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27.10.2016
JazzEcho-Plattenteller

Miles Davis als Hebamme – "Birth Of The Cool" wird Sechzig

Miles Davis, Miles Davis als Hebamme – Birth Of The Cool wird Sechzig Miles Davis - Birth Of The Cool

Vor sechzig Jahren trat Miles Davis aus dem Schatten seines großen Idols Charlie Parker; nur, um selbst eines zu werden, womöglich sogar ein noch viel größeres. Dass das Album, das quasi die Geburtsstunde jenes Künstlers markiert, der danach zu den einflussreichsten Kreativen des gesamten 20. Jahrhunderts avancierte, ausgerechnet "Birth Of The Cool" heißt, ist nicht einfach nur Ironie des Schicksals. Aber eines nach dem anderen.

Denn: "Birth Of The Cool" ist alles andere als ein reguläres Studio-Album. Das elf Songs starke Tracklisting enthält Aufnahmen, die Davis mit seinem Nonett in drei Sessions  zwischen 1949 und 1950 und damit noch vor der Veröffentlichung seiner Debüt-LP aufnahm. Dass diese Aufnahmen erst ein halbes Dutzend Jahre später veröffentlicht wurden, gehört genauso in das historische Kuriositätenkabinett des Jazz wie die Mitarbeit des Arrangeurs Gil Evans, mit dem Davis später noch viele weitere Aufnahmen realisieren sollte - darunter den Klassiker "Sketches of Spain". Evans ist allerdings bei weitem nicht die einzige interessante Personalie auf "Birth of the Cool". Die Besetzung von Davis‘ Mini-Bigband liest sich heute wie ein Who’s Who des Jazz: Al Haig, Kenny Clarke, J.J. Johnson, Lee Konitz, Gerry Mulligan, Max Roach und Kai Winding sind ebenso mit von der Partie wie der legendäre Rudy Van Gelder als Produzent. 

Die Musik auf der Jahrhundertscheibe steht der Qualität der Interpreten in nichts nach. Mehr noch: Die insgesamt elf, jeweils kaum länger als drei Minuten währenden Kompositionen erfüllen alle Erwartungen, die der selbstbewusste Albumtitel verspricht. Als "cool" galt und gilt eine gewisse hippe Distanziertheit; eine in jeder Hinsicht über den Dingen schwebende Lässigkeit und Eleganz, die jedweder Art von physischer oder psychischer Verausgabung mit Skepsis begegnet. Inwieweit und bei wie vielen Beteiligten diese Coolness dem Genuss bestimmter Opiate geschuldet war, bleibt dahingestellt. Fest steht, dass sie sich auch im Gesamtklang niederschlägt. Dank der gewieften Arrangements Gil Evans’ klingt kein einziges Stück danach, als wären nur neun Instrumentalisten beteiligt gewesen. Die Arbeit mit klanglichen Motiven, die Abfolge von Ensemble-Spiel und Solo-Parts und das verwendete musikalische Material deuten zudem daraufhin, dass Evans und Davis zu jener Zeit stark von klassischen europäischen Kompositions-Techniken beeinflusst waren. Auch in dieser Hinsicht atmet Miles‘ heimliches Debüt-Album Pioniergeist.

Die LP-Neupressung dieses auch optisch wegweisenden Tondokuments erfolgt in der etablierten Back-to-Black-Reihe. Dazu gehört nicht nur, dass sowohl das Original-Artwork und das petrol schimmernde Capitol-Label rekreiert wurden, für den raum- und zeitunabhängigen Genuss dieses Musikjuwels liegt darüber hinaus auch wie immer ein Download-Code für das Album im MP3-Format bei.