Spanisch gilt, wenn auch nicht offiziell, längst als die Zweitsprache der Vereinigten Staaten von Amerika. Ein Beleg dafür sind nicht zuletzt die überwältigenden Erfolge, die südamerikanische Megastars wie etwa die beiden Kolumbianer Juanes und Shakira mit ihren spanischsprachigen Alben in den USA haben. Selbst die in Kanada geborene, portugiesischstämmige Nelly Furtado sang ihr letztes Album “Mi Plan” komplett in Spanisch ein und wurde von der amerikanischen Kritik daraufhin mit Begeisterung gefeiert. Da ist es also nicht weiter verwunderlich, wenn die aus Chile kommende Jazzsängerin Claudia Acuña jetzt ihr viertes Album “En Este Momento” fast komplett in ihrer Muttersprache eingesungen hat. Der Zeitpunkt dafür könnte jedenfalls kaum günstiger sein.
“Ich habe immer davon geträumt, Sängerin zu sein”, meint die 39-jährige Chilenin, die seit fünfzehn Jahren in den USA lebt. “Und als ich den Jazz und all seine großartigen Sängerinnen entdeckte, konnte ich gar nicht fassen, welche Freiheit sie in jedem Song fanden, eine Freiheit, die in anderen Musikarten nicht existiert. Ich liebe die Tradition des Jazz, habe mir aber stets geschworen, dass ich auch meinen eigenen kulturellen Wurzeln immer Rechnung tragen wolle. Deshalb enthalten alle meine Alben auch wenigstens ein Lied aus Lateinamerika.”
Als sie im Jahr 2000 mit dem Album “Wind From The South” bei Verve debütierte, präsentiert die Sängerin und Songschreiberin eine Melange aus Jazzstandards, Klassikern der lateinamerikanischen Musik und Eigenkompositionen. Und auch das 2002 erschienene Nachfolgeralbum “Rhythm Of Life” enthielt eine ähnlich ausgewogene Songmischung. Auf dem 2004 herausgekommenen dritten Album “Luna” verlagerte sie den Schwerpunkt dann etwas: Ins Zentrum rückte sie nun die von ihr und ihrem langjährigen Partner Jason Lindner komponierten eigenen Songs, die allerdings von zwei MPB-Klassikern des Brasilianers Djavan und natürlich ein paar lateinamerikanischen Evergreens flankiert wurden.
Auf “En Este Momento” kehrt sie nun erstmals wirklich zu ihren eigenen musikalischen Wurzeln zurück. Das Repertoire enthält freilich nicht nur chilenische Klassiker wie die drei Lieder des Protestsängers Victor Jara (“El cigarrito”, “Te recuerdo, Amanda” und “El derecho de vivir en paz”), sondern ebenso großartige Songs aus Mexiko (Álvaro Carrillos “La mentira”), Argentinien (Astor Piazzollas “Vuelvo al sur”), Kuba (César Portillo de la Luz’ “Contigo en la distancia”) und Uruguay (Ruben Radas “Sueño contigo”). Abgerundet wird das Programm durch zwei eigene Stücke (“Tulum” und “That’s What They Say”) sowie die spanischsprachige Version des von María Méndez Grever geschriebenen Lieds “Cuando vuelva a tu lado”, das durch Dinah Washington 1959 unter dem englischen Titel “What A Difference A Day Makes” bekannt gemacht wurde und einen Grammy gewann.
Begleitet wird die Sängerin von ihrem langjährigen Kooperationspartner Jason Lindner (Piano, Fender Rhodes, Mellotron & Orgel), Juancho Herrera (Gitarre & Mandoline), Omer Avital (Bass) und Clarence Penn (Schlagzeug, Cajón & Percussion). Produzent Branford Marsalis steigt mit seinem Sopransaxophon außerdem noch als Gast bei “Cuando vuelva a tu lado” ein.
“En Este Momento” wurde Ende letzten Jahres vom Chicago Tribune zu einem der zehn innovativsten Jazzalben des Jahres 2009 gekürt. “Fünf lange Jahre sind seit der Veröffentlichung von Claudia Acuñas letzter CD verstrichen”, schrieb Kritiker Howard Reich damals in der Tribune, “aber das Warten auf ihr neues Album hat sich gelohnt. Auf ‘En Este Momento’ singt Acuña den Großteil der Stücke mutig in ihrer Muttersprache Spanisch, aber die Leidenschaftlichkeit, mit der sie die Texte vorträgt, die Leuchtkraft ihrer Intonation und die Originalität der instrumentalen Begleitung heben sie von ihresgleichen ab.”











