Hätte Ry Cooder 1997 nicht "Buena Vista Social Club" produziert, wäre die traditionelle kubanische Musik wohl auch heute noch nur Insidern bekannt. Außerhalb Kubas waren Compay Segundo, Ibrahim Ferrer, Rubén González und die restlichen vitalen Sonero-Veteranen bis dahin unbeschriebene Blätter. Nach dem Grammy-Gewinn für das Sensationsalbum des Jahres konnten die Spatzen in aller Welt ihre Namen von den Dächern pfeifen. Jetzt hat der kalifornische Gitarrist gemeinsam mit der irischen Folkband The Chieftains ein neues spektakuläres Projekt auf die Beine gestellt, das ähnliche Begeisterung auslösen dürfte: Für "San Patricio" ging man mit einer Schar vor allem mexikanischer Gäste ins Studio, um ein besonders spannendes Kapitel der irischen, mexikanischen und amerikanischen Geschichte musikalisch aufzuarbeiten.
Iren sind nicht nur für ihre Trinkfestigkeit (selbst ihren Kaffee genießen sie bekanntlich nicht ohne einen kräftigen Schuss Whiskey) und sagenhafte Fabulierkunst berühmt, sondern auch für ihre ausgelassene Volksmusik. Und niemand hat diese in der ganzen Welt bekannter gemacht als Paddy Moloney und die Chieftains. Die Band hat in den fast 50 Jahren, die sie nun schon existiert, stets den Austausch mit Musikern anderer Kulturkreise gesucht. Dabei arbeiteten sie Mitte der 1990er Jahre auch schon zweimal mit Cooder zusammen und strichen dafür - wen wundert's - beide Male Grammys ein. Nun sammelten sie Größen von beiden Seiten des Atlantiks um sich - darunter Lila Downs, Chavela Vargas, Linda Ronstadt, Van Dyke Parks, Carlos Núñez und Moya Brennan -, um den legendären "San Patricios" ein musikalisches Denkmal zu setzen. San Patricios hießen die irischen Kämpfer, die im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg (1846-48) von der nordamerikanischen Armee desertierten und sich auf die Seite der Mexikaner schlugen, denen sie nicht nur im Glauben näher standen.
Die Geschichten, die Cooder, die Chieftains und ihre Gäste in den überwiegend traditionellen mexikanischen Liedern erzählen, handeln aber weniger von Schlachten, als vielmehr von zeitlosen Themen wie Liebe, Verlust und Träumen von besseren Zeiten. So wie sich einst die irischen Kämpfer unter die Mexikaner mischten, paaren sich auf dem Album nun auch die mexikanischen Klassiker mit Originalen aus der Feder von Paddy Moloney, Brendan Graham und Ry Cooder. Scheinbare kulturelle Gegensätze werden so mühelos außer Kraft gesetzt, dass man nach dem Album fast glauben könnte, Irland sei eigentlich ein Teil Lateinamerikas. Mit "San Patricio" ist Cooder und den Chieftains ein fabelhafter Geniestreich gelungen, zu dessen Musik der Heilige Patrick von Irland mit der Jungfrau von Guadalupe tanzt.
In der aktuellen Ausgabe des SZ Magazins finden Sie ein ausführliches Interview mit Ry Cooder zum Albumprojekt "San Patricio". Besuchen Sie auch die Künstlerseite von Ry Cooder bei JazzEcho.











