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11.10.2017
Aron Ottignon

Sehnsuchtsort Südsee - Aron Ottignons Albumdebüt

Nach Kollaborationen mit Stromae und Woodkid veröffentlicht der neuseeländische Pianist sein Blue-Note-Debüt "Team Aquatic"

Aron Ottignon, Sehnsuchtsort Südsee - Aron Ottignons Albumdebüt Aron Ottignon - "Team Aquatic"

Was ist ein südpazifischer Groove? Klingt nach der perfekten Musik, um die Stimmung in der gerade hereinbrechenden dunklen Jahreszeit aufzuhellen. Gerade rechtzeitig also erscheint das Albumdebüt "Team Aquatic" des neuseeländischen Pianisten Aron Ottignon und seinem Trio. Mit groovendem Piano, treibendem Bass, warm schimmernden Steel Pans, mit ameisenhaft krabbelnder, kribbelnder Perkussion und soliden Drums treibt "Team Aquatic" das Serotonin ins Gehirn. Liebhaber der afrokaribischen Sounds des Saxophonisten Jacques Schwarz-Bart und Fans von Anoushka Shankars Flamenco-Album ("Traveller") können hier anknüpfen.

Seit dem Millennium ist Ottignon international auf der Bühne und im Studio aktiv. Der Kosmopolit (London-Paris-Berlin) gilt als Grenzgänger zwischen Jazz und World-Pop, mit elektronischen Einschlägen und einer Affinität zur Clubszene. Hip-Hop-Fans kennen sein voran galoppierendes Piano vom medienpreisgekrönten Hit "Papaoutai" des belgischen Electro-Produzenten Stromae (knapp eine halbe Milliarde Views bei Youtube). Auch durch Zusammenarbeiten mit dem französischen Indie-Musiker Woodkid und dem französischen Rapper Abd Al Malik hat Ottignon seinen Status des genre-übergreifenden Jazzers fürs jüngere Publikum inne. Auf seinem neuen Album klingen einige Motive wie geloopt, sind jedoch von Hand eingespielt. Jede Komposition dreht sich um einen bestimmten Groove.

Ottignon kann seinen Anschlag erstaunlich dynamisch variieren, vom subtilen Fließen zur hammerharten Attacke. Dem Magazin des X-Jazz-Festivals verriet der Mittdreißiger, dass er beim Spielen gelegentlich seine Fingerkuppen wie Trommelstöcke einsetze. Das Etikett "südpazifischer Groove" verpasste ihm 2005 der britische Guardian nach der Veröffentlichung des Albums "Culture Tunnel", das Ottignon mit seiner Band Aronas herausbrachte: "Gerade als man dachte, dass man mit lediglich Klavier, Bass und Schlagzeug nichts Neues mehr machen kann, kommt Kiwi-Pianist Aron Ottignon mit seiner Band Aronas daher", so die Zeitung.

Den Weg zum Debütalbum unter eigenem Namen hat Ottignon mit zwei EPs geebnet: "Starfish" (2015) und "Nile" aus diesem Jahr. Die Titelstücke beider EPs hat er auf "Team Aquatic" genommen: "eine kaleidoskopische Reise durch den elektronisch versierten, perkussionsreichen Jazz des 21. Jahrhunderts, der sich auch gegenüber nicht-westlichen Stilen öffnet", rezensierte das Magazin Ableton.com. "Nile" erschien bereits auf dem traditionsreichen Blue-Note-Label. Ottignon befindet sich also (verdientermaßen) in der Gesellschaft von Stars und Giganten - von Coltrane bis Norah Jones - und in der seines frühen Klavierlehrers, des 2007 verstorbenen Hard-Boppers Andrew Hill, der in seinem Elternhaus in Auckland ein und ausging. Musik hat bei den Ottignons eine lange Familientradition: Seine Großmutter spielte Harfe in der Band des Exzentrikers Liberace; sein Vater war Saxophonist im Quintett von Manfred Mann und begleitete durchreisende Jazzmusiker bei Auftritten. Aron gewann schon als Kind einen Musikpreis nach dem anderen, er hätte es leicht zum gefeierten Interpreten schaffen können, doch die eigene musikalische Vision war stärker.

Gemeinsam mit den Produzenten Rodi Kirk und Paul "Seiji" Dolby, neben dem Steel-Pan-Spieler Samuel Dubois, verbindet Ottignon nun tief atmende Melodien mit dem kraftvollen Herzschlag - nicht nur polynesischer, sondern auch afrikanischer und afrokaribischer - Rhythmen: den Beat des Openers "Starfish" spielten sie auf einer Holztrommel aus dem Südpazifik ein. An vielen Stellen des Albums hat er einen Hang zu wellenartig fließenden Dreier-Takten und Arpeggio-Kaskaden, so auf dem getragenen, tiefblauen, bluesigen, dann impressionistischen "Ocean". Sein virtuoses Können zeigt Ottignon eher nebenbei und umso erstaunlicher auf dem zunächst gedankenverlorenen, dann tänzelnden "The Nile". Stoisch schreitet er auf "The Jungle" voran, ein Titel, der Eindrücke verarbeitet, die er beim Besuch eines Flüchtlingscamps in Calais gewann. Die abschließende Ballade "Rothesay Bay" benannte er nach dem Strand in Neuseeland, an dem er selbst zur Welt kam.
Live erleben kann man Ottignon mit seinem Trio am 20.11. in der Berliner Kantine am Berghain: eine gute Gelegenheit, um den bevorstehenden November-Blues wegzugrooven!