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27.04.2017
Auf Streife im Netz

Kaffee und Jazz - Japans Jazz Kissaten

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Hätte Sofia Coppola gewusst, was es mit der japanischen Kissaten-Kultur auf sich hat, wäre ihr Film "Lost In Translation" vielleicht ganz anders ausgefallen. Zumindest hätte sie Bill Murray und Scarlett Johansson dort vermutlich die ein oder andere Szene drehen lassen. Denn etwas Vergleichbares sucht man im Rest der Welt vergeblich. Suchte man, muss es korrekterweise heißen, denn inzwischen existiert im hippen London mit der Gearbox der erste Kissaten-Ableger außerhalb des Landes der aufgehenden Sonne. Aber was genau wird dort nachempfunden?

 

Ursprünglich waren Kissaten ganz einfach und sprichwörtlich übersetzt: Tee-Trink-Läden. Während des wirtschaftlichen Wiederaufbaus nach dem zweiten Weltkrieg, einer Zeit, in der das kulturell abgeriegelte Inselreich eine vorsichtige Öffnung wagte, war es ausgerechnet die damals in voller Blüte stehende Jazz-Szene, nach der sich japanische Bohemiens und Studenten verzehrten. Aber Schallplatten und andere Musik-Importe waren begehrt und teuer.

 

Die Lösung: Public Hearing! Genauso also, wie sich zu Weltmeisterschaftsspielen der deutschen Mannschaft noch bis in die 1970er Jahre sämtliche Bewohner eines deutschen Mehrparteienhauses im Wohnzimmer des einzigen Fernseher-Besitzers versammelten, so trafen sich die Jazz-Enthusiasten Japans zum gemeinsamen Hören. Das Verrückte daran: Während sich der öffentliche Musikgenuss überall sonst auf der Welt in Richtung Diskotheken-, Club- und Tanzkultur entwickelte, etablierten sich in der Welt der Jazz-Kissaten ganz andere Regeln. Nicht nur, dass das Tanzen untersagt war. Jede andere Lärm verursachende Aktivität war ebenso verpönt. Nichts, aber auch gar nichts sollte von der Musik ablenken oder diese stören. Bis heute existieren in Tokyo Jazz-Kissaten mit striktem Redeverbot.

 

Inzwischen haben sich diese Regeln allerdings etwas gelockert und es überwiegen mittlerweile diejenigen Tee-Trink-Läden, in denen Musik zwar noch immer eine wichtige Rolle spielt, bei weitem aber nicht mehr die Einzige. In der Regel hängt das von den Schrullen und Idiosynkrasien ihrer Besitzer ab. Wie die konkrete Musikauswahl ebenfalls. Die meisten Kissaten bieten zudem vom kleinen Frühstück über eine Auswahl an Mittagstischen bis hin zur alkoholischen Happy Hour eine bemerkenswerte Auswahl kulinarischer Genüsse. Bill Murray und Scarlett Johansson jedenfalls hätten damals wirklich nicht in die Karaoke-Bar gehen müssen.

 

Eine Auswahl von Jazz Kissaten stellt die Page Bento hier vor, die Japan Times beschäftigt sich hier mit dieser Kultur.