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03.11.2017
ECM Sounds

Jon Balke & Siwan - musikalische Verwirklichung einer Utopie

Auf "Nahnou Houm" beweisen Jon Balke und sein Siwan-Projekt erneut, dass die friedliche Koexistenz unterschiedlicher Kulturen möglich ist und wunderbare musikalische Früchte tragen kann.

ECM Sounds, Jon Balke & Siwan - musikalische Verwirklichung einer Utopie © ECM Records Nahnou Houm

Siwans titelloses ECM-Debüt, das 2009 erschien, wurde von der Weltpresse hoch gelobt und erhielt u. a. den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Jetzt meldet sich das von Jon Balke geleitete internationale Kollektiv in leicht geänderter Besetzung, mit einer neuen Sängerin - der Algerierin Mona Boutchebak , die außerdem Oud spielt - und seinem zweiten Album  "Nahnou Houm" endlich zurück.

"Nahnou Houm" bedeutet "Wir sind sie" und enthält eine Botschaft von aktueller Relevanz, wenngleich mit tiefen historischen Wurzeln. Gestartet hatte Jon Balke das Projekt Siwan vor rund zehn Jahren als Antwort auf einen Kompositionsauftrag, den er von dem multikulturellen Treffpunkt Cosmopolite Scene in Oslo erhalten hatte. Beflügelt wurde Balkes Phantasie damals von den Ähnlichkeiten, die er zwischen arabischer Musik, andalusischer Klassik und europäischer Barockmusik entdeckt hatte. Um diese Klangwelten einander noch näher zu bringen, vertonte er diesmal Gedichte aus der ehemaligen spanischen Provinz al-Andalus und reflektiert über eine Zeit, in der die Anhänger der drei großen Weltreligionen - Islam, Judentum und Christentum - dort friedlich zusammenlebten.

In seinem Begleittext zu "Nahnou Houm" merkt Balke an, dass er Siwan aus einer "rein musikalischen Faszination für die verheißungsvollen Aspekte der andalusischen Kultur mit ihren riesigen Bibliotheken, den enormen Fortschritten in Wissenschaft, Landwirtschaft, Architektur und Kunst” begann. Aber das Projekt setzte sich dann auch mit “den verheerenden Auswirkungen der Inquisition auseinander, die alle Bücher und Dokumente, die sie finden konnte, verbrannte. Alles, was auf Papier festgehalten war, wurde zerstört, aber die mündliche Überlieferung konnte nicht kontrolliert werden. Musiker reisten und spielten. Und so entstanden vage Verbindungen, die von Spanien nach Neapel führten, wo das andalusische Erbe in Formen wie Chaconne, Folia, Passacaglia etc. überlebte und wesentlich zur Entwicklung der neuen Barockmusik beitrug." Diese Gedanken führten zu  "Spekulationen über eine imaginäre Musikgeschichte, aber auch zu einer politischen Phantasie: Wie hätten sich Europa und der Rest der Welt entwickelt, wenn es den drei Religionen nach Al-Andalus gelungen wäre, weiterhin nebeneinander zu existieren? Durch das Verweisen auf Zeiten, in denen die Koexistenz tatsächlich stattgefunden und die Menschheit vorangebracht hat, und dadurch, dass Siwan selbst ein funktionierender multikultureller Mikrokosmos ist, möchten wir die Idee der ‘convivencia’, wie sie genannt wurde, in allen Aspekten des menschlichen Lebens beleuchten."

Auf den ersten Alben und bei den ersten Tourneen präsentierte sich Siwan mit der in Marokko geborenen Sängerin Amina Alaoui, die ihre Wurzeln in der Garnathi-Tradition der klassischen Musik von Andalusien hat. Später lud Balke unter anderem die tunesische Sängerin Lamia Bedioui und die palästinensische Sängerin Kamilya Jubran ein. Die große Herausforderung war, eine neue Sängerin zu finden, die sowohl ein tiefes Gespür für die arabische Musikgeschichte besitzt, aber auch offen für trans-idiomatische Improvisationen ist. Gesucht wurde eine Sängerin, die zum Experimentellen neigt und trotzdem traditionsbewusst ist.

"Und weil wir keine neue Sängerin mit andalusischem Background fanden, die mein Material assimilieren und in einem zeitgenössischeren Rahmen arbeiten konnte,  wurde das Siwan-Projekt eine Zeit lang auf Eis gelegt", erklärt Balke. "Dann schlug uns Kheir Eddine M´Kachiche [der Geigensolist des ersten Siwan-Albums] schließlich Mona vor, die aus derselben Nachbarschaft in Bab el Oued in Algier stammt wie er. Ich lud Mona ein und sie fand sofort einen guten Draht zur Gruppe, sowohl musikalisch als auch persönlich. Sie ist eine sehr vielseitige Musikerin mit einer tollen Stimme, die sehr gut zu der Gruppe passt. Und sie spricht Arabisch, Französisch, Spanisch und Englisch..."

Ihre Versatilität kann Mona auf "Nahnou Houm" eindrucksvoll bei der Interpretation wunderbarer poetischer Werke von dem persischen Sufi-Mystiker Attar, dem Heiligen Johannes vom Kreuz, dem großen spanischen Dichter und Autor Lope de Vega und anderen beweisen. Das Zusammenspiel von Texten, aber auch das Zusammenspiel von musikalischen Ideen, verstärkt Balkes utopische künstlerische Vision. Es ist, als würden diese Autoren, die alle einen vollkommen unterschiedlichen Background haben, lyrische Variationen ein und derselben sehnsuchtsvollen Ballade formen.