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27.09.2018
ECM Sounds

Shai Maestro Trio - Songs mit einer verträumten, filmischen Qualität

Nachdem Shai Maestro 2017 auf Theo Bleckmanns gefeiertem Album "Elegy" seinen ECM-Einstand gab, legt er bei dem Label nun mit seinem eigenen Trio "The Dream Thief" vor.

ECM Sounds, Shai Maestro Trio - Songs mit einer verträumten, filmischen Qualität Gabriel Baharlia / ECM Records Shai Maestro

"Das Shai Maestro Trio zu hören, ist als würde man in einer neue Welt aufwachen - einer Welt voller Wunder, Aufregung, Schönheit und Ungewissheit", hieß es einmal bei All About Jazz.  "The Dream Thief", Maestros erste ECM-Veröffentlichung als Leader, präsentiert den israelischen Pianisten mit der neuesten Inkarnation seines ungemein interaktiven, sehr atmosphärisch spielenden Trios, das er 2011 mit dem peruanischen Bassisten Jorge Roeder und dem ebenfalls israelischen Schlagzeuger Ziv Ravitz gegründet hatte. Während Roeder nach wie vor mit von der Partie ist, wurde Ravitz für die neue Aufnahme durch seinen Landsmann Ofri Nehemya ersetzt.  Neben Trio-Nummern enthält "The Dream Thief" auch einige eindringliche Solo-Darbietungen von Maestro. Mit einer Solo-Interpretation von "My Second Childhood", einem Stück des in Israel ungemein populären Singer/Songwriter Matti Caspi, lüftet Maestro hier den Vorhang zu einem Programm mit lebhaften Eigenkompositionen, die  für ihn charakterisch sind.

Einen Namen machte sich Maestro zunächst in der beliebten Band des israelischen Bassisten Avishai Cohen, der er von 2006 bis 20011 angehörte. Der in Brooklyn lebende Pianist, der heute sowohl die israelische als auch amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, war darüber hinaus  Mitglied von Mark Guilianas Jazz Quartet und arbeitete vor Kurzem im Duo mit dem Saxophonisten Chris Potter zusammen. Zwischen 2012 und 2016 nahm Maestro unter eigenem Namen vier Trio-Alben mit Roeder und Ravitz auf. Seinen Einstand bei ECM gab er 2017 auf Theo Bleckmanns Album "Elegy". Für die Einspielung seines eigenen ECM-Debüts "The Dream Thief" ging er mit Roeder und Nehemya in Lugano ins Tonstudio, wo ihm für die Aufnahme zwei Steinway-Konzertflügel (beide Modell D) zur Verfügung standen. Er entschied sich für das dunkler klingende Instrument, das ihm für die "verträumte, filmische Qualität" der Musik, die er für die Session geschrieben hatte, besser geeignet schien. Produzent Manfred Eicher sorgte ihm Studio für eine Atmosphäre, in der man, wie sich Maestro erinnert,  "offen war für die Magie des Augenblicks": "Ich hatte eine klare Vorstellung von den Stücken, aber ich wusste, dass Manfred die Musik gerne atmen lässt, um zu ihrem Kern vorzustoßen. Das Stück 'Lifeline' zum Beispiel spielen wir live mit doppelter Geschwindigkeit. Doch Manfred meinte, wir sollten es um etwa 50 bpm drosseln und uns darauf konzentrieren, die Melodie singen zu lassen, etwa in der Art wie es Charlie Haden getan hätte. Das hat das Stück wirklich verändert."

Eine weitere spontane Kreation war Maestros Solo-Darbietung von Matti Caspis "My Second Childhood". Das Lied handelt davon, das Leben mit den Augen eines Kindes neu zu entdecken. Der israelische Songwriter gehört zu Maestros absoluten Lieblingskomponisten. "Ich bin mit seiner Musik aufgewachsen und nahm bei Caspi sogar Unterricht, als ich zwölf war", erzählt Shai Maestro. "Am Tag der Aufnahme war ich vor Jorge und Ofri im Studio, nur um mich mit dem Klavier vertraut zu machen. Ich hatte nicht geplant, dieses Stück ins Programm aufzunehmen. Aber da ich es so sehr verinnerlicht habe, floss es mir beim Warmspielen einfach so aus den Fingern. Ich schätze die DNA eines großartigen Songs, bei dem Melodie und Harmonie perfekt zueinander passen, wirklich sehr. Dasselbe gilt auch für 'These Foolish Things'. Das ist auch ein wundervoll gestalteter Song. Ich habe einfach nur improvisiert, und dabei ergab sich diese Art avantgardistische Behandlung wie von selbst - doch die Melodie hält alles wie ein roter Faden zusammen."

Maestro und Roeder spielen nun schon seit etwa sieben Jahren miteinander und haben in dieser Zeit eine synergistische Partnerschaft entwickelt, obwohl sie "gewissermaßen aus entgegengesetzten musikalischen Lagern stammen", erklärt der Pianist. "Jorge hat sehr viel Erfahrung auf dem Gebiet der freien Musik, während ich sowohl Klassik als auch Jazz studiert und viel mehr arrangierte, rhythmisch festgelegte Musik gespielt habe. Durch das Zusammenspiel mit ihm bin ich freier geworden. Er wechselt mühelos zwischen ungebundenem und groovendem Spiel hin und her und hat ein ausgezeichnetes Ohr. Ich kann mit der Musik anstellen, was ich will, er schafft es stets, mir zu folgen. Wir können sogar fast unisono improvisieren." Obwohl Nehemya neu in der Gruppe ist, herrscht zwischen ihm und dem Pianisten ein intuitives Verständnis. "Ofri und ich haben viele Einflüsse gemein - wir müssen nicht einmal über Dinge reden, um uns auf gleiche Weise emotional auszudrücken", sagt Maestro. "Aber er verfügt auch über das fortgeschrittene, rhythmische Verständnis der neuen Generation, so dass er Jorge und mich wirklich antreiben und herausfordern kann."

Ob es nun darum geht, "der Melodie zu folgen oder wirklich leidenschaftlich und frei zu spielen, wir versuchen immer, uns auf den Moment einzustellen, die Magie des Augenblicks zu finden", sagt Maestro. "Bei 'Lifeline', 'The Forgotten Village' und 'A Moon's Tale' konzentrierten wir uns auf die Melodie, während das rhythmische Zusammenspiel bei 'The Dream Thief' und 'New River, New Water' im Mittelpunkt stand." Die zutiefst bewegende Schlussnummer "What Else Needs To Happen?" enthält, wie der Pianist erläutert, Auszüge aus Reden von Barack Obama: "Ein Bekannter von mir, der Saxophonist Jimmy Greene, verlor seine kleine Tochter bei dem Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School. Diese  Schulmassaker sind in Amerika so alltäglich geworden, fast schon 'normal' - es ist surreal, verrückt. Das, was Jimmy und den anderen Eltern geschah, ging mir sehr nahe - es war herzzerreißend. Ich weiß, dass ich im Jazz mit einem solchen Stück wahrscheinlich 'offene Türen einrenne', aber bei 'What Else Needs To Happen?' geht es darum, sich dem Moment in anderer Weise zu öffnen. Ich denke, dass wir als aufführende Künstler eine Verantwortung haben, über die Welt zu sprechen, in der wir heute leben. Vielleicht hilft die Kombination von Obamas Worten und meiner Musik den Leuten, die emotionale Realität ein wenig besser zu erfassen. Für mich ist es zumindest ein gewisses Mittel des Widerstands gegen diese schreckliche neue 'Normalität'."