Sechs Jahre ist es mittlerweile her, daß John McLaughlin sein letztes Studioalbum "The Heart Of Things" veröffentlicht hat. Seitdem kamen von dem britischen Gitarrenvirtuosen ausschließlich Live-Alben auf den Markt, die er bei Konzerten in Europa und Indien mit dem Ensemble Remember Shakti und - in einem Fall - mit der Band von "The Heart Of Things" eingespielt hatte: 1999 erschien zunächst die in England mitgeschnittene Doppel-CD "Remember Shakti", 2000 "The Believer" sowie "The Heart Of Things / Live In Paris" und schließlich 2001 "Saturday Night In Bombay". Nun veröffentlicht John McLaughlin mit "Thieves And Poets" also endlich wieder ein Studioalbum, auf dem er sich mit zwei unterschiedlichen Besetzungen präsentiert.
Die erste Version der Suite "Thieves And Poets" schrieb John McLaughlin tatsächlich bereits vor rund fünfzehn Jahren im Auftrag von Jürgen Nimbler und der Deutsche Kammerphilharmonie. Unter dem Titel "The Europe Concerto" wurde es zunächst am 15. Oktober 1989 in der Alten Oper in Frankfurt am Main uraufgeführt. Danach wurde das Werk auch noch in Paris, Wien, München und anderen europäischen Städten live präsentiert.
"Nachdem ich die Suite komponiert hatte", erinnert sich McLaughlin zurück, "ließ ich die Orchesterpartituren von meinem damaligen Schüler Yan Maresz fertigen. Er ist einer der großartigsten jungen Komponisten der Gegenwart. Die Suite entstand unter dem Arbeitstitel 'Europa', mit dem ich aber nie sehr glücklich war. Ich hatte damals einfach keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken, was ich mit diesem Werk wirklich ausdrücken wollte. Erst sehr viel später erhielt es den jetzigen Titel. Ich habe im Laufe meines Lebens immer wieder festgestellt, daß ich mir bei jedem, der mich inspiriert, etwas 'ausleihe', und das gilt nicht nur in musikalischer Hinsicht: Es geht mitunter so weit, daß ich mich manchmal frage, was denn nun wirklich noch ein 'originaler' Gedanke ist. Auf jeden Fall finde ich, daß 'Thieves And Poets' ein sehr passender und auch amüsanter Titel ist."
"Nachdem die Suite fertig war, ging ich mit der Deutschen Kammerphilharmonie auf Europa-Tournee. Ich muß schon sagen, daß dies ohne jeden Zweifel eine der großartigsten musikalischen Erfahrungen meines Lebens war", fährt McLaughlin in seinen Erinnerungen fort. "Nach der Tournee landete die Suite dann erstmal in der Schublade, da ich damals mehr oder weniger ständig neue Musik schrieb und mit verschiedenen Bands auf Tournee ging. Erst ein paar Jahre später hatte ich die Idee, die Suite für ein großes Sinfonieorchester neu orchestrieren zu lassen. Yan Maresz erledigte diese Arbeit wieder wunderbar, und ich führte die neue Version in Paris auf. Es war ein Doppelkonzert mit Paco de Lucía, der damals Joaquin Rodrigos 'Concierto de Aranjuez' interpretierte."
Danach verschwanden die Partituren wieder für ein paar Jahre in der Schublade, bis Jean-Christophe Maillot, der Choreograph des Ballets de Monte Carlo, McLaughlin fragte, ob er nicht ein Orchesterwerk parat hätte, zu dem er eine Choreographie machen könnte. Der Gitarrist holte daraufhin einmal mehr die Notenblätter von "Europa" hervor und überarbeitete das Opus ein weiteres Mal - und diesmal noch sehr viel weitgehender als zuvor.
"Seit ich die Ursprungsversion dieser Suite geschrieben hatte, war soviel Zeit verstrichen, daß ein paar radikale Änderungen notwendig schienen. Ich beschloß, auch Platz für andere Solisten einzuräumen und schrieb die Musik dann für die Solisten um, die ich im Sinn hatte: namentlich für die Violinistin Viktoria Mullova, den Cellisten Matt Haimovitz, Klarinettist Paul Meyer, Gitarrist Philippe Loli und Pauker Bruno Frumento. Ihre Leistungen sind überwältigend."
In seiner heutigen Version fertig war das Werk schließlich im Spätfrühling 2002. Im Juni desselben Jahres ging John McLaughlin mit den Musikern des Orchester I Pomeriggi Musicali di Milano ins Studio, um zuerst die Streicher aufzunehmen. Yan Maresz kümmerte sich danach mit der ihm eigenen Akribie um das "Sound-Design" der anderen Orchesterstimmen. "Das Ergebnis war geradezu erstaunlich", schwärmt McLaughlin. Zuletzt gingen die Solisten in Monaco ins Studio, um dort - einer nach dem anderen - ihre Parts einzuspielen.
Der zweite Teil der CD besteht aus Interpretationen von vier Jazzstandards, die John McLaughlin mit dem Gitarren-Quintett aufnahm, mit dem er 1993 auch schon das Album "Time Remembered" realisiert hatte: François Szönyi, Olivier Fautrat, Alexandre Del Fa und Philippe Loli - auch bekannt als The Aïghetta Quartet - sowie Yan Maresz. Die vier Standards sind den vier Jazzpianisten gewidmet, die McLaughlin am meisten beeinflußt und beeindruckt haben: "My Foolish Heart" ist eine Hommage an Chick Corea, "The Dolphin" an Gonzalo Rubalcaba, "Stella By Starlight" an Herbie Hancock und "My Romance" an Bill Evans.
"Seit ich mit diesen Musikern vor zehn Jahren die Aufnahmen von 'Time Remembered' gemacht habe, träumte ich davon, mit derselben Besetzung einige meiner absoluten Lieblingsstandards einzuspielen", sagt der Gitarrist. "Die Aufnahmen dieses mit fünf Gitarren und einer akustischen Baßgitarre besetzten Ensembles passen meines Erachtens perfekt zu den Einspielungen des Orchesters..."










