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21.04.2017

Alte Leidenschaft neu aufgefrischt - Charlie Watts mit Big Band

Charlie Watts, Alte Leidenschaft neu aufgefrischt - Charlie Watts mit Big Band Jan Persson Charlie Watts und Gerard Presencer

Als Charlie Watts vor vielen, vielen Jahren von Kollegen einer neuen Band gebeten wurde, etwas Rhythm’n’Blues-artiges zu spielen, stand er zunächst einmal auf dem Schlauch. "Ich wusste nicht, was das war", erinnerte er sich Jahrzehnte danach. "Ich dachte, ich sollte etwas Charlie-Parker-mäßiges spielen... nur mit angezogener Handbremse." Denn Watts, der später als einer größten Drummer in die Annalen der Rockmusik eingehen sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch ein etwas verbohrter, mit Scheuklappen versehener Jazzhead. Er war mit der Musik von Jelly Roll Morton, Charlie Parker und Thelonious Monk aufgewachsen und wurde durch eine Aufnahme mit Chico Hamilton dazu inspiriert, sich selbst ein Schlagzeug zuzulegen. Natürlich kriegte er dann doch noch die Kurve. Und seit nunmehr über fünfzig Jahren ist er aus den Rolling Stones ebenso wenig wegzudenken wie Mick Jagger und Keith Richards. Seine Liebe zum Jazz hat sich Charlie Watts trotzdem immer bewahrt. Das zeigt er nun mit ungemein viel Verve und Leidenschaft auf dem Album "Charlie Watts Meets The Danish Radio Big Band", das er für das traditionsreiche Jazzlabel Impulse! Records aufgenommen hat. Und bei dem hatten bekanntlich auch seine Idole Chico Hamilton und Elvin Jones einst einige ihrer besten Soloalben herausgebracht.

 

Für Watts ist dieses Album bei weitem nicht der erste Rückfall zum Jazz. Schon Mitte der 1980er Jahre hatte er eine eigene Bigband mit prominenten Jazzmusikern wie Stan Tracy, Evan Parker und Courtney Pine gegründet, die durch die ganz Welt tourte. Dann bildete er Anfang der 1990er Jahre ein Quintett mit dem Bassisten und Jugendfreund David Green, Altsaxophonist Peter King, Pianist Brian Lemon und Trompeter Gerard Presencer. Letzterer, ansonsten bekannt für seine Zusammenarbeit mit  Us3, The Brand New Heavies, Matt Bianco, Zero 7, Incognito, Ray Charles, Joni Mitchell und Chick Corea, initiierte 2010 auch das Charlie Watts-Projekt mit der Danish Radio Big Band (die kürzlich übrigens auch ein exzellentes Live-Album mit Curtis Stigers aufnahm).

 

Presencer war ein Jahr zuvor nach Kopenhagen gegangen, um ein Engagement bei eben dieser Band anzutreten. Als Charlie davon hörte, rief er ihn an und ließ so nebenbei im Gespräch fallen, dass er selbst auch einige Monate lang als Grafik-Designer in Dänemark gearbeitet und sich in seiner Freizeit in die dortige Jazz- und Bluesszene gestürzt hatte. Das brachte Presencer spontan auf die Idee zu dem Projekt, das nun nach jahrelanger Feinarbeit endlich das Licht der Welt erblickt. Das Ergebnis ist Watts’ bislang ambitioniertester und gelungenster Seitensprung ins Jazzfach. Der Clou: neben ein paar Jazzstandards und einer Elvin Jones gewidmeten Suite von Watts wurden auch die drei Rolling-Stones-Klassiker "(I Can Get No) Satisfaction", "You Can’t Always Get What You Want" und "Paint It Black" für das Orchester aufbereitet. Als Gast mit von der Partie: Charlies alter Freund Dave Green.

 

"Bei der Auswahl des Programms war es wichtig, sich auf den Groove zu konzentrieren", erläutert Projekt-Leiter Gerard Presencer. "Wir entwickelten Material mit einem Feeling für Rhythm’n’Blues, Jazz im Stil der 1960er Jahre, der an die tanzbaren Blue-Note-Tracks jener Zeit erinnerte, afrikanische Rhythmen und auch ein bisschen Bossa Nova. Das waren alles Stile, die ich mit Freude schon in verschiedenen Bands mit Charlie und Dave gespielt hatte. Dave Green am Bass als Special Guest dabeizuhaben, war essenziell, weil er und Charlie als Jugendfreunde (sie wuchsen Tür an Tür in Wembley im Norden Londons auf) diese stillschweigende psychische Verbindung haben, die Bassisten und Schlagzeuger brauchen. Mit ihrem unglaublichen Einfühlungsvermögen ermöglichten sie bei diesen Aufnahmen dem Rest der Band manchmal  so ungezwungen zu sein, dass sie sich wirklich austoben und etwas riskieren konnten. Wenn eine Band von diesem Niveau so richtig Gas gibt, ist sie unwiderstehlich!" Deshalb ist dabei auch ein echtes Meisterwerk moderner, jazzig groovender Bigband-Musik herausgekommen!