Jazz Newsletter

Wir versenden wöchentlich den aktuellen Jazzecho Newsletter. Um keine Neuigkeit zu verpassen, können Sie sich gern hier mit Ihrer eMail-Adresse registrieren. Der Newsletter kann jederzeit wieder abbestellt werden.

Mit dem Klick auf den Button „Ok“ willige ich darin ein, dass ich den Newsletter abonniere und meine personenbezogenen Daten zu diesem Zweck gemäß der Datenschutzerklärung verarbeitet werden.
OK

Labels

Im Bereich Labels finden Sie Informationen zu den wichtigsten und bekannstesten Jazzlabels der Welt:

Artikel

16.05.2018
ECM Sounds

Steve Tibbetts - Musik von menschlicher, handgefertigter Qualität

Acht Jahre nach seinem exzellenten letzten ECM-Album "Natural Causes" meldet sich der Gitarrist Steve Tibbetts mit "Life Of" endlich wieder bei dem Münchener Label zurück.

ECM Sounds, Steve Tibbetts - Musik von menschlicher, handgefertigter Qualität Diane Waller / ECM Records Steve Tibbetts
Die fruchtbare Liaison zwischen Steve Tibbetts und ECM Records reicht bis in das Jahr 1981 zurück, als der einzigartige US-Gitarrist für das Münchener Label sein erstes Album "Northern Song" einspielte. Auf den seither erschienenen ECM-Alben folgte der Künstler, dessen Musik die BBC einmal als "ein stimmungsvolles Gebräu... brillant, individuell"  beschrieb, einem ganz eigenen, gewundenen Pfad, auf dem er sich in immer neue musikalische Richtungen vortastete. "Life Of" ist Tibbetts' neuntes Album für das Label und in gewisser Weise eine Fortsetzung seiner 2010 erschienenen letzten ECM-Aufnahme "Natural Causes", über die die Jazz Times damals urteilte: "Musik, in der man sich verlieren kann." Im Mittelpunkt steht erneut der Klangreichtum von Tibbetts' zwölfsaitiger Martin-Akustikgitarre, sein gamelanartiges Klavierspiel und die kunstvoll eingesetzten Samples von Field Recordings balinesischer Gongs; abgerundet wird das Klangbild vom feinsinnigen Perkussionsspiel seines langjährigen musikalischen Partners Marc Anderson und den fast unterschwelligen Borduntönen von Michelle Kinneys Cello. Obwohl Tibbetts im Mittleren Westen der USA verwurzelt ist, hat er mehrere Expeditionen nach Südostasien, einschließlich Bali und Nepal, unternommen; die Klänge und Stimmungen dieser Region sind in seine musikalische DNA genauso eingewoben wie die Inspiration, die er von Künstlern wie dem Gitarristen Bill Connors oder dem Sarangi-Meister Sultan Khan bezog. Den Großteil der dreizehn sehr persönlichen Stücke von "Life Of...." hat Steve Tibbetts sowohl lebenden als auch schon verstorbenen Freunden und Familienmitgliedern gewidmet.
Nach der Veröffentlichung des ECM-Albums "The Fall Of Us All" (1994) legte Tibbetts eine längere Pause ein, die er unter anderem für Zusammenarbeiten mit dem norwegischen Hardanger-Geiger Knut Hamre und der tibetisch-buddhistischen Nonne Chöying Drolma nutzte. Erst 2002 meldete er sich bei ECM mit dem stümischen, elektrifizierten Album "A Man About A Horse " zurück, dem wiederum acht Jahre später das akustische Album "Natural Causes" folgte.

Was "Natural Causes" laut Tibbetts von dem neuen Album "Life Of" unterscheidet, ist, dass er "heute ein besserer Pianist" ist. "Ich tüftel an diesen Platten vielleicht in einem übertriebenen Maße herum, aber nicht etwa, um irgendeine Art von instrumentaler Perfektion zu erreichen. In unserer Kultur werden heute so viele Dinge überproduziert und geschliffen, bis sie einen makellosen metallischen Glanz haben. Ich bin im Laufe der Jahre organischer geworden. Ich möchte, dass meine Platten eine menschliche, handgefertigte Qualität haben."

Wie schon bei "Natural Causes" nahm Tibbetts die Abmischung der Aufnahme im Konzertsaal des Macalester College vor, das in der Nähe seines Wohnortes in Minnesota liegt. "Ich bringe meine ganze Ausrüstung in die Halle und spiele die Tracks in der Akustik des Raumes ab, fange den Raumklang ein und mische so ab. Ich habe zwei Paar Mikrofone aufgestellt: ein Paar in der Mitte der Halle, ein Paar weiter hinten. 
Das Ambiente des Saals kreist so um das Klavier und die Perkussion, und die natürliche Akustik des Raumes hilft der Gitarre mit dem Klavier in Einklang zu kommen. Es ist ein arbeitsintensiverer Prozess, und der Effekt ist für die meisten Ohren vielleicht zu subtil. Aber auf mich wirkt es organischer und klingt etwas realistischer. Ich nehme an, es ist wie bei einem Lorbeerblatt in einer Suppe - man nimmt es kaum wahr, aber es verstärkt den Geschmack."

Der wichtigste Tongenerator des Albums ist Tibbetts' zwölfsaitige Gitarre, jene Martin D-12-20, die er in den späten 1970ern von seinem Vater bekam. In seine Spielweise hat er längst Elemente wie das Saitenziehen (string bending) und Vibrato integriert, die er sich bei dem Jazzgitarristen Bill Connors und dem Blues-Rocker Harvey Mandel abgeschaut hat, aber auch das stimmliche Ideal, das Sultan Khan mit seinem gestrichenen Sarangi vollbrachte. "Diese Martin-Gitarre ist jetzt fast ein halbes Jahrhundert alt und ihre Bundstäbchen fast schon flachgespielt - ich lasse die alten Saiten auf einen Tipp von Leo Kottke hin aufgezogen und spiele sie bis zum Gehtnichtmehr", erklärt Tibbetts.
"So hat das Instrument einen weichen, gealterten Klang, mit einer eigentümlichen inneren Resonanz - als hätte es einen kleinen Konzertsaal in seinem Inneren. Ich versuche, diese Qualität hervorzuheben, indem ich die Gitarre in Doppellagen bespanne, wobei die vier unteren Saiten in Primen statt in Oktaven gepaart sind. Man muss sich wirklich physikalisch mit den Saiten dieser Gitarre auseinandersetzen, aber auch darauf achten, dass sie durch die Berührung nicht verzerrt werden. Aber auf diese Weise kann ich mit den klanglichen Qualitäten des Holzes spielen, ihr Obertöne entlocken und die einzelnen Saiten zum'Singen' 
bringen - was ich am Klang von Sultan Khan liebte, war wie er den Raum wie mit einer Stimme füllen konnte."

Tibbetts spielt das Klavier praktisch wie ein Gamelan, benutzt die Tastatur wie eine Reihe von Gongs und lässt sie durch die Struktur eines Stückes laufen. Die Klangschichten seiner Gitarre und seines Klaviers interagieren mit den wirklichen Gongs und anderen Metallophonen, die Tibbetts in Bali gesamplet hat und die er über eine weitere zwölfsaitige Gitarre mit MIDI-Interface triggert. Stücke wie wie "Life Of Mir" bieten auch subtile Cello-Einlagen von Michelle Kinney (die auch schon 1989 auf Tibbetts' ECM-Album "Big Map Idea" zu hören war). Und dann ist da schließlich noch die stets teilnahmsvolle Perkussion von Marc Anderson, der auf allen ECM-Alben von Tibbetts mitgespielt hat. "Mit Marc zu arbeiten ist wie mit meinen eigenen Händen zu arbeiten", sagt der Gitarrist. "Ich muss meinen Händen nicht sagen, dass sie das Griffbrett finden sollen - sie tun es einfach. So ist es nach vierrzig Jahren auch mit Marc. Ich muss ihn nicht bitten, etwas Bestimmtes zu tun. Er findet immer allein die richtige Trommel, den richtigen Ansatz."