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06.09.2018
ECM Sounds

Mark Turner & Ethan Iverson - magische Zusammenflüsse und glückliche Überraschungen

Nachdem sie zusammen bereits auf zwei ECM-Alben des Billy Hart Quartet mitwirken, legen Mark Turner und Ethan Iverson nun mit "Temporary Kings" ihr erstes Duo-Album vor.

ECM Sounds, Mark Turner & Ethan Iverson - magische Zusammenflüsse und glückliche Überraschungen Robert Lewis Mark Turner, Ethan Iverson

Die musikalischen Pfade von Saxophonist Mark Turner und Pianist Ethan Iverson kreuzten sich das erst Mal in den 1990er Jahren bei Jamsessions in New York. Ein Jahrzehnt später trafen die beiden im Quartett des Schlagzeugers Billy Hart, mit dem sie für ECM die viel gelobten Alben "All Our Reasons" und "One Is The Other" einspielten, wieder aufeinander. Auf "Temporary Kings" loten Turner und Iverson nun erstmals im Duo-Format ihre ästhetischen Gemeinsamkeiten aus, etwa den Cool-Jazz-Einfluss der Lennie Tristano/Warne Marsh-Schule oder die gesteigerte Intimität modernistischer Kammermusik.

"Temporary Kings" enthält sechs Originale von Iverson (darunter das nostalgische Solostück "Yesterday's Bouquet") und zwei von Turner (u.a. die 2001 geschriebene Nummer "Myron's World", die unter zeitgenössischen Jazzmusikern mittlerweile fast schon Klassikerstatus genießt). Das Repertoire enthält außerdem den unkonventionellen Blues "Unclaimed Freight" und eine Interpretation von Warne Marshs verspielt-verschlungenem Cool-Jazz-Klassiker "Dixie's Dilemma". Ein weiteres Highlight ist der bemerkenswert melodische, an Ravel erinnernde Opener "Lugano", den Iverson der Stadt widmete, in der das Album unter idealen Klangbedingungen aufgenommen wurde. 

Besonders gekennzeichnet waren die Sessions für "Temporary Kings" vom genauen einander Zuhören und von einer Wertschätzung dessen, was Iverson "magische Zusammenflüsse" und "glückliche Überraschungen" nennt. Ein Musterbeispiel dafür sind die aufeinander abgestimmten melodischen Phrasen in den Improvisationen von "Lugano". "Wir spielten auf eine weitläufige, fast abstrakte Weise", erläutert Iverson. "Einen scharfkantigen Jazzklang strebten wir gar nicht an. Allerdings gibt es auf dem Album mit 'Unclaimed Freight' auch einen von mir komponierten Blues. Und 'Dixie's Dilemma' ist eine Kontrafaktur von 'All The Things You Are'. Aber es gibt da auch diese kammermusikalische Stimmung. Die Schule von Tristano, Marsh und Lee Konitz hat ihre Verbindungen zur Welt der modernistischen Kammermusik, und wir finden es wichtig, diesen Bezug hervorzuheben."

Auf den Tristano-Einfluss hatte Turner schon mit seiner Komposition "Lennie's Groove" hingewiesen, die er vor vier Jahren zum Repertoire von Billy Harts "One Is The Other"-Album beigesteuert hatte. "Die Warne-Marsh-Ästhetik ist für uns beide ein Teil unserer Welt", erklärt der Saxophonist. "Und um unsere Verbundenheit mit dieser Ästhetik zu verdeutlichen, wollten wir für das Album einen seiner Jazzklassiker aufnehmen. Ich mag 'Dixie's Dilemma', weil es so trocken, so lakonisch ist. Und diese Klangeigenschaften findet man auch bei Tristano und Konitz. Der Reiz der Melodie liegt mehr in ihrem Inhalt als in der Dramatik, so dass der Inhalt melodisch, harmonisch und rhythmisch sehr stark sein muss."

Über ihre Interaktion als Duo sagt Iverson: "Dank Mark höre ich viel genauer hin. Das ist zwar etwas, das ich immer zu tun versuche, aber wenn du mit Mark Turner so eng zusammenarbeitest, müssen deine Ohren fein abgestimmt, sehr gespitzt sein. Mark ist Wahrheit und Schönheit auf einer höheren Ebene verpflichtet als die meisten Menschen. Es ist nicht nur das, was er spielt - es ist auch das, was er verkörpert, seine künstlerische und persönliche Integrität. Deshalb wird er von so vielen Musiker nicht nur wegen seiner großartigen Fähigkeiten als Improvisator so hoch geschätzt." Turner wiederum sagt: "Zu den Dingen, die mir an Ethan gefallen, gehört, dass er Wert darauf legt, seine Persönlichkeit einzubringen, musikalisch eigene Dinge zu spielen, vor allem wenn es um Harmonien und Stimmführung geht. Selbst wenn er die gleichen Akkorde wie ein anderer Pianist spielt, klingen sie doch unverwechselbar, wenn er sie benutzt."

Neben der äußerst vertrackten Komposition "Myron's World" - die Iverson als "sehr  herausfordernd, aber auch unglaublich befriedigend" bezeichnet - steuerte Turner noch die Schlussnummer "Seven Points" bei, ein Tongedicht mit einer mysteriösen, fast schon filmischen Spannung und einer schönen Melodie, die - wie der Opener "Lugano" - von einem Hauch der Pariser Moderne des frühen 20. Jahrhunderts umweht zu sein scheint. Zu den Originalen aus Iversons Feder gehören außerdem das elliptische Titelstück "Temporary Kings", "Third Familiar" und "Turner's Chamber Of Unlikely Delights". Wenngleich jedes dieser Stücke das Flair zeitgenössischer Kammermusik verströmt, spürt man im Grunde auch immer den freien Geist der beiden Musiker. Die Reinheit von Turners Ton ist ideal für diese Stücke und wird von Iverson mit filigranen Mustern auf dem Klavier passend beantwortet. Und dann ist da noch "Unclaimed Freight", der in G gehaltene Blues des Pianisten. Turner erinnert sich, wie schwierig es war, dieses ausgesprochen jazzige Stück aufzunehmen: "Wenn man im Studio ist und ohne die Stimmung eines Publikums auskommen muss, kann es schwer sein, das richtige Gefühl für die Strömung in der Musik zu bekommen. Aber ich glaube, bei Ethans Blues haben wir das geschafft. Man konnte fast einen Schlagzeuger hören - ich fühlte ein wenig Wind in meinem Rücken."