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06.01.2017
JazzEcho-Plattenteller

Jazz Dispensary - Groove ist die beste Medizin

JazzEcho-Plattenteller, Jazz Dispensary - Groove ist die beste Medizin Jazz Dispensary

Ob als Äskulap oder Asklepios - das noch heute rund um die Welt gebräuchliche Symbol des griechischen Gottes der Heilkunst ist sein Stab, eine Art Gehstock, um den sich eine Schlange windet. Warum die "Jazz Dispensary"-LP-Serie nicht dieser, sondern der sogenannte Hermes-Stab mit zwei Schlangen und einem Flügelpaar schmückt, mag Geheimnis der Produzenten bleiben. Ziemlich offensichtlich ist dagegen, dass medizinisches Marihuana bzw. dessen Konsum angepeilte Assoziation ist, schließlich geht es auf den Tracks der jetzt erschienenen vier LPs mehr als einmal nicht nur zwischen den Zeilen um von Tetrahydrocannabinol induzierten Rausch.

Möglicherweise als Reaktion auf die bereits 2015 erfolgte Ankündigung der kalifornischen Platten-Laden-Institution Amoeba Music, ihren Jazz-Bereich zu Gunsten einer Ausgabestelle ("Dispensary") für medizinisches Marihuana ausgliedern zu wollen, definieren sich die vier Folgen der Reihe nicht nur durch ihre Jazz-musikalischen Nuancen, sondern auch durch die von dem jeweiligen Sound hervorgerufenen - nennen wir es - Rausch-Aromen. Unterschiedlichen Grassorten und ihren jeweiligen Wirkungen nicht unähnlich, wirken auch "Soul Diesel", "Purple Funk", "OG Kush" und "Astral Travelin" jeweils unterschiedlich bewusstseinserweiternd.

Der auch musikalisch-chronologisch erste Teil der Reihe, "Soul Diesel" betitelt, versammelt mit Aufnahmen von 1968-1971 die wohl ältesten und ursprünglichsten Soul-Jazz Artefakte. Angefangen beim Eröffnungstrack "Fire Eater" von Rusty Bryant über den selbsternannten König legendärer Funk-Breaks Bernard Purdie bis zu den beiden boogaloo-igen Vokaltracks "Psychadelic Sally" von Eddie Jefferson und "O’ Baby" von Billy Hawks. Alles in allem: Viel Orgel, viel latineske Percussion und jede Menge roher Soul. Warum das Vinyl in transparentem Orange gehalten ist? Kann man vermutlich erst sagen, wenn man sein Rezept eingelöst hat...

 Folge Nummer zwei hört auf den Titel "Purple Funk", und zumindest hier scheint die Assoziation zu dem auch schon von Jimi Hendrix besungenen "Purple Haze" nicht ganz so weit hergeholt. Da passt sogar das lila gefärbte Vinyl auch ohne Wenn und Aber. Mit zumindest auf Original-Vinyl extrem raren Beiträgen von Gruppen wie der Lafayette Afro Rock Band, Azymuth und den später eher als Disco-Act bekannten Pleasure konzentriert sich "Purple Funk" auf die frühen bis mittleren Siebziger Jahre. Kennzeichen dafür sind ausgefeiltere Produktionen (gut zu hören beim phänomenalen "Rock Creek Park" von den Blackbyrds), Experimentierfreude beim Einsatz neuer Sounds und Arrangements, sowie eine allgemeine Verlangsamung des Tempos nach dem Motto: Keiner hat gesagt, dass Funk schnell zu sein hat, lediglich grooven muss er. So wie Funk Inc‘s "Kool Is Back" - dem mit bislang 395 offiziellen Einsätzen meist-gesampleten Track der Musik-Geschichte!       

Mit dem in transparentem Grün gehaltenen "OG Kush"-Vinyl, dem dritten Teil der Reihe, gelingt den Machern die offensichtlichste Anspielung auf das Thema Gras. OG Kush gehört zu den wohl wirkstärksten Marihuana-Sorten der Welt. Der von ihr induzierte Rausch wird als sowohl stark körperlich als auch psychisch beschrieben. Kein Wunder, dass drei einzelne Samen über 20 Euro kosten... aber wir schweifen ab. Die Kuratoren der Serie beweisen mit dieser Zusammenstellung  nicht nur Spürsinn, sondern auch einen über fast alle Zweifel erhabenen Geschmack. Ob Ronnie Fosters zeitloses "Mystic Brew", Isaac Hayes’ "Hung Up On My Baby" oder Jean-Jacques Perreys Proto-Space-Funk-Oberhammer "E.V.A." - selten hat die Kombination aus Klangexperimenten und Groove-Versessenheit derart großartige Ergebnisse hervorgebracht.

Apropos Space Funk - mit Charles Earlands entsprechend tituliertem "Leaving This Planet" haben die "Jazz Dispensary"-Verantwortlichen den richtigen Track gefunden, um den durchsichtig-gebatikten vierten Teil der Reihe zu eröffnen. Auch die auf "Astral Travelin" veröffentlichten Tracks zeichnen sich durch unentrinnbaren Groove aus. Mit dem Thema All bzw. Kosmos existiert aber noch mindestens ein weiterer roter Faden, der sich nicht nur in passenden Songtiteln wie "Expansions" (Lonnie Liston Smith & The Cosmic Echoes), "Astral Travelin" (Pharoah Sanders) oder "Celestial Blues" (Gary Bartz NTU Troop) niederschlägt. Jack DeJohnettes "Epilog" führt das ebenso eindrucksvoll vor wie die von Flora Purim interpretierte Chick-Corea-Komposition "Open Your Eyes You Can Fly".

Mit den vier "Jazz Dispensary"-LPs haben die Macher alles, aber auch alles richtig gemacht. Die Zusammenstellung sowohl im Ganzen als auch auf jedem einzelnen Teil zeugt von absoluter Kennerschaft; die namentliche Aufführung aller wesentlichen musikalisch Beteiligten führt vor Augen (und Ohren), wer die fähigsten und meistgebuchten Recording-Session-Cracks der damaligen Zeit waren; und die Marihuana-Anspielungen verleihen dem Projekt schließlich eine leicht verruchte Erdung, die man dem Produkt eines Major Labels wie Concord Music kaum zugetraut hätte. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.