"Grün steht für den Wald. Grün steht für Brasilien. Grün steht für die Photosynthese. Grün steht für das Holz, das noch feucht ist, also nicht für ein Produkt, sondern für einen Prozess. Grün ist wunderbar. Grün ist Hoffnung und grün ist Harmonie. Wenn man den Urwald von weitem betrachtet, ist es eine vollkommene Harmonie. Erst wenn man näher herangeht, erkennt man die verschiedenen Grüntöne. Ich finde, daß diese CD sehr ähnliche Merkmale hat. Es gibt eine übergreifende Farbharmonie, aber jedes Stück hat eine unterschiedliche Farbschattierung."
(Badi Assad)
Mit "Verde", ihrem ersten eigenen Album nach sechs Jahren meldet sich Badi Assad endlich wieder zurück und unterstreicht, daß sie - neben Zélia Duncan, Adriana Calcanhotto, Ana Carolina und Vanessa da Mata - zu den interessantesten und originellsten Gitarre spielenden brasilianischen Sängerinnen und Songschreiberinnen der jüngeren Generation gehört.
Der Titel "Verde" - zu deutsch: "Grün" - ist eine Anspielung auf die vielen Grüntöne des brasilianischen Regenwaldes. In ihrer Musik möchte Badi eben diese Vielfalt widerspiegeln, in dem sie sich keine stilistische Grenzen setzt. Dabei schöpft sie nicht nur aus dem immensen Reichtum der brasilianischen Stile und Rhythmen, sondern auch aus dem Fundus des Jazz und der Klassik sowie der zeitgenösssichen Pop- und Rockmusik.
Badi Assad wurde 1966 in der Kleinstadt São João da Boa Vista im Bundesstaat São Paulo als Mariângela Assad Simão geboren, wuchs aber bis zu ihrem dreizehnten Lebensjahr in Rio de Janeiro auf. Vater Jorge, dessen Vorfahren aus dem Libanon stammten, hatte 1969 beschlossen, mit seiner Familie nach Rio zu ziehen, um Badis musikalisch talentierten älteren Brüdern Sérgio und Odair eine klassische Gitarrenausbildung bei Monina Távora, einem argentinischen Schüler des Meisters Andres Segóvias, zu ermöglichen. Als Duo Assad haben die beiden es schon Mitte der 80er Jahre zu weltweiter Anerkennung und Popularität gebracht. Dem Beispiel ihrer Brüder folgend erlernte auch Badi, nachdem sie zunächst Klavier gespielt hatte, ab ihrem vierzehnten Lebenjahr Gitarre. Schon ein Jahr später meisterte sie das Instrument so gut, daß sie an nationalen und internationalen Wettbewerben teilnehmen konnte und aus ihnen als Siegerin hervorging. Ein Musikstudium an der Universität in Rio de Janeiro war die logische Folge.
1989 nahm sie ihr erstes Album "Dança Dos Tons" ("Tanz der Töne") auf, das damals nur in Brasilien erschien und im vergangenen Oktober mit vier Bonustracks unter dem neuen Titel "A Dança Das Ondas" ("Der Tanz der Wellen") auf CD weltweit wiederveröffentlicht wurde. Danach begann Badi Assad verstärkt mit dem Klang ihrer Stimme zu experimentieren. Sie erzeugte mit dem Mund perkussive Töne und integrierte diese Elemente bald auch in ihre Musik. Zu ihrem ohnehin schon hervorragenden Gitarrenspiel gesellten sich so neue exotische Klang- und Ausdrucksmöglichkeiten. Bald boten sich ihr immer mehr Chancen, ihr exzellentes Können im Zusammenspiel mit anderen Künstlern zu demonstrieren. Es dauerte nicht allzu lange und Badi konnte auf gemeinsame Auftritte mit gefeierten Musikgrößen wie Pat Metheny, Hermeto Paschoal, Milton Nascimento und Dori Caymmi zurückblicken.
So richtig ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit trat sie aber erst, nachdem sie 1993 einen Plattenvertrag bei dem renommierten audiophilen Label Chesky Records erhalten hatte. 1994 erschien dort ihr US-Debütalbum "Solo", dem 1995 "Rhythms" und 1997 "Echoes Of Brazil" folgten. Ihr internationales Renommee wuchs mit jedem Album. Das amerikanische Fachblatt Guitar Player zählte Badi Assad im Juni 1994 neben Charlie Hunter, Ben Harper und Tom Morello von Rage Against The Machine zu den zehn jungen Talenten, die in den 90ern das Gitarrenspiel revolutionieren würden. "Rhythms" wurde sogar als eine der bedeutendsten Aufnahmen des Jahres 1995 bezeichnet, sowohl im Bereich der klassischen als auch der Jazzmusik. Auf ihrem Album "Chameleon", das sie 1998 für Lee Ritenours Label i.e. Music aufnahm, ging Badi Assad noch einige Schritte weiter als auf ihren vorangegangen Alben und präsentierte fast ausschließlich Songs, die sie gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann Jeff Scott Young geschrieben hatte. Das Album verkaufte sich weltweit gut, war aber vor allem in Deutschland und Spanien, wo der Song "Waves" einige Wochen lang sogar vor einem Hit von Madonna in den Charts rangierte, ungewöhnlich erfolgreich.
Der Veröffentlichung von "Chameleon" folgten dann drei Umbruchsjahre: Erst erkrankte Badi an einer Bewegungsstörung, die ihr das Gitarrespielen zeitweise beinahe unmöglich machte, dann trennte sie sich von ihrem Mann Jeff und schließlich kehrte sie 2001 nach Brasilien zurück, das sie vier Jahre zuvor verlassen hatte, um ihre Karriere in den USA voranzubringen. Schon wieder in Brasilien ansässig, beendete sie von dort aus die Aufnahmen für ein gemeinsames Album mit Young, das erst Ende 2002 unter dem Titel "Nowhere" veröffentlicht wurde. Letztes Jahr nahm sie dann mit den beiden erstklassigen amerikanischen Jazzgitarristen Larry Coryell und John Abercrombie für Chesky Records "Three Guitars" auf, ein akustisches Gitarren-Trio-Album, das überschwängliche Kritiken erhielt.
Und solche dürfte Badi Assad nun auch für ihr neues Soloalbum "Verde" erhalten. Das Repertoire ist eine ungewöhnliche Mischung aus sehr individuell neu interpretierten brasilianischen Klassikern und internationalen Pop-Hits sowie eigenen Kompositionen, die zumeist in Kooperation mit ihrem langjährigen musikalischen Partner Jeff Scott Young entstanden. So stehen Badis Songs Seite an Seite mit Luiz Gonzagas Evergreen "Asa branca" und "Bom dia, tristeza" von Adoniran Barbosa und Vinícius de Moraes sowie Björks "Bachelorette" und U2s "One". In ihren Song "Não adianta" schmuggelten Badi und Jeff sogar noch Zitate von Led Zepplins "Custard Pie" hinein.
Unter den Begleitern stechen vor allem Badis Bassist und Koproduzent Rodolfo Stroeter (der in São Paulo das ambitionierte Independent-Label Pau Brasil unterhält und auch eine jazzige Band gleichen Namens leitete), Percussionist Naná Vasconcelos, Flötist Teco Cardoso (bekannt aus Joyces Band) und der Akkordeonvirtuose Toninho Ferragutti hervor. Und dann gibt es da noch einen sehr speziellen Gast: Den großen Toquinho, der außerhalb Brasiliens vor allem durch seine Zusammenarbeit mit dem Bossa-Poeten Vinícius de Moraes bekannt geworden ist und den man in "Implorando" in einem Gitarren-Duo mit Badi hören kann.
Als Gitarristin mit meisterhafter Technik und ausgeprägter Innovationslust begeistert Badi Assad schon seit zehn Jahren eine beständig anwachsende Schar von Fans, Kritikern und Instrumentalkollegen in der ganzen Welt. Mit ihrer ebenso dynamischen wie elektrisierenden Stimme, die ein wenig an Adriana Calcanhotto erinnert, wird sie nun sicherlich noch viele neue Verehrer erobern. "Ich glaube, daß ich auch anderen Menschen etwas mitzuteilen habe, nicht nur denjenigen, die mein Gitarrenspiel lieben", sagt sie. "Ich möchte allen Menschen - ganz gleich, ob sie ansonsten Popmusik, Jazz, Klassik, Rock oder brasilianische Musik hören - mein musikalisches Universum vorstellen." Es steht außer Frage, daß die 38jährige Brasilianerin dieses Ziel und noch viel mehr schon bald erreichen wird.










