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08.12.2017
ECM Sounds

ECM-Jahresrückblick 2017 - Teil 1

In der DownBeat Critics Poll wurde ECM 2017 zum sechsten Mal in Folge zum Plattenlabel des Jahres gekürt. An einige der Künstler und Alben, denen dieser Erfolg zu verdanken war, erinnern wir nun in einem zweiteiligen Jahresrückblick.

ECM Sounds, ECM-Jahresrückblick 2017 - Teil 1 ECM Records

John Abercrombie Quartet - Musik als Schleifgerät für die Sinne

Als das John Abercrombie Quartet im Januar 2017 "Up And Coming" herausbrachte, konnte noch niemand ahnen, dass es das letzte Album des Gitarristen sein würde. Denn der 72-Jährige, der über Dekaden hinweg auf seinem Instrument eine der ausdruckstärksten Stimmen des Jazz inne hatte, starb nur sieben Monate später. Mit "Up And Coming" hinterließ er der Musikwelt ein wunderbar zeitloses Album. "Im Alter wird man nicht langsamer, sondern genauer", schrieb Oliver Creutz im Stern. "Nachzuhören ist dies auf dem neuen Album des John Abercrombie Quartet […] Schlagzeug und Kontrabass geben den Groove vor, Gitarre und Piano breiten sich in freundlichen Duellen darüber aus. Ihre Suche nach den Tönen lässt die Musik transparent schimmern. So eignet sich ´Up and Coming´ als Schleifgerät für die Sinne: Sie werden schärfer." In Soundstage HiFi meinte Joseph Taylor: "Abercrombie spielt Jazz, der sowohl klug als auch emotional einnehmend, strukturiert und spontan ist. ´Flipside´ und der Titelsong swingen so hart, wie es sich ein Jazzliebhaber nur wünschen kann; andere Stücke entwickeln sich in gemächlichem Tempo. Copland teilt Abercrombies Gespür für Harmonie und Dynamik und interagiert mit dem Gitarristen auf eine Art und Weise, die mühelos scheint, aber aus dem gemeinsamen Spiel und der Entwicklung einer musikalischen Beziehung entsteht. Gress und Baron bringen das gleiche Maß an Verständnis und Einfühlungsvermögen in die acht Tracks von ‘Up And Coming’ ein - Musik von vier Musikern, die fein aufeinander abgestimmt sind."

Colin Vallon Trio - fruchtbare Verbindung aus intellektueller Coolness und emotionaler Spiellust

In in der überbevölkerten Welt der jazzigen Klaviertrios hat das Colin Vallon Trio seinen eigenen Platz gefunden, indem es die Konventionen genau dieser Welt auf ruhige Art herausfordert. Auf dem jüngsten Album "Danse" führt der Schweizer Pianist sein Ensemble nicht etwa mit virtuoser Solisten-Attitüde, sondern schafft durch geduldiges Skizzieren von Melodien einen Rahmen, in dem Gruppenimprovisationen stattfinden können. "Es gelingt hier das bislang dichteste, zugkräftigste und antörnendste Werk des Musikers aus Lausanne", befand Karl Lippegaus in Fono Forum. "Von Radiohead und Metallica zu den Klavierpräparationen eines Benoît Delbecq und zurück zu frühen Idolen wie Abdullah Ibrahim: Von diesem bestens eingespielten Trio wird all dies und vieles mehr mit Fantasie und Leichtigkeit in hohe Vortragskunst überführt." In der österreichischen Zeitschrift Kultur schrieb Peter Füßl: "Schroffes, Kantiges und Dissonantes fügt sich zu harmonischen Klangbildern, flüchtig Hingeworfenes und wie nebenbei Skizziertes verdichtet sich zu einem Strudel mit hypnotischer Sogwirkung. Intellektuelle Coolness und emotionale Spiellust gehen eine fruchtbare Verbindung ein, die jeden Moment für eine musikalische Überraschung gut ist. Diese Musik strahlt gleichzeitig nervöse Dringlichkeit und meditative Ruhe aus, wühlt auf und beruhigt, klingt wohlvertraut und entführt in nie Gehörtes. Das ist keine Musik zum nebenbei Hören, sie verdient volle Konzentration und Aufmerksamkeit, um ihre volle Wirkung entfalten zu können. Dann ist sie absolut umwerfend."

Benedikt Jahnel - die Invariante ist wahre Schönheit

Als "The Invariante" oder "Konstante in einer Phase der Veränderung" bezeichnet der deutsche Pianist Benedikt Jahnel sein Trio mit Antonio Miguel und Owen Howard. Deshalb hat er sein neues Album, das kurz vor dem zehnjährigen Jubiläum der Formation erschien, auch treffend "The Invariant" betitelt. "Der Berliner Pianist Benedikt Jahnel, der auch in der Band Cyminology zu hören ist, ist mit seinen 36 Jahren immer noch ein junger Musiker, aber sein Trio besteht bereits seit zehn Jahren", schrieb  Rolf Thomas in Jazz thing. "Mit dem spanischen Bassisten Antonio Miguel und dem kanadischen Schlagzeuger Owen Howard bildet Jahnel eine unschlagbare Einheit, die die melodische Funken schlagenden Stücke des Pianisten äußerst attraktiv zur Blüte bringen. Das zeigt sich zum Beispiel in dem vor nervöser Energie vibrierenden 'Part Of The Game', aber auch in dem melodisch reichhaltigen ‘Mirrors’, dessen poetische Kraft in zehn Minuten immer neu aufgefächert wird. Ein unschlagbarer Swing verleiht wiederum 'The Circuit' seine optimistische Ausstrahlung. Die drei Musiker verstehen es aber auch, Balladen berührend zu gestalten: Mit 'Mono Lake' (das ist der See auf dem berühmten 'Wish You Were Here'-Innencover von Pink Floyd), 'For The Encore' und 'En Passant' finden sich gleich drei Beispiele für diese Stärke des Trios auf dem neuen Album." In den London Jazz News meinte Peter Bacon: "Acht Stücke, die alle vom Pianisten geschrieben wurden, und ein wunderbar gewachsenes Zusammenspiel zwischen den Musikern hinterlassen beim Zuhörer diesen verblüffenden Doppeleffekt: er nimmt die Spieler sowohl als drei Individuen mit jeweils eigener musikalischer Persönlichkeit wahr, zugleich aber auch als eine Stimme, vereint in ihrer gemeinsamen Interpretation und Darstellung der Musik. [...] Das Bemerkenswerte ist, dass dies für den Zuhörer nicht nach übermäßig komplizierter Musik klingt. Jahnel hat ein feines Ohr für Melodie und das versüßt jede bittere Pille, die in diese acht Stücke eingebettet ist. Aufregend, verspielt, abwechslungsreich in der Stimmung, aber mit einer übergeordneten Konstante: Ja, die Invariante ist wahre Schönheit."

Ralph Towner - improvisatorisches Meisterwerk von höchster lyrischer und musikalischer Einfühlsamkeit

Die Soloalben des Gitarristen Ralph Towner besaßen stets einen ausgesprochen autobiographischen Charakter und verrieten viel über die Einflüsse, die ihn im Laufe seiner Karriere geprägt haben. Mit "My Foolish Heart" legt er zehn Jahre nach "Ana" endlich wieder ein solches Soloalbum vor, dessen Bogen sich vom Jazz eines Bill Evans und Paul Bley über brasilianische Klänge bis zu klassischer Gitarrenmusik spannt. "Ralph Towner hat mit seinen Gitarrenalben ‘Solo Concert’ und 'Anthem' so bezaubernde Aufnahmen für ECM gemacht, dass man keine Steigerung mehr erwartet hätte", meinte Christian Bröcking in der Berliner Zeitung, "doch auch seine neueste Aufnahme ist von selten gehörter Intensität. Für den 76-jährigen amerikanischen Musiker und Komponisten, der heute in Rom lebt, geht es um Klänge, die Musiker wie Hörende an einen magischen Ort versetzen […] Mit seinem neuen Album bezieht Towner auch Stellung zu großen Musik-Erfindern wie den Pianisten Bill Evans und Paul Bley. Von ihren Schallplatten hat Towner einst alles abgehört, was ihm noch heute wichtig ist - jene Neugierde des Lernens hat ihn nie verlassen. Entstanden ist ein improvisatorisches Meisterwerk von höchster lyrischer und musikalischer Einfühlsamkeit." "Aufgrund seiner Hingabe an das akustische Instrument und seiner Auslotung der Grenzen von Klassik und Jazz ist Ralph Towner gewissermaßen das gitarristische Äquivalent von Keith Jarrett", befand Andy Gill im Independent. "Die Solowerke beider Musiker besitzen eine ruhige, reflektierende Qualität, verbunden mit einem intensiven Engagement. Und 'My Foolish Heart' ist vielleicht Towners beste Arbeit seit seinem sublimen Solodebütalbum 'Diary' von 1973."

Craig Taborn Quartet - Klarheit kombiniert mit Komplexität

Mit einem neuen Quartett, bestehend aus Saxophonist Chris Speed, Bassist Chris Lightcap und dem früheren Bad-Plus-Drummer Dave King, präsentierte sich der Keyboarder Craig Taborn auf seinem dritten ECM-Album "Daylight Ghosts". Alle vier Musiker verfügen über einen sehr breit gefächerten Background, der von Rock und Electronica über diverse Spielarten der Weltmusik bis hin zur Jazzimprovisation reicht. Auf "Daylight Ghosts" jongliert das Quartett mit den unterschiedlichsten Elementen: mit Dynamik und einem spektralen Ambiente, akustischen und elektrischen Klängen, Grooves und nachklingenden Melodien. "Der Pianist Craig Taborn hat sich schon in den neunziger Jahren mit dem frühen Techno beschäftigt. Taborns neuem Album ‘Daylight Ghosts’ hört man das nicht sofort an”, bemerkte Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung. "Mit seinem Quartett entwickelt er mal aus lyrischen, mal aus dissonanten Motiven kollektive Improvisationen, in denen die Musiker mit einer Klarheit aufeinander eingehen, die sie in die Sphären zeitgenössischer Kammermusik rückt. Es ist aber genau diese Klarheit in der Linienführung, dem Rhythmusverständnis und dem Klangbild, in denen sich Detroit Techno als musikalische Haltung findet. Und eben nicht als Genre-Zitat." Im Bayerischen Rundfunk meinte Bernhard Jugel: "Anleihen an Ambient Music klingen an, manche Passagen erinnern an den Cool Jazz der 50er, das freie Spiel der 60er, den Fusion Jazz der 70er und 80er. Craig Taborn, der in seiner 25jährigen Karriere auf mehr als 80 Jazzalben mitgespielt hat, ist es gelungen, seine vielfältigen Einflüssen in eine sehr subtile, wenig spektakuläre, aber sehr cineastische Musik einzubringen, die über weite Strecken wirkt wie die Musik zu einem noch zu drehenden Film. […] Es ist eines der Jazzalben, die bei jedem Hören neue Facetten ihrer komplexen Musik zutage treten lassen."

Julia Hülsmann Trio - zu schön, um nicht wahr zu sein

Mit dem Trio-Album "End Of Summer" debütierte Julia Hülsmann 2008 bei ECM. Drei Jahre später legte sie mit "Imprint" eine weitere Einspielung im selben Format vor, die damals von John Kelman bei All About Jazz als eine der besten Klavier-Trio-Aufnahmen des Jahres gefeiert wurde. Im März erschien unter dem Titel "Sooner And Later" Hülsmanns dritter Trio-Streich mit Bassist Marc Muellbauer und Schlagzeuger Heinrich Köbberling. "Hülsmanns erste Komposition 'Fom Afar' sendet sogleich ein melancholisches Fragezeichen aus, untermalt in wunderschönen Klangfarben von Bass und Schlagzeug", beobachtete Reiner H. Nitschke in Stereo. "Ihre Hommage an die Pianistin Jutta Hipp schließt sich da nahtlos an. Wie sich Marc Muellbauer und Heinrich Köbberling atmosphärisch einbringen, ist ganz große Trio-Kunst. Nichts wirkt rast- und orientierungslos, alles atmet und pulsiert." Kurz und knapp brachte Peter Rüedi sein Urteil in der Schweizer Weltwoche auf den Punkt: "Eine sehr konturierte, präzise, vieldeutige Musik. Zu schön, um nicht wahr zu sein." Und Thomas Fitterling bilanzierte in Rondo: "Fern jeglicher Innerlichkeitsduselei erblühen hinreißende Sounds und Tonfolgen in einem magischen Spannungsfeld von schlichter Nüchternheit und trunkenem Schwärmen."

Louis Sclavis - Abstraktion und Einfühlung

Die Wege von Louis Sclavis, Dominique Pifarély und Vincent Courtois, drei wichtigen Exponenten der französischen Improvisationsszene, hatten sich über Jahrzehnte hinweg zwar in den unterschiedlichsten Konstellationen immer wieder gekreuzt. Aber das ECM-Album "Asian Fields Variation" ist tatsächlich die erste Aufnahme, die diese Musiker als Trio gemacht haben. Entsprechend groß war die Begeisterung, die diese Kollaboration in der Presse und bei Fans der Musiker auslöste. "Im Opener 'Mont Myon' wird binnen Sekunden jene magische Atmosphäre der ‘folklore imaginaire’ spürbar, mit der Sclavis’ Stil assoziiert wird", schrieb Karl Lippegaus in Fono Forum. "Der schalmeien-ähnliche Ton beschwört die Melancholie der Ahnen […] Gleichzeitig verteidigt die Musik von Sclavis stets ihren innovativen Charakter, alles und nichts wird dem Zufall überlassen. […] Immer spürt man die Arbeit, das Können, das Engagement für den Jazz. Wie Künstler, die in harter Arbeit Holzschnitte herstellen, sind ihre Interaktionen gleichsam eingekerbt für alle Zeiten." In der Weltwoche meinte wiederum Peter Rüedi: "'Abstraktion und Einfühlung’, der Titel von Wilhelm Worringers berühmtem Buch, drängt sich auf, wenn wir nach den Polen dieser ungemein spannenden wie einnehmenden Musik fragen. Eine andere Polarität wäre Komposition und Improvisation, weitere wären Konsonanz und Dissonanz, polyphone Verflechtung und Entflechtung, kollektive und solistische Erfindung, Verdichtung und Verflüssigung. Zwischen solchen Eckpfeilern entwickeln sich ziemlich beispiellose musikalische Selbst-, Zwie- und Dreigespräche, wobei Sprechen und Zuhören in wilder, aber nie anarchischer Gleichzeitigkeit ineinanderfallen können. Das ist für jeden und jede ungemein aufregend zu verfolgen, aus welchem Lager auch immer sie kommen mögen. Eine Musik - eine weitere Polarität! -, die gleichzeitig leicht ist und von großem spezifischen Gewicht."

Tomasz Stanko New York Quartet - großer Stilist mit unverwechselbarem Klang

Obwohl Tomasz Stanko dieses Jahr bereits seinen 75. Geburtstag feierte, ist er musikalisch nach wie vor rastlos. Um neue Inspiration zu finden, legte sich der polnische Trompeter vor rund zehn Jahren einen zweiten Wohnsitz in New York zu, wo er schon wenig später ein aufsehenerregendes Quartett mit Pianist David Virelles, Bassist Thomas Morgan und Schlagzeuger Gerald Cleaver gründete.  Nach einer Umbesetzung - für Morgan sprang der nicht minder profilierte Reuben Rogers ein - legte Stankos New York Quartet mit "December Avenue" sein zweites Album vor. "Stanko zählt zu den wenigen großen Stilisten mit einem eigenen, unverwechselbaren Klang", unterstreicht Werner Stiefele in Stereoplay. "Zart und atemreich klingen seine Töne. Sie zittern oft ein wenig - als Stilmittel, nicht als Zeichen von Schwäche. Sie zeigen Stärke, sie gleiten und schreiten, sie flirren, kieksen, kommen als kleine explosive Kugeln daher und können sich ebenso selbstverständlich aus einem Hauchen zu Strahlkraft und zurück zum Nichts entwickeln." In der Times schrieb John Bungey: "Tomasz Stanko, der beim Musizieren wie Monk ein Vertreter der 'weniger ist mehr'-Schule ist, meldet sich mit seinem New York Quartet (herausragend David Virelles am Klavier) zurück. Die Stimmung auf 'December Avenue' ist wieder wehmütig und ätherisch, und Stankos Ton auf elegante Art schwermütig. [...] Gerade wenn diese dämmerigen kammermusikalischen Stücke in die Abstraktion zu driften scheinen, greift die Rhythmusgruppe ein und swingt durch den Davis-artigen Titelsong, der eine sehr coole Filmmusik abgeben würde."

Tarkovsky Quartet - traumverloren schöne (Kammer-)Musik

Mit "Nuit blanche" beschloss das von dem Pianisten François Couturier geleitete Tarkovsky Quartet, ein kammermusikalisches Improvisationsensemble mit der deutschen Cellistin Anja Lechner, dem Saxophonisten Jean-Marc Larché und Akkordeonist Jean-Louis Matinier, seine faszinierende Tarkowski-Trilogie, die es vor zwölf Jahren begonnen hatte. "Couturier inszeniert mit dem Tarkovsky Quartet eine traumverloren schöne (Kammer-)Musik", schrieb Heribert Ickerott im Jazzpodium, "teils vollständig, teils um einen komponierten Kern improvisiert, im Grenzbereich zwischen klassischer Kammermusik (mit Piano und Cello als führenden Instrumenten), Jazz und Folklore mit Sopransaxophon und Akkordeon als genretypischen Instrumenten. So wenig wie in Tarkovskys Filmen sich Traum und Realität eindeutig separieren lassen, so wenig ist die Musik Couturiers eindeutig einem Genre zuzuordnen. Fast durchgängig aber dominiert eine Stimmung gelassener, unprätentiöser Melancholie." Im österreichischen Standard meinte Karl Gedlicka: "Statt spezifische Szenen zu vertonen, evozieren Couturier, Saxofonist Jean-Marc Larché, Akkordeonist Jean-Louis Matinier und Cellistin Anja Lechner mit sparsam in den Raum gehängten Tönen Atmosphären, wie man sie aus Filmen und Träumen zu kennen vermeint. [...] Betörend einfache und einfach betörende Melodielinien werden von Instrument zu Instrument gereicht, variiert, verstärkt und ausgedünnt, ineinander verwoben, wieder aufgelöst. Jeder Ton zählt, auch jedes Geräusch. In der Ausreizung an Klangmöglichkeiten gehen die Musiker tatsächlich wie beim Kreieren der Tonspur eines Films zu Werk. […] Ingmar Bergman hat über seinen Kollegen Tarkowski gesagt: ‘Wenn der Film nicht Dokument ist, ist er Traum. Darum ist Tarkowski der Größte. Er bewegt sich im Raum der Träume mit schlafwandlerischer Sicherheit, er erklärt nicht.’ Besser lässt sich auch das Tarkovsky Quartet und seine 'Nuit blanche' nicht würdigen."

Dominic Miller - Ästhetik der Verknappung und des Spartanischen

Dominic Miller kannten viele Musikfans bislang nur als Gitarristen und rechte Hand von Pop-Superstar Sting, dessen Band er schon seit über 20 Jahren angehört. Dass der in Argentinien geborene Amerikaner nebenher auch fleißig Alben unter eigenem Namen aufnahm, bekamen die meisten Sting-Fans nicht mit, da diese allesamt bei kleinen Indie-Labels herausgekommen waren. Das könnte sich nun geändert haben: denn mit "Silent Light", seinem ersten Album für ECM Records, hat Miller nun endlich die Obskurität verlassen. "Es gibt Musik, die kommt wie absichtslos daher und ist gerade deshalb so umwerfend", konstatierte Tilman Urbach in Fono Forum. "Ein paar Töne nur, die in die Stille gesetzt sind - so fängt Dominic Millers Album 'Silent Light' an. Aber diese Töne, die bald von minimalen Perkussionseinwürfen gewürzt werden, behaupten nicht nur sich selbst, sondern sind wie ein Versprechen, weil sie Resonanz- und Assoziationsräume öffnen […] Diese Musik will nicht überwältigen. Sie ist einfach da. In schlichter Schönheit." Im Schweizer Tages-Anzeiger beschäftigte sich Christoph Merki mit dem Album: "Lateinamerikanische Rhythmen, klassische Musik, französische Chansons, Jazz - all das blitzt auf Millers Album auf. Und trotz der vielen Archive, die der Musiker anzapft, möchte man seine versonnenen Gitarrentöne nicht als eklektisch bezeichnen. Das Spannende an seinen Stücken ist, dass sie die verschiedenen Musikwelten konsequent auf Dinge aushorchen, die seiner Ästhetik der Verknappung und des Spartanischen entgegenkommen, seinem Versuch, gewissermaßen  eine Musik zwischen den Tönen zu spielen."

Chris Potter Quartet - mehr musikalische Poesie als Jazz

"Er besitzt eine ganz besondere, ganz eigene Reife", lobte der Saxophonist Joe Lovao einmal seinen Kollegen Chris Potter. "Er spielt mit viel Zuversicht und lotet in der Musik wirklich seine Dynamik aus. Er hat ein wunderbares Gespür für Rhythmus und fließende Ideen. [...] Er ist unglaublich vielseitig, hat eine starke Präsenz in Ton und Artikulation und passt in die verschiedensten Umfelder, weil er auf seinem Instrument rhythmisch sehr frei ist." All diese (und noch einige andere) Qualitäten, die ihn zu einem der meistbeschäftigten Saxophonisten seiner Generation gemacht haben, demonstriert Chris Potter auch auf seinem neuen Album "The Dreamer Is The Dream", das er im Quartett mit Pianist David Virelles, Bassist Joe Martin und Schlagzeuger Marcus Gilmore aufnahm. Für das Album und sein Tenorsaxsolo in dem Stück "Ilimba" erhielt Potter gerade zwei Grammy-Nominierungen. "Potters emotionale Qualität ist es, seiner Virtuosität ein Gefühl zu verleihen, für das es im Englischen den schönen Ausdruck 'soaring' gibt, der eigentlich den Aufwärtsflug eines Adlers beschreibt", meinte Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung. "Für das Album 'The Dreamer Is The Dream' hat der Produzent Manfred Eicher die überschäumende Kreativität in Bahnen kanalisiert, die das Rauschhafte nicht ausklammern, aber auf ein fürs Plattenhören vernünftiges Maß bringen. Es ist das Werk eines Ausnahmemusikers, der alle Aussichten hat, als bedeutendster Saxofonist seiner Zeit in die Musikgeschichte einzugehen." In Stereo schrieb Karl Lippegaus: "Diesmal zeigt er sich mit einem neuen Quartett, das ein sehr durchkonzipiertes Programm aus sechs Stücken Potters interpretiert. Die Expressivität, mit der er spielt - in der Nachfolge Michael Breckers, auf Coltrane und Rollins verweisend - bekommt mit der neuen Gruppe ein interessantes Gegengewicht: durch den kubanischen, in New York lebenden Pianisten David Virelles. Dessen reduzierter Stil, sein immenses Können im Aufbau eines Solos, seine an den jungen Keith Jarrett erinnernde Fantasie zu erleben, gehört zu den Highlights von 'Dreamer'." Beim Radiosender KRCW schließlich schwärmte Tom Schnabel: "'The Dreamer Is The Dream' ist das Werk eines Genies. Es ist mehr musikalische Poesie als Jazz. Egal wie oft ich mir dieses Album anhöre, es offenbart jedes Mal neue Schönheiten."