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29.08.2018

Slim Gaillard - Sir Gaga, der Clown-Prinz des Jazz

Achtzig Jahre nach seinem Hit "Flat Foot Floogie" kommt die Jazz-Comedy von Bulee "Slim" Gaillard auf der perfekt remasterten Doppel-CD "Groove Juice – The Norman Granz Recordings and more" zu neuen Ehren.

Slim Gaillard, Slim Gaillard - Sir Gaga, der Clown-Prinz des Jazz Slim Gaillard

Slim Gaillard in Worte zu fassen ist nahezu unmöglich: er ist der ultimative Hipster, ein cooler Jazz-Joker, dessen sprachliche und musikalische Improvisationen Swing-Fans und Bebopper gleichzeitig begeisterten, der mit Charlie Parker, Dizzy Gillespie oder dem Hip-Hop-Duo Dream Warriors aufnahm und von Jack Kerouac in "On The Road" verewigt wurde. Er sprach etliche Sprachen, nicht zuletzt Arabisch und ein paar Fetzen Jiddisch und Griechisch, erfand zudem seinen eigenen Slang bei dem alles Mögliche "Vout" oder "Orooney" war, angeblich weil er den Namen des Schauspielers Mickey Rooney so lustig fand. Obendrein war er mit "Down By The Station" für einen der populärsten Kinder-Kanons der USA verantwortlich und, was damit überhaupt nichts zu tun hat, der Schwiegervater von Marvin Gaye.

Entweder 1916 in Detroit, Michigan, oder Claiborne, Alabama, oder sogar erst 1918 auf Kuba geboren, versuchte sich der schlaksige Bulee Gaillard schon als Teenager in New York als Entertainer - mal als Stepptänzer, dann wieder als Gitarrist, Sänger oder Boogie-Woogie-Pianist, manchmal sogar an der Seite eines gewissen Frank Sinatra. Dass er außerdem Trompete, Posaune, Tenorsaxofon, Bass, Schlagzeug, Orgel und Vibrafon spielte, sollte ihm im Duett "Slim & Slam" mit dem singenden Bassisten Slam Stewart zugutekommen. Mit Hits wie "Flat Foot Floogie", nur echt "with a floy floy", oder auch "Cement Mixer", entstanden nachdem Gaillard sich während einer Studio-Verschnaufpause von einer gegenüberliegenden Baustelle inspiriert fühlte, unterhielt das Duo Hipster und Hollywood-Stars an der amerikanischen Westküste. Auch als Slam von Bam Brown ersetzt wurde oder in Besetzungen mit Kollegen wie Ben Webster, Milt Jackson, Ray Brown oder Buddy Tate machte Slim eine hervorragende Figur.

"Der Psychiater sagt uns, dass uns der große Krieg eine Welt hinterlassen hat, die es gar nicht abwarten kann zu fliehen. Eines der einfachsten Fluchtmittel ist es, sich den Ausweg zu ersingen. Je durchgeknallter das Lied, so scheint es, desto schneller die Flucht", schrieb die amerikanische Zeitschrift Collier’s anlässlich einer Million verkaufter Exemplare von Slim Gaillards "Cement Mixer". Das und vieles mehr erfährt man in den Liner Notes dieser einzigartigen Doppel-CD, verfasst von Ricky Riccardi, dem "Director of Research Collections" des Louis Armstrong House Museums. Mithilfe von Zev Feldman, laut Stereophile Magazine dem "Indiana Jones des verlorenen Jazz", und etlichen Gaillard-Erben hat Riccardi eine herrliche Geschichte der hier enthaltenen Aufnahmen verfasst, die allesamt, wie es schon der Titel verdeutlicht, von JATP- und Verve-Impressario Norman Granz produziert wurden.

Nicht unbedingt als Humorist bekannt, hielt Granz über viele Jahre, Stile und Labels an Slim Gaillard fest, produzierte nicht nur die "Jazz At The Philharmonic"-Sessions, die zur "Opera In Vout" führten, sondern eben auch alle 34 Aufnahmen dieser Doppel CD - und natürlich die neun bisher nicht erhältlichen Alternate Takes. Alles ist dabei: Swing, Bebop, Calypsos, R&B, Proto-Rock, Balladen mit Streichern, Latin-Rhythmen, Country and Western, Mambos, Standards, Novelty-Songs oder imitierende Karikaturen des Crooners Billy Eckstine oder der Oktaven bezwingenden Andenkönigin Yma Sumac. Immer hochkarätig instrumentiert - auch auf "Genius", bei dem Slim alle neun seiner oben erwähnten Hauptinstrumente spielt - immer mindestens so charmant wie schenkelklopfend, gerne doppeldeutig und so anzüglich, dass der Protagonist selbst sich in "Chicken Rhythm" das Lachen kaum verkneifen kann, sind diese Aufnahmen nach wie vor das Paradebeispiel für Jazz-Humor. Dass sie noch nie so gut klangen wie auf dieser Veröffentlichung ist kein Witz.