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28.04.2017
Quercus

Eklektisch, zeitlos, unverwechselbar - das britische Folk-Jazz-Trio Quercus

Seit 2006 bilden Folksängerin June Tabor, Pianist Huw Warren und Saxophonist Iain Ballamy das Trio Quercus. Nun legen sie mit "Nightfall" endlich ihr zweites Album vor.

Quercus, Eklektisch, zeitlos, unverwechselbar - das britische Folk-Jazz-Trio Quercus © Tim Dickeson / ECM Records Das Trio Quercus: Huw Warren, June Tabor, Iain Ballamy

Mit seinem 2013 erschienenen ECM-Debütalbum "Quercus" machte das gleichnamige Trio, in dem Pianist Huw Warren und Saxophonist Iain Ballamy neue Kontexte für die dunkle und bewegende Stimme von June Tabor erschaffen, gleich mächtig Eindruck. Die Aufnahme wurde mit dem Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet und offenbarte der internationalen Presse, was in der britischen Folkszene jeder schon seit vielen Jahren wusste: dass niemand die Bedeutung eines Liedes so freizulegen versteht wie June Tabor. "June Tabors Stimme mit ihrer aristokratischen Wärme wurde noch nie so sorgsam in Szene gesetzt", schrieb damals Ulrich Olshausen, eines der Mitglieder der Jury, die für die Vergabe des Jahrespreises der Deutschen Schallplattenkritik zuständig war.

Auf "Nightfall", im Dezember 2015 in der Cooper Hall im südwestenglischen Städtchen Frome von Warren und Ballamy produziert, haben Quercus in kreativer Hinsicht einen großen Schritt nach vorne gewagt. Es gibt hier einerseits wundervolle traditionelle Folksongs wie das Bänkellied "The Manchester Angel" oder das aus dem 19. Jahrhundert stammende "Once I Loved You Dear (The Irish Girl)", Preziosen aus der Liedersammlung der Somerset-Folkloristin Ruth Tongue ("On Berrow Sands" und "The Shepherd And His Dog") und eine charmante Version von "The Cuckoo" (zu der Tabor durch eine Aufnahme der 1971 verstorbenen "Gypsy Queen" Caroline Hughes inspiriert wurde), andererseits aber auch subtile Instrumentalstücke wie Warrens idyllisches "Christchurch" und Ballamys Ballade "Emmeline".

Und dann es gibt noch vier Songs, die beinahe jeder Hörer kennen dürfte. Das Album beginnt mit "Auld Lang Syne", dem weltweit wohl bekanntesten Abschiedslied. Tabor, Ballamy und Warren erinnern einen hier daran, dass man selbst den vertrautesten Liedern eine neue Bedeutung verleihen kann, wenn man sie aus einer neuen Perspektive betrachtet. Frisch arrangierte Versionen von Bob Dylans "Don’t Think Twice", dem Bernstein/Sondheim-Evergreen "Somewhere" aus der "West Side Story" und dem Jazzstandard "You Don’t Know What Love Is" erweisen sich als ebenso feine Vehikel für Tabors konzentrierte, respektvolle und asketische Herangehensweise. Es geht ihr darum, einem Song gerecht zu werden, selbst wenn sie ihn verändert. Traditionelle Folksongs, zeitgenössische Stücke, Musical-Nummern, Jazzstandards - bei Quercus passt einfach alles ins Konzept.

"Die Folksängerin June Tabor ist seit den 1960er Jahren ein Wunder der englischen Musik, und ihr langjähriger Pianist Huw Warren sowie Saxophonist Iain Ballamy verstärken ihre klare, stille und tiefe, aber zugleich fragil klingende Stimme", schrieb John Fordham in Guardian über das Debütalbum des Trios. "Niemand spielt auch nur eine Note zuviel oder drückt ein falsches Gefühl aus. Es ist eine einzigartige Hommage an die Macht des Liedes."

Als melodischer Gegenpart zu Tabor ist Saxophonist Iain Ballamy ein idealer Partner. Er ist in gewissem Sinne der zweite Sänger von Quercus. Die Musik, die er ansonsten mit der Elektro-Improvisationsband Food macht (siehe die ECM-Alben "Quiet Inlet", "Mercurial Balm" und "This Is Not A Miracle"), scheint weit entfernt von Quercus' makelloser Klangwelt, aber auch dort reduziert Ballamy seinen Sound auf das Wesentliche und kostet jeden einzelnen Ton aus.

Der walisische Pianist Huw Warren besitzt die seltene Fähigkeit, Originalität und Understatement unter einen Hut zu bringen, eine Eigenschaft, die von vielen Sängern (u.a. Elvis Costello und Billy Bragg) geschätzt wird. Seit rund drei Jahrzehnten ist er schon Tabors Begleiter und Arrangeur. Parallel beackerte er als Komponist, Jazzimprovisator und Lehrender ein weites Feld unterschiedlichster Genres. Er arbeitete mit Musikern des Scottish Chamber Orchestra ebenso wie mit Kenny Wheeler, Theo Bleckmann, Mark Feldman und Erik Truffaz. Mit seinem Quercus-Kollegen Iain Ballamy gibt er außerdem Duo-Konzerte.