Free Jazz - die meisten Menschen verbinden mit dem Begriff eine für das gemeine Ohr unerträgliche Kakophonie, eine wilde Abfolge schriller Geräusche ohne erkennbare Melodie, Harmonie oder identifizierbares Rhythmusmuster. Tatsächlich findet man in der Musikgeschichte vor allem der 1960er Jahre jede Menge Beispiele, die dieses Vorurteil bestätigen können. Nur wenigen Musiker ist es geglückt, dieses Schema aufzubrechen. Einer, der dieser seltenen Spezies angehörte, war der aus St. Louis stammende Trompeter Lester Bowie, der seine freien Improvisationen mit reichlich skurrilen Einlagen spickte. Noch brillanter war in dieser Hinsicht ein Musiker aus Amsterdam: der Klarinettist, Saxophonist, Komponist und Arrangeur Willem Breuker. Mit seinem Anfang der 1970er Jahre gegründeten Kollektief eroberte Breuker in Jahrzehnten ein Publikum, das beim Wort “Free Jazz” normalerweise panisch die Flucht ergriffen hätte.
Als die Jury der Deutschen Schallplattenkritik dem Niederländer 2005 eine Ehrenurkunde verlieh, hieß es in der Laudatio: “Der Klarinettist, Saxofonist und Komponist aus Amsterdam hat vor über dreißig Jahren schon zu seinem eigenen Stil gefunden, der Elemente unterschiedlichster musikalischer Strömungen aufmischt - von der Marschmusik bis zum Idiom von Kurt Weill - und sie mit Spielpraktiken des Jazz verbindet. Die aberwitzigen Improvisationen Breukers und seines Ensembles verbünden sich mit populär daherkommenden Zitaten zu unverhofften Klängen. Dass all dies mit viel humorvollem Hintersinn theatralisch auf die Spritze getrieben wird, ist keine billige Anmache, sondern zeigt, wie wichtig dem Künstler der Spaß an der Freude ist - ein Spaß, der die Musiker und ihr Publikum gemeinsam lachen lässt.”
Wie kein zweiter verstand es Breuker die Atonalität in seiner Musik mit viel Witz zu tarnen. Sein Repertoire war ein atemberaubendes Sammelsurium aus europäischer Improvisationsmusik, Opernarien, Schlagern, eigenwillig aufbereiteten Jazzstandards von George Gershwin und Duke Ellington, Stücken von Kurt Weill und Ennio Morricone, Theatermusiken, Tangos, Märschen und Polkas. In den späten 1980er Jahren gewann Breuker mit seinem Kollektief sowie als Arrangeur und Komponist mehrfach die Down-Beat-Kritiker-Polls in der Sparte “Talents Deserving Wider Recognition”.
Ein Paradebeispiel für Breukers fröhlichen Eklektizismus war das Album “The European Scene - Live At The Donaueschingen Music Festival”, das 1976 bei MPS herauskam und 1995 auf CD wiederveröffentlicht wurde. In den Linernotes zur CD-Ausgabe schrieb Hans-Jürgen Schaal damals: “Breuker ist kein verbissener Fanatiker, aber ein bissiger Humorist mit Amsterdamer Mutterwitz. Er hat nie um politische Positionen gefochten, sondern Ideologiekritik auf eine Weise geübt, die philosophischer Auslegungen nicht bedarf. Breukers Mittel sind die altbewährten Tricks der Narren und Clowns, die auch im Angesicht des Throns ungestraft die Wahrheit sagen. Als Breuker begann, mit Marsch- und Walzermelodien aus der Sphäre des Zirkus zu spielen, distanzierten sich die Orthodoxen des Free Jazz von ihm: Das war ihnen nicht seriös genug. Wie sollten sie auch akzeptieren, dass einer mit solchen Stilbrüchen ihre eigene Trivialität bloßlegt! Wie sollten sie auch an jenen Stellen lachen können, über die sich die Passanten auf der Straße amüsieren! Breuker machte sich selbst zum Musikclown und überführte damit alle musikalische Wichtigtuerei der Narrheit.”
Und genau dafür liebte ihn sein Publikum in aller Welt. Nun ist Willem Breuker am 23. Juli 2010 im Alter von 65 Jahren in Amsterdam gestorben und die Musikwelt um ein wirkliches Original ärmer geworden.










