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31.05.2017
JazzEcho-Plattenteller

Wiedergefundener Trio-Traum - Bill-Evans-Konzert auf LP

Bill Evans, Wiedergefundener Trio-Traum - Bill-Evans-Konzert auf LP JazzEcho Plattenteller - Bill Evans Trio

Dass der an Meisterwerken ohnehin nicht gerade armen Bill-Evans-Diskographie seit kurzem ein Live-Album mit dem Titel "On A Monday Evening" hinzugefügt wurde, hat die Welt den beiden ehemaligen College-Radio-Discjockeys Larry Goldberg und James Farber zu verdanken. Denn neben einem Interview mit einer der wohl prägnantesten Jazz-Piano-Figuren des 20. Jahrhunderts, nahmen die beiden im November 1976 auch gleich das am nächsten Tag stattfindende Konzert auf. Damals war keiner der beiden ein Fachmann auf diesem Gebiet. Die nicht vorhandene Expertise in Sachen Mikrofonierung kann man aus heutiger Sicht durchaus als glücklichen Zufall werten: Auch wenn Eliot Zigmunds Becken hier und da über Gebühr zischen und nachhallen - es ist durchaus zulässig, den Gesamteindruck dieser Aufnahme als phänomenal zu bezeichnen. Wie viel von dem überzeugenden Klang allerdings auf die Fortune der beiden ehemaligen Studenten zurückgeht und welchen Anteil die für diese Veröffentlichung verwendete Plangent Prozesstechnik - ein aufwendiges Nachbearbeitungs-Verfahren, bei dem Fehler und Materialschwächen des analogen Original-Tapes digital kompensiert wurden – am Endergebnis hat, ist für den unbefangenen Hörer nicht klar zu entscheiden.

 

Glasklar hingegen ist, dass dieses Konzert den künstlerischen Zenit, der Evans in Zusammenhang mit seinem letzten Trio (Marc Johnson am Bass und Joe LaBarbera als Drummer) gern nachgesagt wird, hier quasi vorwegnimmt. Der distinkte Bass Eddie Gomez’, der Evans zum Zeitpunkt des Konzertes bereits zehn Jahre am Stück begleitet hatte - schnarrend, lärmend und gern auch mal gestrichen - und das aufmerksame, aber nie untertänige Zuspiel Zigmunds bilden ein dankbares Fundament, auf dem Evans Melodien und Harmonien zu grandiosen Tonräumen verarbeitet. Ganz besonders hervorzuheben sind vor diesem Hintergrund die Version des  Titels "Minha" und der Leonard-Bernstein-Komposition "Some Other Time". Wie sich gerade bei letzterer alle drei Musiker gleichberechtigt die Bälle zuspielen und gegenseitig aufs Podest heben, das ist schon ganz großes Live-Jazz-Kino.

 

Nicht auszuschließen ist auch, dass sich Bill Evans zum Zeitpunkt der 1976er Tour in einem außergewöhnlich stabilen mentalen Zustand befand. Anders ausgedrückt: Augen- und Ohrenzeugen zufolge, erlebte der sonst kontinuierlich von Kalamitäten jedweder Art heimgesuchte Pianist eine kurze Phase persönlichen Glücks: Die Droge Heroin hatte er ebenso über- und verwunden wie den tragischen Tod seines Bassisten Scott LaFaro und den Suizid seiner ehemaligen Lebensgefährtin Ellaine Schultz. Mit seiner Frau Nenette war er ein Jahr zuvor Vater von Evan Evans geworden und der Suizid seines Bruders Harry als auch die das Lebensende rasch beschleunigende und verhängnisvolle Affäre mit Unmengen bolivianischen Marschierpulvers waren noch nicht abzusehen. Kurz: Bill Evans ging es verhältnismäßig gut. Töricht anzunehmen, dieser Umstand hätte keinen Einfluss auf sein Spiel gehabt.

 

"On A Monday Evening", in 180 Gramm gepresst und einer attraktiven Gatefold-Hülle mit Textbeileger verpackt, entpuppt sich als eine unerwartet formidable bislang unbekannte Live-Aufnahme des wohl einflussreichsten kaukasischen Jazz-Pianisten des 20. Jahrhunderts. Dass sie ihre schiere Existenz einiger glücklicher Umstände verdankt, ändert nichts an ihrer Bedeutung. Im Gegenteil!