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11.07.2017
Tomasz Stanko

Polnischer Melancholiker - Tomasz Stanko feiert seinen 75. Geburtstag

Zur Feier seines 75. Geburtstags befindet sich der polnische Trompeter in einem speziellen Quintett mit seinem italienischen Instrumentalkollegen Enrico Rava auf Europa-Tournee.

Tomasz Stanko, Polnischer Melancholiker - Tomasz Stanko feiert seinen 75. Geburtstag © Jacek Poremba / Universal Music Polska Tomasz Stanko

"Stanko zählt zu den wenigen großen Stilisten mit einem eigenen, unverwechselbaren Klang", meinte Werner Stiefele, als er vor kurzem in Stereoplay Tomasz Stankos jüngstes Album "December Avenue" besprach.

"Zart und atemreich klingen seine Töne. Sie zittern oft ein wenig - als Stilmittel, nicht als Zeichen von Schwäche. Sie zeigen Stärke, sie gleiten und schreiten, sie flirren, kieksen, kommen als kleine explosive Kugeln daher und können sich ebenso selbstverständlich aus einem Hauchen zu Strahlkraft und zurück zum Nichts entwickeln."

Der polnische Trompeter Tomasz Stanko, der am 11. Juli seinen 75. Geburtstag begeht, verstand es schon früh, sich - neben seinem italienischen Instrumentalkollegen Enrico Rava - als eine der wichtigsten Stimmen des europäischen Jazz zu etablieren. "Die Stimmung der polnischen Melancholie liegt mir im Blut", versuchte er seine Originalität einmal zu begründen. Zur Feier seines Geburtstags stellte Stanko ein ganz besonderes Quintett mit Enrico Rava und dessen Pianisten Giovanni Guidi sowie seiner eigenen Rhythmusgruppe - Bassist Reuben Rogers und Schlagzeuger Gerald Cleaver - zusammen, das derzeit durch Europa tourt.

Stanko - der laut der New York Times "einer der am meisten gefeierten improvisierenden Musiker Europas" ist - kam 1942 in Rzeszów zur Welt und begann seine Karriere in den späten 1950er Jahren in Krakau. Anfang der 1960er Jahre wurde er Mitglied des Quintetts des Pianisten und Filmkomponisten Krzysztof Komeda, mit dem er 1965 das Album "Astigmatic" einspielte, das heute als ein Meisterwerk des europäischen Jazz gilt.

Obwohl Miles Davis und Chet Baker seine ersten Einflüsse waren, fühlte er sich schon bald zum Free Jazz von Ornette Coleman und Don Cherry hingezogen. "Ich war an künstlerischer Freiheit interessiert, weil ich als Person damals kein wirklich großes Problem damit hatte in einem kommunistischen Land zu leben", verriet er dem Jazzjournalisten Andrew Gilbert, als er sich mit diesem über den Jazz unter dem Kommunismus unterhielt. "Mag sein, dass die Musiker vor mir, ein paar Probleme hatten, die hatten nicht die Chance so oft zu spielen. Aber das änderte sich ab 1963. Ich war sehr viel mehr an der Freiheit in Ornettes Musik interessiert."

Mit seinem Quintett (das u.a. Zbigniew Seifert und Janusz Stefanski featurte) avancierte Tomasz Stanko in den frühen 1970ern zu einem der Vorreiter des Free Jazz und trat auf allen großen europäischen Jazzfestivals auf. Die anschließenden Projekte festigten seinen Status:

"Unit" mit dem polnischen Pianisten Adam Makowicz und ein gemeinsames Quartett mit dem finnischen Schlagzeuger Edward Vesala weckten 1975 die Aufmerksamkeit von ECM-Produzent Manfred Eicher. Stankos ECM-Debütalbum "Balladyna" (1976) wurde auf beiden Seiten des Atlantiks von der Kritik gefeiert. In den 1980er arbeitete der Trompeter mehrfach mit dem Pianisten Cecil Taylor zusammen und war mit Jack DeJohnette und Jan Garbarek auch auf Gary Peacocks ECM-Album "Voice From The Past - Paradigm" zu hören.

Zwanzig Jahre nach seinem ersten (und bis dahin einzigen) Soloalbum für ECM kehrte Stanko 1997 zu dem Münchener Label zurück, für das er seitdem eine Reihe exzellenter Alben eingespielt hat: zunächst "Leosia" mit Pianist Bobo Stenson, Bassist Anders Jormin und Drummer Tony Oxley, dann das Krzysztof-Komeda-Tribute-Album "Litania" (mit u.a. Terje Rypdal, Stenson, Palle Danielsson und Jon Christensen), das zu einem weltweiten Bestseller wurde. Danach folgten die beiden Alben "Soul Of Things" (2002) und "Suspended Night" (2004), die das ihn begleitende Marcin Waslilewski Trio ins globale Scheinwerferlicht katapultierten. Einen außergewöhnlichen Erfolg verzeichnete er 2009 auch mit dem Album "Dark Eyes" und dem darauf enthaltenen Stück "Terminal 7", das für die Titelmusik der preisgekrönten Fernsehderie "Homeland" genutzt wurde.

2013 erschien das Doppelalbum "Wislawa", auf dem er ein neues, US-amerikanisches Quartett mit Pianist David Virelles, Bassist Thomas Morgan und Schlagzeuger Gerald Cleaver vorstellte. Im März 2017 veröffentlichte der Trompeter, der nun schon seit einigen Jahren zwischen seiner Heimat Polen und New York hin- und herpendelt, schließlich noch das Album "December Avenue" mit Virelles, Cleaver und Bassist Reuben Rogers.