Molly Johnsons Stimme beschwört die Atmosphäre eines dunklen, verrauchten Nightclubs einer längst vergangenen Ära herauf und besitzt eine emotionale Tiefe, die nur wenige Sängerinnen (ganz gleich welchen Genres) je erreichen. Diese Stimme ist so humorvoll, freudig, überraschend, keck und liebevoll wie die Frau, der sie gehört. Und so wie es aussieht, erobert diese wunderbare Stimme nun endlich das große Publikum, das ihr in Wahrheit bereits seit längerem gebührt. Mit ihrer letzten CD "Another Day" gelang der kanadischen Sängerin 2003 in Frankreich der Durchbruch. Sie erntete nicht nur hervorragende Kritiken, sondern erzielte mit "Another Day" in allen Ländern, in denen das Album veröffentlicht wurde, auch mehr als nur respektable Verkaufszahlen. Es scheint, als ob sich nun endlich der Erfolg einstellt, auf den Molly Johnson seit ihrem 15. Lebensjahr unbeirrt hingearbeitet hat.
Alles begann Mitte der sechziger Jahre, als die kleine Molly und ihr älterer Bruder Clark Johnson (der heute als Regisseur von Filmen wie "S.W.A.T. - Die Spezialeinheit" und "The Sentinel - Wem kannst du trauen?" bekannt ist) von Ed Mirvish, einem bekannten Geschäftsmann und Philantropen aus Toronto, für eine Aufführung der Gershwin-Jazzoper "Porgy & Bess" im Royal Alex Theatre engagiert wurden. Molly begeisterte den in Toronto allgemein als "der ehrliche Ed" bekannten Mirvish so sehr, daß er ihr weitere Rollen in Musicals wie "South Pacific" und "Finian's Rainbow" besorgte. Und Mollys Eltern steckten den aufstrebenden Kinderstar, der den Wunsch hatte Choreographin zu werden, in die National Ballet School.
In der Nähe der Ballettschule lag die Colonial Tavern, in der regelmäßig zwei Freunde von Taborah Johnson, Mollys älteren Schwester (die ebenfalls Karriere als Sängerin machte), gastierten: Shawn Jackson und Domenic Troiano. Troiano, der als Mitglied der James Gang und von The Guess Who internationale Berühmtheit erlangte, und Jackson traten dort häufig mit selbst geschriebenen Songs und einigen Rhythm'n'Blues-Klassikern auf und setzten Molly so den Floh in den Kopf, sich selber eines Tages als Songschreiberin versuchen zu wollen.
So kam es also, daß Molly, als sie fünfzehn Jahre alt war, in einer Disco-Band mit dem für diese Ära typischen peinlichen Namen Chocolate Affair sang. Die Gruppe existierte allerdings nur ein Jahr. "Ich hielt es einfach nicht aus, immer wieder 'Love To Love You, Baby' zu singen", mokiert sich Molly Johnson rückblickend. "Ich wollte eigenes Material vortragen."
Nachdem sich Chocolate Affair in Luft aufgelöst hatte, gründete Molly 1979 gemeinsam mit dem Gitarristen und Keyboarder Norman Orenstein Alta Moda, eine funkige Art-Rock-Band, die der dynamischen Queen-Street-Szene in Toronto einige Impulse gab. Dennoch sollte es bis 1987 dauern, bis die Band einen Plattenvertrag bei CBS Records erhielt. Noch im selben Jahr brachte Alta Moda sein von Colin Thurston (David Bowie, Duran Duran, Human League) produziertes titelloses Debütalbum heraus und 1988 die Single "Julian". Der Funk-Rock der Band wurde allerdings von vielen kanadischen Radiomoderatoren als "zu amerikanisch" und "zu schwarz" kritisiert. Und so löste sich auch Alta Moda (trotz eines Vertrages über sieben Alben!) schon bald wieder auf, nur um ein paar Jahre später unter dem neuen Namen Infidels Wiederauferstehung zu feiern. Die härter rockenden Infidels erhielten einen Vertrag bei dem Label IRS, wo sie 1991 ihr erstes (und einziges), wieder einmal titelloses Album vorlegten, das mit "100 Watt Bulb" und "Celebrate" immerhin zwei nationale Hit-Singles hervorbrachte.
In derselben Zeit, als Molly Johnson mit Alta Moda und den Infidels die Welt des Rock'n'Roll zu erobern versuchte, startete sie parallel auch ihre Karriere als Jazzsängerin. "Ich begann Stücke aus dem 'Great American Songbook' zu singen, weil ich lernen wollte, wie man Melodien und gute Popstücke schreibt", erzählt Molly Johnson. "Bei Alta Moda hatten wir mit großartigen Melodien nicht viel am Hut, da ging es vor allem um die Vibes und die richtige Attitüde. Deshalb dachte ich mir: Wenn du lernen willst, wie man richtige Songs schreibt, dann mußt du bei den eigentlichen Meistern, den ursprünglichen Schöpfern der Popularmusik in die Schule gehen: bei Gershwin, Ellington und dem Rest der Tin-Pan-Alley-Größen." Wie man auf ihrer neuen CD hören kann, hat Johnson ihre Hausaufgaben hervorragend gemacht.
Schon 1992 ließ IRS Records die Infidels wieder fallen. Entmutigt, weil nun bereits der zweite Plattenvertrag nach kürzester Zeit geplatzt war, kanalisierte Molly Johnson ihre Energien daraufhin in ein anderes Projekt: Sie organisierte das erste Kumbaya-Benefiz-Konzert, bei dem zahlreiche Stars auftraten, um Geld für wohltätige HIV- und AIDS-Organisationen einzuspielen.
"Kumbaya war mein direkter Vergeltungsschlag", sagt Johnson ohne jede Bitterkeit. "Ich konnte mich entweder mürrisch in meinen Keller hocken und dort ausflippen oder mein privates Telefonbuch aufschlagen, um meine Kontakte dazu nutzen, eine große Show auf die Beine zu stellen."
In den darauffolgenden vier Jahren fand das Kumbaya-Konzert jährlich statt und spielte über eine Million Dollar für den Kampf gegen AIDS ein. Danach mußte Molly eine Auszeit nehmen, weil sie mit ihrem ersten Sohn schwanger war. Mittlerweile ist sie Mutter von zwei Söhnen. Seit letztem Jahr arbeiten Molly und ihre Mitstreiter schließlich wieder daran, ein neues Kumbaya-Benefiz-Konzert auf die Beine zu stellen.











