünfzehn Jahren miteinander, mal in der Band des einen, mal in der des anderen. Zuletzt war Weber zusammen mit Dan White Mitglied von Alessis Trio. "Wenn ich mir meine bisherige Karriere so ansehe, habe ich meistens versucht, mit Leuten zu spielen, denen ich mich nahe fühle, bei denen ich verstehen kann, woher sie emotional kommen." Freunde können sich natürlich immer noch gegenseitig herausfordern: "Ralph sagt immer, dass ihn die Art, wie ich schreibe und spiele, dazu bringt, selbst anders zu spielen." Dies zeigt sich besonders deutlich bei "Fragile Cocoon". Das zunächst sanfte Stück bricht plötzlich auf, um die Trompete in einer gleissenden Mischung aus Lyrik und Intensität zu präsentieren, gerahmt von Waits dramatisch kraftvollem Schlagzeug.

Es gibt, sagt Weber, mehrere Faktoren, die die hier gesammelten Stücke beeinflussen. "Häufig entstehen Stücke aus einem Gefühl heraus oder spiegeln einen Aspekt meines Lebens wider - in diesem Fall die zwielichtige Atmosphäre der Welt des tourenden Musikers mit all ihren Höhen und Tiefen. Dann gibt es noch den kompositorischen Aspekt: Ich versuche immer, etwas zu erschaffen oder zu gestalten, dass es meines Wissens zuvor nicht gab."

Der Grad der Freiheit der Musiker ist von Stück zu Stück unterschiedlich. "Bei 'Brilliant Waters' zum Beispiel habe ich ihnen nicht viel mehr als den Titel gegeben: Das ist ein freies, offenes Stück, obwohl wir organisch auf einer Note enden, die komponiert klingt. Ich habe der Gruppe gesagt, dass ich wollte, dass das Album das Gefühl einer Erzählung vermitteln soll, bei der die Stücke irgendwie miteinander verbunden sind. Ein Motiv, das in einem Stück erscheint, könnte in einem anderen Stück - vielleicht invertiert - wiederkehren. Stimmungsvolle Ideen kehren zurück, zwei Stücke können an bestimmten Stellen einen ähnlichen instrumentalen Schwerpunkt haben, oder gewisse Klanglandschaften können sich ähneln. Als Bandleader denke ich, dass einen nur ein schmaler Grat davon trennt, den Musikern zu viele Informationen zu geben oder ihnen nicht genug zu geben: Ich wollte, dass die Musiker auch ihr eigenes Ding machen."

Nasheet Waits hat die freieste Rolle in "Melody Of A Waterfall", das sich teilweise am Spiel traditioneller japanischer Trommelensembles orientiert: "Ich mag die Klarheit und den Fokus dieser Musik, ihre Stille ebenso wie ihre Leidenschaft und Energie. Ich finde die japanische Kultur und ihre Ideen faszinierend und habe versucht, sie zu verstehen - soweit man das als Westler kann."

"From Cousteau's Point Of View" spielt auf einige jüngst gemachte Taucherfahrungen an: "Die veränderten dreidimensionalen Perspektiven und die Transparenz stehen bei diesem Stück im Mittelpunkt. Musikalisch ist es 3 gegen 7, beide Takte zur gleichen Zeit, und man weiß nicht, welchem man folgen soll. Ich mag Transparenz, aber zu viel davon kann das Geheimnisvolle verschwinden lassen. Und ich mag auch Geheimnisvolles, so wie ich die Dinge mag, die unausgesprochen bleiben, und Noten, die nicht gespielt werden."

Das Lee Konitz gewidmete "Honestlee" ("jedes Mal, wenn ich Lee treffe, lerne ich etwas Neues", sagt Florian) enthält "einige Ideen der Lennie-Tristano-Schule, ist aber nicht im Stile Tristanos gespielt. Es lotet einige Ideen aus, die er zu Melodielinien und Kontrapunkt hatte." Das Stück erhält auch Impulse von Zeichnungen, die Karlheinz Stockhausen in Darmstadt anfertigte. "Die Zeichnungen veranschaulichen einige polyphone Konzepte. Ich sah sie mir an und wollte sofort eine Melodie schreiben. Weil ich Lee unbedingt ein Stück widmen wollte, strömten die Ideen zusammen. Also beginnen wir mit den Melodielinien und gehen dann in den offenen Modus über." Webers durchweg vorbildliches Spiel ist hier besonders bewegend. Als Konitz, diese Aufnahme hörte, sagte er: "Florian ist einer der kreativsten Pianisten, mit denen ich je gespielt habe. Seine Musik ist vollkommen frei. Er hat Konsistenz, er hat Gefühl, einfach großartig. Diese Musik berührt mich sehr. Ich finde sie traumhaft."