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22.08.2017
Tim Berne

Tim Berne's Snakeoil - alles andere als Wiederholungstäter

Ständig in Bewegung, überraschend und in andere Richtungen umschwenkend ist die Musik von Altsaxophonist Tim Bernes gefeierter Band Snakeoil auf "Incidental".

Tim Berne, Tim Berne's Snakeoil - alles andere als Wiederholungstäter © Nuno Martins / ECM Records Tim Berne's Snakeoil /Matt Mitchell, Oscar Noriega, Tim Berne. Ches Smith, Ryan Ferreira

"Incidentals" ist bereits das vierte Album, das der Altsaxophonist Tim Berne mit seiner ungemein dynamischen Band Snakeoil für ECM eingespielt hat. Zur Ursprungsbesetzung mit  Klarinettist Oscar Noriega, Pianist Matt Matthews und Schlagzeuger/Vibraphonist Ches Smith stieß vor zwei Jahren der Gitarrist Ryan Ferreira, der erstmals 2015 auf "You've Been Watching Me" mit Snakeoil zu hören war. Ferreiras strukturelles Spiel und schwebende Ambient-Klangfarben sorgen gleichzeitig für mehr Dichte und Auflockerung in der Musik.

"Irgendwie haben wir es geschafft, mehr klanglichen Raum zu gewinnen, indem wir einen weiteren Mitspieler dazugenommen haben", stellt der Bandleader mit einer gewissen Verwunderung fest. Berne lernte Ferreira durch Matt Mitchell kennen, der dieselbe Musikschule besucht hatte wie der Gitarrist. "Ich halte immer Ausschau nach Gitarristen", sagt Berne, "ich suche stets nach frischem Blut." Ein Jahr lang spielte er mit Ferreira frei improvisierend im Duo. Dann lud er ihn zu einem Auftritt mit Snakeoil ein. "Ich gab ihm vorher einen großen Stapel Musik, den er einstudierte. Für den Job brauchte ich einen Musiker, der sich damit zufrieden gab, kein Solist zu sein. Er hat in der Band fast so etwas wie die Rolle eines ausgeflippten Keyboarders, und das eröffnete mir kompositorisch ein paar Optionen mehr." Es gab auch den Wunsch, den Modus operandi der Band zu unterwandern und auf die Probe zu stellen. Über einige Jahre hinweg war die vierköpfige Snakeoil-Besetzung zu einer verschworenen Einheit zusammengewachsen. "Und wenn eine Band gut funktioniert, liebe ich es, etwas anderes dazu zu mischen, um zu sehen, ob ich noch Fingerspitzengefühl habe und was passiert."

Doch die ersten Gitarrensounds, die man auf "Incidentals" hört, stammen aus einer anderen Quelle, denn David Torn beschränkte sich nicht darauf, das Album zu produzieren, sondern griff mit seinem eigenen Instrument auch aktiv ins Geschehen ein. Danach geht es Schlag auf Schlag. Eine Gruppenimprovisation führt zum ersten dramatischen Thema, dem mehrere Vamps folgen, bis sich der Hörer plötzlich, wie es so oft bei Bernes Stücken der Fall ist, in einem neuen und unbekannten Raum wiederfindet. Reprisen gibt es in seinen Stücken selten: die Musik ist ständig in Bewegung, weicht aus, schwenkt in andere Richtungen. Um dem Geschehen in "Hora Feliz" zu folgen, empfiehlt Berne sich auf Snakeoils außerordentlich talentierten Pianisten Matt Mitchell zu konzentrieren. "Matt muss viele der Übergänge schultern. Wenn man sich während des ganzen Improvisationsabschnitts auf ihn fokussiert, kann man hören, auf welch erstaunliche Weise er es schafft, mit seinen Improvisationen das Ende des Stücks zu entwickeln und aufzubauen."

"Mir gefiel schon immer die Idee, die Leute von dem Material, mit dem wir beginnen, wegzulenken. Beim Schreiben passiert das fast auf dieselbe Art wie beim Improvisieren - durch viele Motive, viel melodisches Improvisieren, das Einwerfen und Entwickeln kleiner thematischer Dinge. Das ist überhaupt ein Teil der Geschichte. Einiges davon habe ich mir, als ich begann, bei den AACM-Leuten abgeschaut und auch bei Julius Hemphill - in ihrer Welt war Improvisation oft etwas Kollektives und Amorphes. Sie spielten nicht einfach ein Solo über den Groove der Rhythmusgruppe. Nur sehr wenig von dieser Musik funktionierte nach dem Schema Thema-Solo-Thema. Ich denke, bei mir ist das noch immer so. Viele der suiteähnlichen Stücke [wie das 26-minütige, epische "Sideshow", das erneut David Torns Gitarre featuret], die ich mache, basieren auf dem Wunsch, improvisierte Ideen nicht zu wiederholen. Wenn man improvisiert und weiß, dass man etwas völlig anderes machen wird, dann muss man ein wenig mehr kompositorisch denken als wenn man nur ein Solo spielt und dann zum selben Thema zurückkehrt."